Kürzlich Altenpfleger in mehreren deutschen Städten gegen die Abschaffung ihres Berufs demonstriert. Berichtet wurde darüber kaum. Wen interessiert schon, dass es bald vielleicht keine Altenpfleger, sondern nur noch generalistisch ausgebildete Pflegekräfte geben wird? Dabei betrifft das Thema uns alle, denn mit der Ausbildungsreform steht das Bild des alternden Menschen in unserer Gesellschaft auf dem Spiel, ja, die Frage, wie wir selbst, wenn wir eines Tages alt und pflegebedürftig sind, versorgt werden möchten.

Ein unangenehmes Thema, gewiss. Womöglich hätte auch ich es übergangen, wenn da nicht meine Mutter wäre. Seit 36 Jahren arbeitet sie im gleichen Seniorenheim. Sie ist eine Altenpflegerin, wie es sie bald nicht mehr geben wird, wenn es nach den Plänen der großen Koalition geht. Altenpfleger, Krankenpfleger sowie Kinderkrankenpfleger sollen dann gemeinsam ausgebildet werden, um später flexibel zwischen den Berufen wechseln zu können.

Antreiber der Ausbildungsreform ist der Deutsche Pflegerat, auch Krankenpflegeverbände befürworten die Umstrukturierung. Sie alle schauen mit dem analytischen, naturwissenschaftlichen Blick der Medizin auf den Menschen, wobei der Dualismus von Gesundheit und Krankheit in der traditionellen Altenpflege bislang keine Rolle spielte. Dieser Dualismus führt einerseits zu einer Verklärung des Alters (Silberne Generation, Best Agers), andererseits aber zu dessen Pathologisierung: Wer nicht mehr als Golden Ager mit einem Elektrorad durch die Gegend gondeln kann, gilt dann als krank, als reif für medikamentöse Behandlung und eine quasi klinische Versorgung.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 05.03.2015.

Meine Mutter war eine gute Schülerin, beruflich stand ihr vieles offen. Sie entschied sich für die Altenpflege, da war sie noch keine 18 Jahre alt. Mit ihrer Wahl war sie lange glücklich. Sie sprach zärtlich von den alten Herrschaften, auch wenn die Windeln trugen und, ausgerechnet wenn ich als Kind zu Besuch kam, Durchfall hatten oder laut schrien. Meine Mutter liebte ihren Beruf. Ich konnte das nie verstehen. Ich mochte am Altenheim nur die Wellensittiche, die in einem Käfig im Eingangsbereich wohnten, und freute mich, wenn wir die Schneiderin besuchten. Es gab eine Nähstube, in der auch Heimbewohner mithalfen. Zum Fasching schneiderten sie mir ein Marienkäferkostüm.

Viele Bewohner packten in der Wäscherei oder in der Küche mit an. Im Garten blühten Rosensträucher und Obstbäume. Zu trinken gab es Saft von selbst geernteten Äpfeln. Das Haus zählte zu den ersten Heimen, in denen ältere Menschen nicht einfach nur untergebracht wurden. Die Eheleute, die das Heim leiteten, waren Altenpfleger mit Leib und Seele. Sie kannten die Lebensgeschichten der Bewohner und Angestellten. Wenn ein Mitarbeiter krank war, sprangen sie ein. Für meine Mutter waren die Heimleiter Vorbilder.

Medikamente seien kaum eingesetzt worden, erzählt meine Mutter. Es waren die sozialpflegerischen Aspekte, denen man in ihrem Pflegeheim die größte Bedeutung beigemessen hat. Dazu zählten Spaziergänge und Gespräche, die gut waren gegen Isolation und Einsamkeit.

Irgendwann änderte sich das Klima im Haus. Die Leiter gingen in den Ruhestand. Der neue Chef hatte Wirtschaft studiert. Die Wäscherei wurde geschlossen, gewaschen wurde jetzt 30 Kilometer weit entfernt. Meine Mutter ärgerte sich darüber, dass durch den Transport immer wieder Kleider verloren oder kaputtgingen. Das Putzen übernahm eine externe Firma. So sauber wie früher war es nicht mehr. Wurde etwas dreckig, griff meine Mutter selbst zum Mopp.

Als sie angefangen hatte, arbeitete meine Mutter vormittags mit zwei Kolleginnen oder seltener Kollegen zusammen, am Nachmittag waren sie zu zweit auf der Station. Das Personal wurde immer weiter reduziert, heute arbeitet eine Fachkraft allein auf einer Station mit etwa 15 Bewohnern. Eine Springerin läuft von Station zu Station, um beim Hochheben schwerer Bewohner zu helfen. Manchmal ist zusätzlich ein Praktikant oder eine Pflegeschülerin da, doch Zeit, sie anzuleiten, gibt es nicht. Zum Essenausteilen kommt eine Hauswirtschafterin. Mehr Zeit für die Bewohner hat meine Mutter aber trotzdem nicht.

Wenn sie aus dem Fenster blickt, sieht sie Äpfel auf der Wiese verfaulen. Niemand sammelt sie mehr auf. Zu trinken gibt es jetzt gekauften Saft.

Ich redete oft auf meine Mutter ein, sie solle in die Schweiz ziehen. Dort werden Pflegekräfte wenigstens anständig bezahlt. Oder sich einen anderen Job suchen. Doch meine Mutter wollte nicht. Sie sah nicht ein, warum sie ihren Beruf aufgeben sollte, der ihr nach all den Jahren noch immer Spaß machte. Stattdessen trat sie ver.di und der Mitarbeitervertretung bei, um für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Ihrem Unmut machte sie immer wieder Luft: Ist unserer christlichen Einrichtung durch all die Sparmaßnahmen die Menschlichkeit abhandengekommen? Sie stritt sich so lange mit ihrem Chef, bis er sie zur Strafe auf eine andere Station versetzte.