DIE ZEIT: Herr Richter, was würden Sie sich für 41 Millionen Euro kaufen?

Gerhard Richter: Für 41 Millionen? Ich glaube nicht, dass mir da etwas einfällt.

ZEIT: Ein Kunstwerk vielleicht?

Richter: Auf die Idee käme ich nicht. Sie müssen wissen, dass ich überhaupt kein Geld für Kunst ausgebe. Ich schaue mir zwar gerne Bilder an, aber dafür gehe ich ins Museum. Ich muss die Kunst nicht besitzen, ich bin kein Sammler.

ZEIT: 41 Millionen Euro, das ist die Summe, die neulich ein Sammler auf einer Auktion für eines Ihrer Bilder ausgegeben hat. Damit sind Sie, so heißt es, Europas teuerster Künstler. Freut Sie das?

Richter: Es kommen ja öfter solche Rekordmeldungen, und jedes Mal erschrecke ich mich erst einmal, auch wenn es ja eigentlich schöne, erfreuliche Nachrichten sind. Die Summe aber, die hat etwas Schockierendes. Sie wissen ja, der ganze Markt für Kunst ist so hoffnungslos überzogen. Es hat allerdings keinen Zweck, sich darüber zu ärgern. Man steht einfach davor, und es ist unverständlich, so wie für mich Chinesisch oder Physik unverständlich sind.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 05.03.2015.

ZEIT: Denken nun viele Menschen, Gerhard Richter sei durch seine Kunst zum Milliardär geworden?

Richter: Vermutlich ist das so, das sehe ich jedenfalls an der eingehenden Post, an den Briefen, die mich darauf hinweisen, wofür ich alles spenden sollte. Neulich schrieb die Bild-Zeitung, ich gehörte zu den reichsten Menschen in Deutschland und würde 450 Millionen Euro besitzen. Das ist völlig aus der Luft gegriffen. Wir Künstler bekommen bei so einer Auktion so gut wie gar nichts. Bis auf einen kleinen Obolus fließt der Gewinn an den Verkäufer.

ZEIT: Aber Sie profitieren doch indirekt, weil steigende Auktionspreise zu steigenden Galeriepreisen führen.

Richter: Jaja, das stimmt. Als ich neulich ein Foto in einer Auflage herausbrachte, da sagte die Galeristin, das könne nun wirklich nicht 2000 kosten. Das müssten 10.000 oder 20.000 sein. Zum Glück kann ich solche Dinge beim Malen draußen lassen. Das ganze Gerede über Markt und Preise bleibt vor der Ateliertür. Ich bin ganz gut im Verdrängen.

ZEIT: Können Sie denn erklären, warum jetzt ausgerechnet das Abstrakte Bild von 1986 einen Rekordpreis erzielte? Ist es besonders gut?

Richter: Es ist schon ziemlich gut, soweit ich mich erinnere. Ich habe es allerdings ewig nicht mehr gesehen.

ZEIT: Sagt der Preis also etwas über die Qualität?

Richter: Das wäre natürlich schön. Manchmal ist es so, da bestätigen die Auktionsergebnisse mein Urteil über ein Kunstwerk, manchmal ist es auch überhaupt nicht so. Als letztes Jahr mein Bild vom Domplatz in Mailand knapp 29 Millionen Euro brachte, kam mir das seltsam vor. Das Bild finde ich nicht so doll, auch wenn es mich zu vielen weiteren Städtebildern angeregt hat. Als ich hörte, wie viel es auf der Auktion gekostet hat, dachte ich: Oh, das ist aber völlig überbezahlt.

ZEIT: Wieso sind denn Auktionen und Auktionsergebnisse überhaupt so wichtig geworden?

Richter: Das frage ich mich auch. Es ist schon ziemlich erschreckend, vor allem wenn man sich die Kataloge anschaut. Ich bekomme die ja immer zugeschickt, und sie werden immer schrecklicher. Sie glauben nicht, was da für Unsinn angeboten wird, zu Preisen, die immer weiter in die Höhe klettern. Für ernsthafte Galerien wird dadurch das Geschäft noch schwieriger.

ZEIT: Inwiefern?

Richter: Weil viele der jungen Künstler sofort auf Auktionen kommen und dort das große Geld verdient wird. Anders als früher können die Künstler sich nicht langsam entwickeln. Das Geschäft wird anonymer, es geht nur noch um den Preis.

"Über Kunst wird so gut wie gar nicht mehr gesprochen"

ZEIT: Kennen Sie denn den Sammler, der nun Ihr Rekordbild erworben hat? Wissen Sie, wo das Bild hängt?

Richter: Das weiß ich leider nicht, ich kenne auch den Käufer nicht. Ursprünglich habe ich es wohl direkt an einen Kölner Sammler verkauft, ich vermute mal, für 15.000 Mark. Und ich war sehr stolz, dass es in die Sammlung kam.

ZEIT: Vielleicht hängt es jetzt in einem dieser Kunstbunker in Singapur oder Basel, als gut gesicherte, steuerfreie Kapitalanlage.

Richter: (lacht) Ja, das kann sein, aber irgendwann kommt es da wieder raus. Wirklich gute Bilder verschwinden nicht. Am Ende landen sie doch im Museum.

ZEIT: Es sei denn, es sind nur Investitionsobjekte. Gerade in jüngster Zeit soll das ja öfter vorkommen.

Richter: Mag sein, aber davon verstehe ich nicht ganz so viel oder auch gar nichts.

ZEIT: Hat sich denn jemals einer dieser Supersammler, die Millionen für einen Richter ausgeben, bei Ihnen gemeldet, weil er sich über seine Erwerbung mit Ihnen austauschen wollte?

Richter: Nein, nie. Ich kenne nur einen, der hat das Bild Tisch von mir gekauft. Ein Chinese oder Koreaner, das ist so ein richtig Besessener, den mag ich gern.

ZEIT: Kann es sein, dass mit den hohen Marktpreisen das inhaltliche Interesse an der Kunst nachlässt?

Richter: Das scheint so zu sein. Lange hat es mich auch sehr geärgert, wenn in vielen Zeitungen nur noch über die Preise gesprochen wurde. Mittlerweile habe ich resigniert, ich habe mich damit abgefunden, dass über Kunst so gut wie gar nicht mehr gesprochen wird. Sie ist im Grunde kein Thema, auch in den Feuilletons nicht.

ZEIT: Aber über Geld wird gesprochen.

Richter: Ja, weil man das leicht fassen kann. Es gibt ja nur wenige, die mit Kunst etwas anfangen können, die ein echtes Verständnis dafür haben.

ZEIT: Warum wehren sich die Künstler nicht stärker gegen die Ökonomisierung der Kunst?

Richter: Da wüsste ich nicht, wie das gelingen sollte.

ZEIT: Sie könnten beispielsweise den Hochpreismarkt durch Billigpreise torpedieren.

Richter: Ach, dafür wird man gleich bestraft, das habe ich mit Editionen erlebt. Da hatte ich hundert kleine Originale gemalt und sehr billig verkauft. Die waren sofort alle weg und landeten unverzüglich auf dem Auktionsmarkt. Der Handel wird so nur noch mehr befördert. Man entkommt dem Markt nicht.

ZEIT: Der Markt lebt aber doch vom Glauben an das Unikat. Wenn Sie also die Originale für sich behielten und nur noch Kopien verkauften – müsste das nicht die Spekulanten abschrecken?

Richter: Lustig, dass Sie das fragen. Darüber habe ich auch schon öfter nachgedacht, mit dem Kurator Hans Ulrich Obrist wollte ich sogar mal eine Ausstellung nur mit Reproduktionen meiner Werke machen. Jetzt zeige ich in Dresden ein vierteiliges, abstraktes Original und auf der gegenüberliegenden Wand die entsprechende Kopie. Das sind große Bilder, und weil man die heute so gut reproduzieren kann, wird es schwierig, den Unterschied überhaupt auszumachen.

ZEIT: Und meinen Sie, diese Kopien würden sich genauso teuer verkaufen wie die Originale?

Richter: Nein, die Originale kosten mindestens das Dreißigfache.

ZEIT: Ich vermute, dass Fotografen wie Andreas Gursky ihre Werke deshalb künstlich knapp halten – auf diese Weise können sie den Markt noch weiter anheizen.

Richter: Da haben Sie recht, gerade für Fotografen ist das großer Unsinn. Die verhalten sich marktgerecht, weiter nichts. Dabei könnte ein Gursky so billig sein, dass sich ihn jeder leisten könnte. Nur vielleicht ein wenig kleiner im Format. Die sind ja immer so ungeheuer groß.

ZEIT: Welche Bedeutung hat denn für Sie das Original heute noch?

"Der Zusammenbruch könnte jederzeit kommen"

Richter: Eigentlich keine besonders große. Ich fand es toll, dass es in der Tate Modern in London, wo ich ausgestellt wurde, einen On-demand-Drucker gab, der viele meiner Bilder ausdruckte, damit sie jeder mit nach Hause nehmen konnte. Ich habe auch bei mir im Atelier viele meiner Bilder als Reproduktion hängen. Die Tante Marianne hatte ich zum Beispiel auf Leinwand drucken lassen, das sah allerdings schrecklich aus, wie eine Leiche. Auf glattem Papier aber kann man so eine Reproduktion gut machen.

ZEIT: Sie sagen aber dennoch, dass mit solchen Mitteln der Markt nicht auszutricksen ist.

Richter: Ja, aber das macht auch nichts. Irgendwann korrigiert sich der Markt schon von allein. Die Wertvorstellungen ändern sich, und was heute noch gefeiert wird, kann schon morgen abstürzen.

ZEIT: Wird auch Ihre Kunst abstürzen?

Richter: Das halte ich für möglich.

ZEIT: Wann wird das passieren?

Richter: (lacht) Das weiß ich nicht, aber schon seit 20 Jahren denke ich, der Zusammenbruch könnte jederzeit kommen.

ZEIT: Und dann? Stehen alle dumm da, die jetzt so viel Geld für Ihre Bilder ausgegeben haben?

Richter: Ja.

ZEIT: Sie sagen das in so heiterem Ton, als würde Ihnen der Gedanke gefallen.

Richter: Nein, so ist es nicht. Schadenfreude empfinde ich nur für Leute, die auf Fälschungen reinfallen.

ZEIT: Und es würde Sie nicht ärgern, wenn im nächsten Herbst plötzlich nicht Sie, sondern Georg Baselitz als der teuerste europäische Künstler gehandelt würde?

Richter: Doch, das würde mich schon ärgern. Ich würde denken, der ist ja nicht so gut.

ZEIT: Bei wem würden Sie sich nicht ärgern? Bei Francis Bacon, dessen Triptychon für über 100 Millionen Euro verkauft wurde?

Richter: Ach, Bacon ist raus, der ist erhaben. Ich schätze ihn sehr, da kann ich verstehen, wenn jemand viel Geld bezahlt.

ZEIT: Und bei Warhol, noch so einem Rekordhalter?

Richter: Da habe ich schon meine Zweifel. Als neulich ein Spielkasino hier in Nordrhein-Westfalen seine Warhols verkaufte und es einen großen Zirkus darum gab, da dachte ich, was soll der Unsinn, es waren doch eh bloß Drucke, ziemlich populistische Drucke noch dazu. Da soll man nicht so einen Wirbel machen, sondern froh sein, dass sie durch ihren Verkauf die Staatskasse auffüllen.