Nach einer knappen Stunde, als Beatrix von Storch sich richtig warmgeredet hat, landet sie beim Analsex. Analsex unter Grundschülern. Staunen im Publikum. Da führt sie hin, diese Gleichstellung der Geschlechter? Fassungslosigkeit, Entsetzen.

Aber zurück zum Anfang dieses Abends, in ein Separee des Restaurants Vaporetto am Spreeufer, wohin der AfD-Bezirksverband Berlin-Mitte am vergangenen Donnerstag geladen hat. Man wolle das Lokal als festen Treffpunkt etablieren, sagt der Bezirksvorsitzende zur Begrüßung, der Ort "wäre ein guter Pfahl im Fleisch der Hauptstadt". Der Reichstag liegt nur wenige Gehminuten entfernt. "Also sorgen Sie bitte dafür, dass wir den Mindestumsatz erreichen", sagt der AfD-Mann.

Thema des Treffens: Gender-Mainstreaming, zu Deutsch: Geschlechtergleichstellung. Beatrix von Storch, 43 Jahre alt, soll dazu einen Vortrag halten. In der AfD ist sie eine bekannte Frau, man kann sagen, dass sie die Partei miterfunden hat. 2010, damals noch Rechtsanwältin, organisierte von Storch zivilen Widerstand gegen das erste Griechenland-Rettungspaket. 100.000 E-Mails verschickte sie nach eigenen Angaben. Aus der Wutwelle wurde eine politische Bewegung, und am Ende gab es die AfD. Seit Juli 2014 sitzt Beatrix von Storch für die Partei im EU-Parlament. Dort kämpft sie gegen die "Ideologie" des Gender-Mainstreamings, das seit Rot-Grün auch ein politisches Ziel der Bundesregierungen ist.

Nun steht von Storch in einem hellen, knittrigen Hosenanzug vor zwei Dutzend Zuhörern. Es sind ältere und jüngere AfD-Mitglieder ins Vaporetto gekommen, mehr Männer als Frauen. Fast alle bestellen Getränke und Pizza, der Mindestumsatz.

"Ich möchte einen Ritt durch das Thema Gender-Mainstreaming machen, so wie ich es mir erarbeitet habe", sagt von Storch. Der Ritt beginnt mit einem FAZ-Artikel, in dem eine zwölfjährige Realschülerin im Sexualkundeunterricht die Hausaufgabe bekommt, Kondome zu besorgen, Lernziel: "Am Kauf von Verhütungsmitteln ist nichts Peinliches." Erstes Kopfschütteln im Publikum. Kondome! Mit zwölf! Wie konnte es so weit kommen?

Von Storch springt zurück ins Jahr 1995, zur UN-Weltfrauenkonferenz in Peking, wo der Begriff Gender-Mainstreaming in die Welt gekommen sei. 189 Staaten verabschiedeten dort einen Forderungskatalog, der mit der Vorstellung von lediglich zwei Geschlechtern – Frau und Mann – zu brechen gedachte. Um die Gleichstellung aller Geschlechtertypen sollte es gehen. Allein schon der Begriff: "Gender" bezeichne das neutrale Geschlecht, sei aber von diesen Feministinnen nie klar definiert worden, sagt von Storch. In dieser Verwirrung liegt für sie der Kern allen Übels.

Durchatmen, ordnen: Was sagt eigentlich das Lexikon? "Gender-Mainstreaming bedeutet, die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern bei allen Entscheidungen auf allen gesellschaftlichen Ebenen zu berücksichtigen, um so die Gleichstellung der Geschlechter durchzusetzen." Klingt so weit ganz vernünftig, aber nicht für Beatrix von Storch. "Gender-Mainstreaming ist eine politische Geschlechtsumwandlung!", ruft sie. "Genau das ist es!", hallt es aus dem Publikum. Gelächter.

Der Raum gehört jetzt von Storch. "Facebook hat kürzlich die Kategorien Mann und Frau abgeschafft", sagt sie. "Man kann sich nun ein Geschlecht aus 60 Begriffen wählen. Es gibt androgyn, bigender, genderqueer, intersexuell, Transfrau, Transmann, inter*weiblich, inter*männlich ... Sagen Sie Bescheid, wenn Sie genug haben!" Großes Johlen. "Es ist ja unbestritten, dass es diese Zwischendinger gibt", sagt von Storch. "Aber das ist doch bitte nicht der Normalfall!" Applaus.

Von der Auflösung der herkömmlichen Geschlechterrollen ist es für von Storch nicht mehr weit zur Zersetzung der klassischen Familie und zur Frühsexualisierung von Kindern. Sie zitiert aus einer Broschüre der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, in der die Masturbation bei Kleinkindern begrüßt werde, und liest einen Diktattext vor ("Dritte Klasse!"), in dem Familien wie selbstverständlich aus zwei Vätern, zwei Müttern oder vielerlei Patchworkkonstrukten bestehen. Ein deutscher Lehrplan sehe sogar vor, Grundschüler vor der Klasse Analsex nachstellen zu lassen, sagt von Storch. Der Einwand eines anwesenden Lehrers, dass die Kinder an seiner Schule aber "noch ein ganz gesundes Empfinden" hätten, geht im allgemeinen Protestgeraune unter.

"Wo bekommt man denn Ihren Vortrag her?", fragt ein Gast am Schluss. Sie schicke ihr Material nicht so gerne herum, sagt von Storch, aber sie werde bald mal ein Abstract mit Verweisen auf ihre Homepage stellen, was in den folgenden Tagen allerdings nicht geschehen wird. Im Vaporetto bleiben die Quellen für ihre Behauptungen nebulös, doch die meisten Zuhörer stört das nicht. Die Bestätigung ihres Unbehagens genügt.

Die Auflösung des Altbekannten, das wird an diesem Abend klar, macht manchen Leuten Angst. Ethnisch homogene Nationalstaaten? Gibt es nicht mehr. Die starke D-Mark? Geschichte. Familien, die aus Mann und Frau (verheiratet) mit zwei bis drei Kindern bestehen? Immer seltener zu finden. Wem all das nicht behagt, dem bleibt die AfD.

"Vergessen Sie nicht zu bezahlen!", mahnt der Bezirksvorsitzende zum Abschied. Sonst wird das ja nichts mit dem Pfahl im Fleisch der Hauptstadt.

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