DIE ZEIT: Wer das durchgetaktete Leben in Büro und Konzern satthat, findet auf Ihrem Jobportal Escape the City allerhand ausgefallene Berufsangebote. Da sucht ein Nationalpark in Peru einen Koch, in der Antarktis gibt es eine Stelle im Postbüro, und in Äthiopien könnte ein Freiwilliger ein Kinderhaus leiten. Interessiert sich dafür jemand?

Rob Symington: Derzeit haben wir 180.000 Nutzer, die meisten davon kommen aus Großbritannien und den USA, danach folgt schon Deutschland.

ZEIT: Wie viele Deutsche sind dabei?

Symington: Wir haben knapp 19.000 deutsche Mitglieder. Die meisten von ihnen stammen aus München, Hamburg und Berlin.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 05.03.2015.

ZEIT: Auf ihrer Seite sammeln sie auch Escape-Geschichten von früheren Bankern, Beratern oder Anwälten, die andere Aussteiger inspirieren sollen. Ein New Yorker Investmentbanker schreibt, dass er jetzt ein kleines Ski Resort in Japan leitet. Gib es auch deutsche Beispiele?

Symington: Ja, ein Mann aus Heidelberg arbeitete acht Jahre lang im Marketing für große Firmen wie die Telekom. Er war gestresst und deprimiert von den vielen Geschäftsreisen, den langen Arbeitszeiten, wollte dem ganzen Geschwindigkeitsdruck entfliehen. Er hat immer schon hobbymäßig Getränke gebraut. Jetzt hat er ein Geschäft daraus gemacht und vertreibt seine eigene Limonade.

ZEIT: Wie funktioniert das Geschäftsmodell von Escape the City?

Symington: Wir sind eine Jobbörse, in der spannende Arbeitgeber für Stellenanzeigen bezahlen. Wir verdienen auch durch Coachings und geben Workshops in unserer Escape School.

ZEIT: Was kann man da lernen?

Symington: Unternehmerisches Denken. Wie nehme ich meine Karriere selbstständig in die Hand, treibe Gelder ein oder gründe eine eigene Firma. In der Konzernwelt wird einem vermittelt, nicht aus der Reihe zu tanzen, im Grunde wird einem der Mut abtrainiert. Wir wecken den wieder.

ZEIT: Ein großer Konzern verspricht ein sicheres Einkommen und einen geregelten Alltag. Warum haben so viele Menschen keine Lust mehr auf ihre Jobs bei großen Firmen?

Symington: Das ist doch nur die Illusion von Sicherheit. Das ganze Wirtschaftssystem ist seit der Finanzkrise erschüttert, und wir wissen, wie schnell Menschen ihre vermeintlich sicheren Jobs verlieren können. Außerdem ist der Alltag in großen Firmen frustrierend. Die meisten Leute glauben doch, dass Arbeit eine tiefere Bedeutung hat, und wollen nicht nur arbeiten, um ihre Rechnungen begleichen zu können. Wir müssen nicht die Welt retten, aber die Arbeit sollte erfüllen. Immerhin verbringen wir mehr Zeit damit als mit irgendetwas anderem.

ZEIT: Auch Sie und Ihr Escape-Mitgründer Dom Jackman waren als Berater bei Ernest & Young unzufrieden.

Symington: Ja, wir haben monatelang an millionenschweren Projekten gearbeitet, aber für die Kunden letztlich nichts verändert. Ich habe von sieben Uhr morgens bis abends um zehn Nummern hin und her geschoben und Präsentationen gemacht. Dass ich dafür ein Treffen mit Freunden oder ein super Fußballmatch zwischen Manchester United und Barcelona absagen musste, interessierte niemanden.

ZEIT: Wann haben Sie Ihren Ausstieg beschlossen?

Symington: Dom und ich haben die ganze Zeit Ideen gesponnen, was man so Eigenes aufbauen könnte. Da war auch völliger Quatsch dabei, ein T-Shirt-Verleih oder ein Lieferservice für Katerfrühstück. Eines Abends schickte ich Dom aus dem Büro eine E-Mail: "Hey, lass uns ein Bier trinken." Dahinter ein Bier-Icon. Und den Satz: "Ich muss hier raus, escape the city!" Dazu ein Bild der Escape-Taste, die vor der Tastatur abhaut. Dom schrieb nur zurück: "Das ist es!"

ZEIT: Das ist es?

Symington: Ja. Wir wollten da raus. Und wenn wir unseren Frust mit Freunden und Kollegen teilten, sagten die, uns geht es genauso, wir wollen auch raus. Aber die meisten wagten den Schritt nicht. Wir fingen an, in einem Blog darüber zu schreiben, und gründeten dann unseren Start-up, um Menschen den Ausstieg aus ihren Konzernjobs zu erleichtern. Das beste Businessmodell ist es doch, die Lösung für ein Problem anzubieten.

ZEIT: "The City", der Sie entfliehen wollten, steht im Englischen auch für den Finanzdistrikt in London. Ausgerechnet dort hat Ihr Start-up seinen Sitz.

Symington: Es gibt Leute, die das stört. Manche alten Kollegen halten uns für Hippies, andere kommen abends auf ein Bier bei uns vorbei. Und ein paar arbeiten jetzt für uns. Ich finde, wir sind da genau richtig platziert mit unseren Hoodies zwischen den Anzugträgern, da sind wir nah an unserer Zielgruppe.