Ein idealer Leser dieses Buches ist schon vor dreißig Jahren im Greisenalter gestorben. An Carl Schmitt nämlich denkt man unwillkürlich, sobald man einige Seiten von Joseph Vogls Langessay Der Souveränitätseffekt gelesen hat. Der berühmt-berüchtigte Staatsrechtslehrer Schmitt, auf dessen aktuellen Deutungen der Weltkrisenlage man ja ohnehin neugierig wäre: Er hätte sicher elektrisiert einiges an den Rand dieses Buches gekritzelt, hätte gewiss eine dringende Lektüreempfehlung aus seiner Einsamkeit im sauerländischen Plettenberg an seine verstreuten Adepten geschrieben. Dass einem dieses Bild so plastisch vor Augen steht, liegt nicht nur daran, dass Vogl in seinem Buch ein zentrales Lebensthema Schmitts, die Möglichkeit und Grenzen souveränen politischen Handelns, berührt und ihn ab und an natürlich zitiert. Sondern es liegt an Vogls schmittianischer Form: ein geschickt gebautes ideengeschichtliches Traktat in einem suggestiven Sound. Und es liegt an der Stoßrichtung: Vogl will die – vermeintlich – geheimen Bereiche der Macht entlarven, die Arkanräume, in denen unkontrolliert Entscheidungen fallen – für Schmitt ein Dauerbrenner des Politischen, der allerdings das Geheimnis untrennbar mit jedweder Macht verbunden sah. Beide eint zudem der Gegner: der Liberalismus, der – verlogen oder blind – genau diese Geheimbereiche verschleiere, weil er die Kontrollierbarkeit der Macht suggeriere.

Der 1957 geborene Joseph Vogl ist einer der renommiertesten Literaturwissenschaftler hierzulande, er lehrt an der Berliner Humboldt-Universität. Wie einige seiner geisteswissenschaftlichen Kollegen wurde er aktiviert vom Ausbruch der Finanzkrise 2008 und legte 2010 seinen Essay Das Gespenst des Kapitals über die Natur kapitalistischer Ökonomien vor. Mit seinem neuen Buch folgt jetzt gewissermaßen eine Fortsetzung, Ausweitung und Radikalisierung, in den Worten des Autors ein "historisch-spekulativer Versuch".

Aktuell diagnostiziert Vogl die "Herrschaft der Finanzökonomie", in der Expertenkomitees, improvisierte Gremien und informelle Konsortien die Regierungsgeschäfte mit einer Notstandspolitik übernommen hätten. Schon gegen diesen normativen Ausgangspunkt Vogls, den man aus nicht gerade wenigen Leitartikeln der vergangenen Jahre kennt, könnte man mit vielerlei juristischen und politikwissenschaftlichen Argumenten diskutieren. Allerdings holt Vogl weiter aus: Darin spiegele sich ein spezieller Machttypus, der sich im Laufe der letzten dreihundert Jahre gebildet habe. Darin stünden Wirtschaft und Politik sich nicht als Gegensatz im Kampf gegenüber (eine "Legende des Liberalismus"), sondern bildeten in Form des modernen Finanzwesens eine enge Symbiose, eine "vierte Gewalt" mit unkontrollierter politischer Entscheidungsmacht. Dessen Entstehung will Vogl erzählen – und das ist tatsächlich originell.

Dramatisch ist schon mal Vogls Anfang: das Chaos der Krise von 2008, die Kaskaden der Krisenreaktionen, die Hilflosigkeit der Akteure, alles rasend schnell hintereinander getaktet. Allerdings geht er der interessegeleiteten Krisenrhetorik der Beteiligten auf den Leim: Aus der Rhetorik von Notstand und Ausnahmezustand schließt Vogl, rhetorisch versiert, dass sich daraus ein softer "Staatsstreich" gegen die Regeln ergeben habe – obwohl er selbst die gesetzlichen Paragrafen nennt, nach denen in der Krise alle agierten. Es passt einfach zu gut in das Drama.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 05.03.2015.

Umfassend ist Vogls Blick in die Vergangenheit: Er schildert den Bedeutungsgewinn der Ökonomie als Staatsangelegenheit in der Frühen Neuzeit, in der sich für ihn theologische Ordnungsideen transformierten – Keimzelle auch einer späteren liberalen Marktreligion. "Analog Politik: säkularisierte theologische Begriffe!" hätte hier Carl Schmitt wohl an den Rand gekritzelt. Er schaut auf die Souveränitätstheoretiker Bodin und Hobbes, die sich mal mehr (Bodin), mal weniger (Hobbes) um die Ökonomie sorgten. Dann die "Sache der Finanz", womit einer der schillerndsten Begriffe Vogls auftaucht: Zunächst meint er damit das Auftauchen eines öffentlichen Finanzwesens, das dem souveränen Herrscher Grenzen zieht – in Gedanken ist man da sofort in der Gegenwart. Vogls Pointen sind oft reizvoll: so, wenn er die gigantische europäische Macht von ein paar Genueser Finanzspekulanten im 16. Jahrhundert beschreibt oder die Brutalität, mit der der aufgeklärte Forscher Isaac Newton von 1696 an als Chef der Königlichen Münze in London gegen Geldfälschung vorging, dank Agentennetz und rigoroser Todesstrafe. Vogls Finanz schlägt allenthalben schon früh zu.

Jene Epoche um 1700 ist der Schlüssel für seine oft von Michel Foucault inspirierte Argumentation. Denn damals entstand beispielsweise die Bank of England, in der private Financiers, Staatsgläubiger und Banken öffentliche Aufgaben übernahmen (und zudem im Parlament saßen): Finanzmärkte und Politik versippten sich, es beginnt die "Ökonomisierung des Regierens": "Die Bindung des Souveräns ging mit einer Apotheose der Finanz einher." Hinter solch suggestiv-raffinierter Einseitigkeit allerdings verbirgt sich ein grundlegendes Problem dieses historisch-spekulativen Buches. Denn die Entstehung moderner Staatlichkeit stand vor viel größeren Ordnungsaufgaben: Hunger, Seuchen, Krieg – Unglück und Gewalt in Permanenz. Vogl vergrößert mit der Lupe seine Details für seine Langfristperspektive und verliert wortgewaltig darüber das historische Umfeld aus dem Blick.

Das fällt besonders ins Gewicht, wenn er den Aufstieg der Zentralbanken im 20. Jahrhundert bis hin zur EZB schildert, detailliert besonders das Federal Reserve System in den USA zwischen 1913 und 1935, in dem private Banken in geheimen Ausschüssen eine zentrale Rolle spielten, abseits demokratischer Kontrollen. Es entstehe die "vierte Gewalt", so Vogl auch über Bundesbank und EZB, die ihre verbriefte Unabhängigkeit zur Durchsetzung der Finanzmarktinteressen gebrauche. Dieses Zentralbankensystem ist für Vogl der entscheidende Sündenfall, gleichsam der Zielpunkt seiner spekulativen Erzählung – doch es war in Wahrheit die gesetzlich geregelte, an den Souverän rückgebundene Antwort auf den gigantischen Aufstieg des Staates und dessen zunehmende Macht. So sehr man über die demokratietheoretische Zulässigkeit unabhängiger Zentralbanken auch diskutieren kann: Vieles spricht nach wie vor dafür, dass sie vorerst die Möglichkeit von Volkssouveränität sichern, weil ansonsten vor lauter Armut leider bald kein Volk mehr an Souveränität interessiert ist.

Am schwächsten ist Vogls Schlusskapitel, in dem er vehement die gängige Kritik an der Entfesselung des Marktes und der Aushöhlung und Instrumentalisierung des Staates durch neue Finanzregime variiert: nichts neues seit Attac an dieser Front. Das systematische Hauptproblem freilich an seiner Konzentration auf die jahrhundertelange Symbiose von Politik und Finanz, in der Markt und Staat nie Gegensatz seien, ist etwas anderes: Umstandslos wird dadurch ein neuer ewiger Gegensatz konstruiert – einerseits die Beherrschten, andererseits die Macht des Zentralbankturms. Doch jedwede Macht ist heute längst plural geworden, in mannigfaltigen Institutionen, in denen Vogl bloß neue Herrschaftstechniken erkennt. Sie ermöglichen jedoch Teilhabe, Regulierung, Differenzierung – eine Art vielfache Souveränität. Permanent unterschätzt Vogl die Machtmöglichkeiten von Politik und Institutionen – gerade in den vergangenen Krisenjahren haben sie sich, anders als nach der Weltwirtschaftskrise 1929, als erstaunlich stabil und zivil erwiesen.

Die gefährliche Brisanz aber dieses Buches, deretwegen Carl Schmitt elektrisiert gewesen wäre, rührt von woandersher. Vogls Engführung von Finanzmacht, Politik und Souveränität läuft in der Konsequenz auf nichts anderes als die Delegitimierung der Neuzeit hinaus. Denn wenn Vogl recht hätte, dann hätten die modernen westlichen Gesellschaften zwischen 1600 und 1700 einen zunächst kaum sichtbaren Irrweg eingeschlagen, der heute in der totalitären Macht der Finanzökonomie kulminierte. Dann bitte schön kein Wort mehr von Staat, Institutionen, Emanzipation und Demokratie – das Wort kommt bei Vogl bezeichnenderweise fast gar nicht vor. Wer aber beispielsweise in der Abstimmung des Deutschen Bundestags über die Griechenlandhilfe in der vergangenen Woche immer noch einen erhabenen Moment des Souveräns sieht, der muss sich gegen diese Delegitimierungsperspektive hartnäckig und ausdauernd wehren. Joseph Vogl freilich würde ihn dabei nur belächeln.