Nach dem Training mit der Mannschaft beginnt für Julian Green die Feinarbeit. Er nimmt sich einen Sack voller Bälle und schießt aufs Tor. Allein. Bis in die Fingerspitzen spannt er die Muskulatur an, die er täglich mit Liegestützen formt. Wieder und wieder zirkelt der schmale junge Mann mit dem Irokesenschnitt die Bälle ins Netz. Wenn er nur gut genug trainiere, hat der Trainer gesagt, dann dürfe er bald wieder mit den Großen spielen. Also schießt Green. Bis zur Erschöpfung. Dann steigt er in seinen Dienstwagen, einen Audi A5, und fährt die Elbchaussee entlang nach Hause.

"Zuhause" würde er diese Wohnung im obersten Stock in Hamburgs vornehmem Westen nie nennen. Unter den edlen Angeboten, die ihm der HSV bei seiner Ankunft im Spätsommer präsentierte, gefiel ihm diese am besten. "Ich sehe die Elbe", sagt er. Green kommt aus Oberbayern, er liebt die Natur, die Berge, den Wald und das Wasser. Wenn die Sehnsucht besonders groß ist, dann schlendert er am Wasser entlang, lässt es die Zeit zu, bis zum Strand von Blankenese. Im Moment hat er verdammt viel Zeit.

Julian Green war immer der Beste seines Alters. Mindestens 20-mal traf er pro Saison für seinen bayerischen Jugendverein, den FC Hausham. Er war noch ein Kind, als er zum FC Bayern München wechselte. Green hat einen deutschen und einen amerikanischen Pass, spielte für die Jugendnationalteams beider Nationen. Und traf weiter zuverlässig. Uli Hoeneß war begeistert von diesem Jungen, mit 18 Jahren erhielt Green einen Profivertrag, Trainer Pep Guardiola setzte ihn in der Champions-League ein, wenige Monate später lief er fürs amerikanische Nationalteam bei der WM in Brasilien auf. Sein Treffer im Achtelfinale katapultierte ihn weltweit zum "German Wunderkind". Bundestrainer Joachim Löw, der ihn gerne in der deutschen Nationalmannschaft empfangen hätte, bezeichnet Green als "unheimlich großes Talent, er ist schnell und hat eine präzise Schusstechnik".

Namensliste in der Kabine

Acht Monate sind vergangen, seitdem Green weltberühmt wurde. Sein Vertrag bei den Bayern läuft bis 2017. Er verdient eine Million Euro im Jahr. Wenige Wochen nach der Rückkehr aus Brasilien rief der HSV an: Man benötige seine außergewöhnliche Qualität, wolle ihn ausleihen. Green klopfte an die Kabinentür Guardiolas, fragte: "Trainer, soll ich das machen?" Mach es, soll Guardiola geraten haben, sammle Spielpraxis, und in einem Jahr kommst du gestärkt zurück in mein Team. Und Green zog "voller Vorfreude" nach Hamburg.

Die Bilanz der vergangenen Monate ist mager: Green wurde beim HSV nur fünfmal eingesetzt, anstatt eines Tors kann er eine gelbe Karte und eine Rippenprellung vorweisen. In der Rückrunde war er noch nicht mal mehr im Kader. Jedes Mal zittert er aufs Neue dem Moment entgegen, wenn der Co-Trainer die Namensliste in der Kabine aufhängt: "Die nominierten Spieler werden mit einem Kreuz markiert", erzählt er, hinter seinem Namen stand lange nichts mehr. Green droht der Rauswurf!, titelten die Zeitungen, Null Bock-Green. Der Typ sei "eine Enttäuschung auf ganzer Linie".

Er ist schmaler geworden, die Haut an seinen Fingernägeln hat er leicht eingerissen. In einer Stunde spielt der HSV in München. Ihn, den bayerischen Jungen, haben sie zurückgelassen. "Ich glaube, ich habe mich noch nie so alleine gefühlt", sagt Green. Er beginnt zu erzählen. Von seinem Papa in Florida, seiner Mama, die liebevoll und streng zugleich sei, und vom Alltag in Hamburg, diesem "kühlen Ort". Die Geschichte Julian Greens ist das kleine Drama eines Fußballwunderkinds.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 05.03.2015.

Ein Leben als Fußballer ist ein Auf und Ab zwischen gebraucht und verkauft werden. Im Schnitt durchläuft ein Spieler fünf Vereine in der Karriere. Er wandert von Klub zu Klub, meist dorthin, wo das meiste Geld lockt. Im Scheinwerferlicht kämpfen elf Männer gemeinsam auf dem Platz. "Geht das Licht aus, kämpft jeder allein", sagt Green.

Härte fürs Leben

Julian Green ist das Kämpfen gewohnt. Er kam vor 19 Jahren als Sohn einer Deutschen und eines Amerikaners in Florida zur Welt. Von Heimweh geplagt, zog die Mutter alleine mit zwei Söhnen zurück ins bayerische Städtchen Miesbach. Viel Geld hatte die Lehrerin nicht, aber sie hatte Lebenserfahrung. Sie erklärte ihren Kindern, mit Leistung und Respekt könne man alles erreichen, und meldete sie zum Eishockeytraining an. Ein geeigneter Ort, um sich Härte fürs Leben anzueignen. Julian Green spielte auch Tennis – Fußball jedoch wurde zur Leidenschaft. Mit 14 Jahren erhielt er das erste Angebot vom FC Bayern. Zu früh, sagte seine Mutter. Er sollte Kind sein dürfen.

Zwei Jahre später folgt die nächste Einladung. Green sitzt in der Küche seiner Mutter. Regungslos. Diesmal lässt sie ihn ziehen. "Mit dem FC Bayern im Herzen", sagt er heute, "bin ich aufgewachsen. Der Verein ist Liebe zum Fußball. Außerdem arbeitet da der beste Trainer der Welt." Er hat die Wahl zwischen Amerika und Deutschland – Julian Green findet seine Heimat beim FC Bayern.