Julian Green im August 2014 © Lars Baron/Getty Images

Nach dem Training mit der Mannschaft beginnt für Julian Green die Feinarbeit. Er nimmt sich einen Sack voller Bälle und schießt aufs Tor. Allein. Bis in die Fingerspitzen spannt er die Muskulatur an, die er täglich mit Liegestützen formt. Wieder und wieder zirkelt der schmale junge Mann mit dem Irokesenschnitt die Bälle ins Netz. Wenn er nur gut genug trainiere, hat der Trainer gesagt, dann dürfe er bald wieder mit den Großen spielen. Also schießt Green. Bis zur Erschöpfung. Dann steigt er in seinen Dienstwagen, einen Audi A5, und fährt die Elbchaussee entlang nach Hause.

"Zuhause" würde er diese Wohnung im obersten Stock in Hamburgs vornehmem Westen nie nennen. Unter den edlen Angeboten, die ihm der HSV bei seiner Ankunft im Spätsommer präsentierte, gefiel ihm diese am besten. "Ich sehe die Elbe", sagt er. Green kommt aus Oberbayern, er liebt die Natur, die Berge, den Wald und das Wasser. Wenn die Sehnsucht besonders groß ist, dann schlendert er am Wasser entlang, lässt es die Zeit zu, bis zum Strand von Blankenese. Im Moment hat er verdammt viel Zeit.

Julian Green war immer der Beste seines Alters. Mindestens 20-mal traf er pro Saison für seinen bayerischen Jugendverein, den FC Hausham. Er war noch ein Kind, als er zum FC Bayern München wechselte. Green hat einen deutschen und einen amerikanischen Pass, spielte für die Jugendnationalteams beider Nationen. Und traf weiter zuverlässig. Uli Hoeneß war begeistert von diesem Jungen, mit 18 Jahren erhielt Green einen Profivertrag, Trainer Pep Guardiola setzte ihn in der Champions-League ein, wenige Monate später lief er fürs amerikanische Nationalteam bei der WM in Brasilien auf. Sein Treffer im Achtelfinale katapultierte ihn weltweit zum "German Wunderkind". Bundestrainer Joachim Löw, der ihn gerne in der deutschen Nationalmannschaft empfangen hätte, bezeichnet Green als "unheimlich großes Talent, er ist schnell und hat eine präzise Schusstechnik".

Namensliste in der Kabine

Acht Monate sind vergangen, seitdem Green weltberühmt wurde. Sein Vertrag bei den Bayern läuft bis 2017. Er verdient eine Million Euro im Jahr. Wenige Wochen nach der Rückkehr aus Brasilien rief der HSV an: Man benötige seine außergewöhnliche Qualität, wolle ihn ausleihen. Green klopfte an die Kabinentür Guardiolas, fragte: "Trainer, soll ich das machen?" Mach es, soll Guardiola geraten haben, sammle Spielpraxis, und in einem Jahr kommst du gestärkt zurück in mein Team. Und Green zog "voller Vorfreude" nach Hamburg.

Die Bilanz der vergangenen Monate ist mager: Green wurde beim HSV nur fünfmal eingesetzt, anstatt eines Tors kann er eine gelbe Karte und eine Rippenprellung vorweisen. In der Rückrunde war er noch nicht mal mehr im Kader. Jedes Mal zittert er aufs Neue dem Moment entgegen, wenn der Co-Trainer die Namensliste in der Kabine aufhängt: "Die nominierten Spieler werden mit einem Kreuz markiert", erzählt er, hinter seinem Namen stand lange nichts mehr. Green droht der Rauswurf!, titelten die Zeitungen, Null Bock-Green. Der Typ sei "eine Enttäuschung auf ganzer Linie".

Er ist schmaler geworden, die Haut an seinen Fingernägeln hat er leicht eingerissen. In einer Stunde spielt der HSV in München. Ihn, den bayerischen Jungen, haben sie zurückgelassen. "Ich glaube, ich habe mich noch nie so alleine gefühlt", sagt Green. Er beginnt zu erzählen. Von seinem Papa in Florida, seiner Mama, die liebevoll und streng zugleich sei, und vom Alltag in Hamburg, diesem "kühlen Ort". Die Geschichte Julian Greens ist das kleine Drama eines Fußballwunderkinds.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 05.03.2015.

Ein Leben als Fußballer ist ein Auf und Ab zwischen gebraucht und verkauft werden. Im Schnitt durchläuft ein Spieler fünf Vereine in der Karriere. Er wandert von Klub zu Klub, meist dorthin, wo das meiste Geld lockt. Im Scheinwerferlicht kämpfen elf Männer gemeinsam auf dem Platz. "Geht das Licht aus, kämpft jeder allein", sagt Green.

Härte fürs Leben

Julian Green ist das Kämpfen gewohnt. Er kam vor 19 Jahren als Sohn einer Deutschen und eines Amerikaners in Florida zur Welt. Von Heimweh geplagt, zog die Mutter alleine mit zwei Söhnen zurück ins bayerische Städtchen Miesbach. Viel Geld hatte die Lehrerin nicht, aber sie hatte Lebenserfahrung. Sie erklärte ihren Kindern, mit Leistung und Respekt könne man alles erreichen, und meldete sie zum Eishockeytraining an. Ein geeigneter Ort, um sich Härte fürs Leben anzueignen. Julian Green spielte auch Tennis – Fußball jedoch wurde zur Leidenschaft. Mit 14 Jahren erhielt er das erste Angebot vom FC Bayern. Zu früh, sagte seine Mutter. Er sollte Kind sein dürfen.

Zwei Jahre später folgt die nächste Einladung. Green sitzt in der Küche seiner Mutter. Regungslos. Diesmal lässt sie ihn ziehen. "Mit dem FC Bayern im Herzen", sagt er heute, "bin ich aufgewachsen. Der Verein ist Liebe zum Fußball. Außerdem arbeitet da der beste Trainer der Welt." Er hat die Wahl zwischen Amerika und Deutschland – Julian Green findet seine Heimat beim FC Bayern.

"Auf dem Zettel stand Abmahnung"

In 23 Spielen für die zweite Mannschaft der Bayern trifft er 15 Mal. Und jedes Tor macht ihn sportlich attraktiver. Er ist erst 17 Jahre alt, aber die Erwachsenen haben Großes mit ihm vor. Jung, hübsch, weltläufig, erfolgreich, das lässt sich gut vermarkten. Nike und adidas buhlen um ihn. Die WM rückt näher, Green muss sich entscheiden: Amerika oder Deutschland? Adidas und die USA gewinnen. "Ich hatte da größere Chancen zu spielen", sagt er. Und er fühlte sich "wohl" bei Jürgen Klinsmann. Ähnlich begründete das 16-jährige norwegische Talent Martin Oedegaard unlängst seine Entscheidung für Real Madrid: Sein Idol Zinedine Zidane habe ihn bei einem Besuch in Madrid persönlich am Flughafen abgeholt.

Im August 2014 sitzt Julian Green in der Bahnhofsbäckerei in Miesbach. Höflich bedankt er sich bei Fans, die an den Tisch kommen, um ihm zu seiner Leistung bei der Weltmeisterschaft zu gratulieren. Bald wird seine Eigentumswohnung bereit zum Einzug sein, er strahlt: "Pep Guardiola hat mir gratuliert, ich glaube, er zählt jetzt voll auf mich." Einzig das Handyverbot auf dem Gelände des FC Bayern macht ihm ein bisschen zu schaffen.

"Das Gefühl, nicht gebraucht zu werden"

Zwei Wochen später zieht er nach Hamburg. Der HSV hat sich in der Relegation auf den 16. Tabellenplatz gerettet und bittet zu Beginn der neuen Saison um Verstärkung. Ein Jahr nur, denkt Green, Praxis sammeln, das gehört dazu. 150.000 Euro Leihgebühr zahlt der HSV an die Bayern, mit jedem Einsatz sollte sich die Summe verringern. Das garantiere Einsatzzeit – so weit der Plan. Trainer Mirko Slomka erklärt Green am Telefon: "Du bist mein Wunschspieler." Ein Woche später wird Slomka entlassen, Josef Zinnbauer übernimmt. Schwer zu sagen, was Zinnbauer an Greens Leistung genau beanstandet, warum er ihn nicht einsetzt. Man möchte es gerne wissen, aber der Verein möchte sich nicht äußern. "Ich hatte von Beginn an das Gefühl, nicht gebraucht zu werden", sagt Green.

Junge Spieler entwickeln oft eine merkwürdige Bindung zum Trainer, er wird zu einer Art Elternersatz. "Ich rate ihnen immer: Nehmt euren Mut zusammen und sprecht mit dem Trainer", sagt Joachim Löw. "Eine solche Unterhaltung ist das Normalste auf der Welt, die kann und muss jeder Spieler einfordern. Es gehört zum Job des Trainers, dem Athleten zuzuhören." Junge Spieler hätten jedoch Angst, seien oft schüchtern, sagt Löw. Für ihren Einsatz zu kämpfen, "das ist für die meisten eine Herausforderung, an der sie wachsen".

Green sagt, er habe um Austausch gebeten, sei hingehalten worden. "Der Trainer hat nicht mit mir gesprochen. Weder in der Hinrunde noch im Trainingslager. Im Vorbereitungsspiel habe ich 15 Minuten gespielt. Er hat mich bei der Einwechslung noch nicht mal angeguckt, kein Wort gesagt, gab mir das Gefühl, mich nicht wahrzunehmen."

Vor seinem Engagement als Profitrainer arbeitete Zinnbauer bei den Amateuren. Er müsste also wissen, wie man mit Talenten umgeht. Das macht es nicht einfacher, seine Gründe für den Umgang mit Green zu verstehen. Denn so sieht es aus: Wer das Selbstvertrauen eines jungen Spielers brechen möchte, der kann sich ein Beispiel an dem nehmen, was in den vergangenen Wochen beim HSV geschehen ist. Green schildert es so: Zwei Tage vor Ende der Winter-Transferpause soll Sportchef Peter Knäbel seinen Berater kontaktiert und ihm einen Wechsel Greens zu 1860 München vorgeschlagen haben. Green und sein Berater lehnten ab. Wenige Tage später habe der Co-Trainer Green gebeten, in der zweiten Mannschaft zu spielen. Er lehnte auch das ab. Als Sportchef Knäbel die Degradierung dann in einem Zeitungsinterview wiederholte, "musste ich mich wehren", sagt Green. "Mit mir hat bisher weder der Trainer noch der Sportdirektor gesprochen", schrieb er auf Facebook. "Ich möchte doch für den HSV spielen, habe den Einsatz nur abgelehnt, weil ich nicht verstanden habe, was ich falsch gemacht haben soll. Ich habe immer mein Bestes im Training gegeben und wurde selten aufgefordert, etwas anders zu machen." Für die Öffentlichkeit war er bereits der Verweigerer aus München, das hoch bezahlte Wunderkind, das sich zu fein sei für die zweite Mannschaft.

Er vermisst seine Freunde, den Schnee und Guardiola

"Wenige Tage später hat sich Sportchef Knäbel bei mir entschuldigt", sagt Green. Er habe im Interview unvorbereitet reagiert, sei überrascht worden, soll Knäbel eingeräumt haben. Von nun an sollten beide Seiten die Kommunikation mit der Öffentlichkeit einstellen. Green wollte einfach wieder im Profiteam spielen dürfen. Deshalb bat erneut um ein Gespräch mit dem Trainer. Dazu kam es dann auch – im Beisein von Sportdirektor Knäbel. Man habe ihm ein Papier vorgelegt, erinnert sich Green: "Auf dem Zettel stand Abmahnung, und es stand dort, wenn ich noch einmal aufgefordert würde, in der zweiten Mannschaft zu spielen, dann müsse ich das machen, weil ich verpflichtet sei. Ich habe das nicht unterschrieben, aber meine Meinung gesagt." Außerdem habe man beteuert, wenn er nur gut genug trainiere, dann könne er wieder oben mitspielen.

Der HSV steht wieder im Tabellenkeller. Die nächsten Gegner heißen BVB, Hoffenheim und Leverkusen. Mittlerweile werden bereits öffentlich Namen von Nachfolgern für Zinnbauer diskutiert. Green ist das egal. Er vermisst seine Freunde, den Schnee und Guardiola, der über Green sagt, er habe "Tore in der Nase". Morgen will er wieder die Bälle nehmen und seine Schusstechnik trainieren.

Wenn er sich nur bemüht, dann schafft er alles. Dass Guardiola seiner Ausleihe zugestimmt hat, nimmt Green ihm nicht übel. "Er mag mich", sagt er. "Das spüre ich. Ich kann mich auf ihn verlassen."