Antigone ist jene Tragödie des Sophokles, in der so unerbittlich gestorben wird, wie man nur in griechischen Klassikern oder schlechten Melodramen stirbt: Zuerst nimmt sich die Titelheldin das Leben, dann ihr Verlobter und schließlich dessen Mutter. Von Antigone sollte man gehört haben, wenn man Katrin Suder trifft.

Suder hat die Antigone immer gern gespielt. Damals, in den Neunzigern, als sie an der Technischen Hochschule Aachen zunächst das Ensemble Poetischer Anfall gründete, dann einen Theatersaal einrichtete und schließlich bei den Inszenierungen nicht nur die Regie übernahm, sondern oft auch die weibliche Hauptrolle. Als Physikstudentin. Antigone war ihre Lieblingsfigur. Warum? Suder, 43, eine schlanke Frau mit langen, glatten Haaren und Brille, antwortet nach kurzem Zögern: "Wegen ihrer Kompromisslosigkeit."

Suder hat 14 Jahre lang als Unternehmensberaterin gearbeitet, ist aufgestiegen zur ersten Direktorin in der Geschichte von McKinsey in Deutschland. So jemand muss kompromisslos sein, denkt man: Kosten drücken, Bilanzen optimieren, Leute rausschmeißen, eine Antigone der Kostensenkung. Doch dann sagt Suder einen Satz, der den Gedankengang jäh abstürzen lässt: "Ich wollte fühlen, was ich nicht bin."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 05.03.2015.

Heute muss sie damit klarkommen, was sie ist. Seit August vergangenen Jahres ist Katrin Suder Staatssekretärin im Verteidigungsministerium, zuständig für Rüstungswesen und Bundeswehrreform – und damit eine zentrale Größe im engsten Umfeld von Ursula von der Leyen. Suder, die öffentlich gänzlich Unbekannte, verkörpert die Schlüsselfigur in der Frage, ob von der Leyens Karriere noch über das Verteidigungsressort hinausführen wird – oder ob sie dort endet. Ihr fällt die Aufgabe zu, das Rüstungschaos bei der Bundeswehr in den Griff zu bekommen. Sie muss dafür sorgen, dass neue Flugzeuge in Zukunft nicht weiterhin dreimal so viel kosten wie vereinbart, aber nur halb so viel können wie geplant – und dass nicht mehr ganz Deutschland über die Bundeswehr lacht, wenn ihre Hubschrauber nicht abheben, ihre U-Boote nicht tauchen, ihre Sturmgewehre versagen. Suder muss erfolgreich sein, damit von der Leyen als erfolgreich gelten kann. Wenn sie es nicht ist, scheitern beide. Ein guter Schuss Kompromisslosigkeit, ein guter Schuss Antigone, könnte da nicht schaden.

Ein wenig erinnert Suder an die Supernanny, die Frau, die alles kann

Zugleich soll Suder ohne jeglichen militärischen Hintergrund den laufenden Umbau der Bundeswehr zur global agierenden Einsatzarmee so gestalten, dass die Truppe ihre ureigene Aufgabe – die Landes- und Bündnisverteidigung – wieder besser wahrnehmen kann. Die Ukraine-Krise und die Rückkehr der alten Frontstellung zu Moskau zwingt die Bundeswehr dazu. In einem ersten Schritt hat von der Leyen zu Wochenbeginn angekündigt, die Panzertruppe zu verstärken. Ein bis dato nur formal bestehendes Bataillon im niedersächsischen Bergen soll mit bis zu 700 Soldaten und 44 Leopard-Panzern ausgestattet werden, Zeitpunkt und Finanzierung sind noch unklar – auch darum wird sich Suder kümmern müssen.

Von der Leyen traf Suder zum ersten Mal im Jahr 2010, als sie, die Arbeitsministerin, von McKinsey Studien zum Fachkräftemangel und zur Bildungskarte ausarbeiten ließ. Die beiden Frauen erkannten, dass sie ähnlich ticken, wenn Probleme auftauchen: Lösungen suchen, weitermarschieren, nicht wie das Kaninchen auf die Schlange starren. Die Krisenreaktionskraft funktioniert synchron, das Alltagstempo auch. Werfe man von der Leyen einen Knochen hin, meint Suder, nage sie den ratzfatz ab: "Rrrttrrrt-trrrtrrrttrrrtt – ich bin genauso." Ein guter Schuss von der Leyen ist jedenfalls da.

Die gebürtige Mainzerin hat als promovierte Physikerin mit Bachelorabschluss in Sprachwissenschaften in einer Herzbranche des Kapitalismus, der Unternehmensberatung, viel Geld verdient und dabei das "LGBT Diversity Management" propagiert – den aufgeschlossenen Umgang mit sexueller Orientierung, sei es lesbian, gay, bisexual, transgender (lesbisch, schwul, bi- oder transsexuell). Suder ist selbst lesbisch, hat zwei kleine Kinder, die sie mit einem Lastenradmodell, das einst in der dänischen Kifferhochburg Christiania entwickelt wurde, durch Kreuzberg kutschiert. Vielleicht ist es ja kein Zufall, dass sie phänotypisch ein wenig an die Super Nanny von RTL erinnert, eine Frau, die auch immer alles kann. Nach Auffassung all jener Militärs, die mit dänischen Lastenrädern, promovierten Physikerinnen und ungedienten Lebensformen in Spitzenpositionen des Verteidigungsressorts nicht viel anfangen können, und das sind nicht wenige, ist Suder aber vor allem eins: eine Provokation.

Und genau das ist gewollt. Nicht von ihr, aber von ihrer Chefin.