Die Geheimwaffe des Pitztals gegen den Klimawandel steht an der Mittelstation des Gletschers. Höher als ein Einfamilienhaus ist der Betonklotz; im Sonnenlicht schimmern die schwarzen Kunststoffplatten auf der Fassade. Fenster hat er keine. Nur eine winzige Tür führt ins Innere. Reinhold Streng, Betriebsleiter der Pitztaler Gletscherbahn, zwängt sich hindurch und zeigt auf einen weißen Zylinder, der sich bis knapp unter die Decke schraubt. "Das ist er", sagt der 56-Jährige mit der riesigen Sonnenbrille. "Unser All Weather Snowmaker."

Die Kunstschneeanlage hat den Pitztalern das Vertrauen in ihren Gletscher zurückgegeben. Ohne sie wäre im höchstgelegenen Skigebiet Österreichs, gut 3.000 Meter über dem Meeresspiegel, im Herbst kein Skitourismus mehr möglich. Sogar bei 20 Grad Außentemperatur spuckt die Anlage Unmengen von Schnee aus – 960 Kubikmeter am Tag. Ein Haufen, so groß wie ein Haus. Weil das niemand glauben kann, haben die Arbeiter Fotos neben die Maschine gehängt. Sie zeigen einen weißen Streifen, der sich durch kahles Berggeröll zieht: die Verbindungspiste. Entstanden sind die Bilder im Spätsommer 2009, als der Snowmaker in Betrieb ging.

Europas Gletscher haben in den vergangenen hundert Jahren rund die Hälfte ihres Eises verloren. Im vergangenen Jahr druckte die Bild- Zeitung kurz vor Weihnachten Fotos von Skigebieten mit grünen Hängen. Die Skiorte, das machten diese Bilder klar, haben ein Problem. Ihr weißes Gold ist gefährdet.

1,3 Milliarden Euro haben alleine Österreichs Skigebiete in den vergangenen 15 Jahren in Kunstschneeanlagen investiert. Der Schneemangel hat den Herstellern von Beschneiungsanlagen gewaltige Umsätze beschert. Nun trifft der Klimawandel auch sie. Weil der Markt gesättigt ist und herkömmliche Schneekanonen nur bei Minusgraden arbeiten, müssen die Kunstschneeerzeuger immer neue Produkte ertüfteln. Mittlerweile können Maschinen wie der Snowmaker selbst bei hochsommerlichen Temperaturen Schnee erzeugen. Einige schießen Schnee aus riesigen Kanonen auf die Pisten, andere ahmen die Struktur von Wolken nach. Und sie alle wecken das Misstrauen der Umweltschützer.

Der Ressourcenverbrauch der Schneemaschinen ist enorm: Auf den gesamten Alpenraum gerechnet, verbrauchen sie mehr Wasser als die Stadt Wien. Mit ihrem Energiebedarf ließen sich 130.000 Vier-Personen-Haushalte ein Jahr lang mit Strom versorgen. Die Maschinen verstärken so den Klimawandel, gegen den sie anproduzieren. Doch das stört in den Wintersportgebieten kaum jemanden.

Der Gletscherbahnbetreiber Reinhold Streng arbeitet seit fast 30 Jahren im Skigebiet am Pitztaler Gletscher. Doch sein Berg ist nicht mehr der alte. An kaum einem Ort zeigt die Erderwärmung so sichtbare Spuren wie hier. Wo in den 1970er Jahren noch im Sommer Skifahrer talwärts wedelten, legen die Pitztaler heute Isolierdecken auf ihre Schneehügel, damit diese nach der Saison nicht wegschmelzen. Selbst im tiefsten Winter beschießen Maschinen den Gletscher mit Kunstschnee. Sonst könnten die Massen hier nicht mehr Ski fahren.

"Die Schneekanonen können wir wegen der häufigen Frühlingseinbrüche im Winter und der heftigen Winde nicht immer einsetzen", sagt Streng. Der Snowmaker aber hat den Pitztalern das Geschäft gerettet. Er macht auch bei ungünstigem Wetter Schnee. Auch im schweizerischen Zermatt unter dem Matterhorn sichert die Wundermaschine das Geschäft mit den Wintersporttouristen. Sogar bei den Olympischen Spielen in Sotschi kam sie zum Einsatz. In Deutschland hat sich der kleine Skiort Winterberg im Sauerland die wundersame Schneemaschine beschafft.

Entwickelt wurde die Maschine ursprünglich für die Kühlung von Bergwerken vom israelischen Unternehmen IDE Technologies. Doch als ein Ingenieur im Fernsehen Bilder von abgedeckten Pisten in Europa sah, die vor dem Abtauen gerettet werden sollten, war eine neue Geschäftsidee geboren: Schnee an die Alpen zu verkaufen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 12.03.2015.

Johannes Kostenzer schüttelt den Kopf, wenn er das Wort Snowmaker hört. Der hochgewachsene 50-Jährige mit dem wallenden Haar ist der offizielle Umweltanwalt von Tirol, eine Art Landesbeauftragter für Naturschutz. Und er ist einer der wenigen, die den Energie- und Wasserverbrauch der Skiorte kritisch sehen. "Schon die herkömmlichen Schneekanonen verbrauchen enorm viele Ressourcen", sagt Kostenzer. Der Snowmaker aber sei "energietechnischer Wahnsinn" – die Schneemaschine aus Israel verbraucht fast sechsmal mehr Energie als herkömmliche Anlagen.