Der Brunnen rauscht und gurgelt, als beratschlagten seine Wassermassen über ihren nächsten Auftritt. Kurz darauf hört man ein Zischen und sieht, wie Fontänen aus kreisrund angeordneten Düsen so in die Luft geschossen werden, dass sie leicht schräg aufeinander zujagen. Fast im gleichen Moment stoppt der Brunnen abrupt den Nachschub. Die Strahlen lösen sich von ihrer Quelle und wirken auf einmal wie fliegende Fische, die man in die Freiheit entlassen hat. Gierig schnellen sie von allen Seiten weiter in die Höhe, bis sie oben in ein rosa Licht hineinsausen, das erst jetzt angeht. Dort stoßen sie zusammen und explodieren glitzernd und prasselnd als riesige pinkfarbene Wasserstaubwolke. Es ist ein sekundenkurzes Bild von entrückter Schönheit. Und der Moment, in dem man glaubt, das Wesen von Las Vegas vor Augen zu haben. Aber ich greife vor.

Das Wasserspiel vor dem Portal des Hotelkasinos Aria betört umso mehr, wenn man es als frivoles Gegenstück zur hier versammelten Wolkenkratzerschar betrachtet: gläserne Fassaden und verspiegelte Zylinder, spitze Pfeiler und scharfe Kanten. Unter dem Namen "City Center" kündet das Ensemble vom nächsten Paradigmenwechsel der Stadt. Die Zockermetropole will sich kühle Eleganz verordnen. Das pubertär Grelle habe ausgedient, lautet die Botschaft, die Farbe des neuen Las Vegas sei schlichtes, erwachsenes Grau.

Man muss aber nur die paar Schritte zum Strip gehen, um zu begreifen, dass Grau hier keine Chance hat. Auf dem berühmtesten Abschnitt des Las Vegas Boulevard ist die Stadt jener architektonische Hexentanz, der mir schon beim Landeanflug das Herz höherschlagen ließ. Schillernd und glitzernd reihen sich die größten Hotels der Welt aneinander. Ich kann mich gar nicht sattsehen am zuckerstangenbunten Turmgedrängel des New York-New York, am imperial auftrumpfenden Caesars Palace, an den Renaissance-Fassaden des Venetian. Immer wieder lege ich den Kopf in den Nacken wie ein Bauernjunge auf Stadtbesuch. Las Vegas soll bald einem Finanzdistrikt gleichen? Quatsch. Die Stadt ist dafür gemacht, den grenzenlosen Weltappetit des Menschen zu stillen. Dass sie den Globus dabei rosiger färbt, als er ist, gehört dazu. Hier will ich einmal fünf gerade sein lassen. Kein Ort könnte dafür mehr infrage kommen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 05.03.2015.

Wer die dominierende Farbe im bunten Gewimmel ausmachen will, ist schnell fertig: Der Gewinner ist Pink. Wie ein anzüglicher Clown durchhüpft es die Stadt. LED-Reklamen werben für Shows, in denen Tänzer pinkfarbene Zylinder und Tänzerinnen pinkfarbene Strümpfe tragen. Auf pink gestrichenen Bordsteinkanten prosten mir feiernde Frauen zu, die pinkfarbene Federboas tragen. In einem Kasino-Eingang prangt ein zwei Meter hoher Stöckelschuh in Metallic-Pink. Und vor dem falschen Eiffelturm des Hotels Paris Las Vegas lassen sich falsche Polizistinnen in pinkfarbenen Netzstrumpfhosen fotografieren; sie nennen sich Sergeant Sexy und Lieutenant Love.

Wenn Las Vegas geliebt wird, dann dafür, dass es den Exzess und die Verruchtheit feiert. Keine Farbe scheint für solche Ausschweifungen geeigneter zu sein als die schrille Schwester des Rosa, die hier Hot Pink heißt und so etwas ist wie die Animierdame unter den Farben: Sie wirkt weder besonders geschmackssicher noch besonders schön. Aber sie kitzelt ein kribbelndes Verlangen wach, das selbst nicht genau weiß, worauf es aus ist, und das im prüden Amerika sonst oft unter der Decke gehalten wird.

Selbst im Schnee ist Las Vegas noch pink: eine Limousine vor dem Flamingo-Hotel, 2003 © REUTERS/Ethan Miller EM/HB

Es ist darum kein Wunder, dass das erste am Strip gebaute Hotel seit 1946 auf Pink setzt: das mythenumflorte Flamingo. Federn aus rosa Neon fächern sich verheißungsvoll über seinem Eingang auf – und bereiten nicht auf das vor, was dahinter folgt. Ich betrete eine Art Fabrikhalle, in der sich Spieler mit mechanischen Reflexen an Glücksmaschinen abarbeiten. Es bimmelt und dudelt, Bedienungen mit knappen Röcken massieren den Zockern an Pokertischen die Nacken, damit niemand schlappmacht. Der Weg zu meinem Zimmer ist die reinste Wanderung. Als ich es endlich erreiche, stelle ich fest: Im Bad riecht es nach kaltem Rauch. "Was dagegen?", scheint das pinkfarbene Deckenlicht zu meckern. "So ist das nun mal. Du bist in Las Vegas!" Und das stimmt ja. Was wäre ein Sündenbabel ohne Laisser-faire.

Der New Yorker Gangster Benjamin "Bugsy" Siegel steckte in den vierziger Jahren sechs Millionen Dollar seines Clans in den Bau des Hotelkasinos. Doch weil die Investition zunächst fehlschlug, ließ ihn sein Boss Meyer Lansky erschießen. Noch heute erinnert eine Büste an den Mobster. Sie steht im Innenhof, durch den Flamingos mit zerbrechlicher Anmut stolzieren. Die Vögel und der Hotelname sollen auf Siegels Freundin zurückgehen, eine Tänzerin mit roten Haaren und äußerst langen Beinen. "Ob das wahr ist, weiß keiner so genau", sagt eine Angestellte und streut eine Futtermischung mit synthetischem Farbstoff aus, der das Gefieder schön rosa tönt. "Aber die Legende ist toll. Und darauf kommt es an."

Fest steht, dass die anrüchige Aura Bugsy Siegels den Strip interessant machte und immer mehr Menschen in die immer zahlreicheren Hotels und Shows lockte. Auch Elvis Presley trat hier auf – ab 1969 gab er in Las Vegas gut 800 Konzerte und mutierte zu einem unnahbaren Traumwesen.

Heute ist es ein Klacks, ihm nahezukommen. Pünktlich zur Verabredung mit Elvis fährt am Hoteleingang eine Hochzeitstorte von einem Auto vor; es ist ein rosa Cadillac aus dem Jahr 1956. Ein Mann steigt aus, und ich denke: Mein Gott, der King! Der strassbesetzte Strampelanzug! Das lakritzschwarz gefärbte Haar! Und dieses gemeißelte Lächeln! Der 52-jährige Eddie Powers ist einer von 100 Elvis-Imitatoren der Stadt und der einzige, der Touren mit jenem rosa Cadillac-Modell anbietet, das Elvis einmal seiner Mutter schenkte. Gleich umarmt er mich wie einen Kumpel. Als wir losfahren, merke ich, wie sich ein Dauergrinsen in meinem Gesicht breitmacht. Der Motor blubbert, die weichen Ledersitze fühlen sich an, als fläzten wir uns in einer Wanne voller Gelee. Und sofort ist Party. Eddie reicht mir einen Erdbeer-Margarita und singt Viva Las Vegas. Ich singe mit, winke Passanten, kräusele wie Elvis die Oberlippe. Der Glanz des King färbt schon auf mich ab. Möchte einer ein Autogramm? Im rosa Cadillac durch Kassel cruisen wäre peinlich. Hier aber ist es nichts anderes als angemessen.

An den Ampeln flirtet Eddie in fremde Autos hinein. Man sieht, wie die Damen lachen, aber man hört es nicht. Dann gibt er ein Konzert vor dem berühmten "Welcome to Fabulous Las Vegas" -Schild, hinter dem jetzt lachsrosa Schleierwolken im maisgelben Abendhimmel flammen. Als er zu Burning Love arabische Touristinnen mit Kopftuch zum Tanz bittet, tun die so, als wüssten sie nicht, wer Elvis ist. Spielverderber!