Nein, die Göttin ist nicht tot. Allen Unkenrufen, allen Abgesängen, aller Häme ob ihres vermeintlich altersunziemlichen Pleinair-Popos bei den Grammys und ihres als Vorzeichen des Endes gedeuteten Bühnensturzes bei den Brit Awards zum Trotz ist Madonna mit ihrem neuen Album Rebel Heart auf der Höhe jener Zeit, deren Maß sie selbst mitbestimmt hat. Rebel Heart wirkt mit seinem Stilpluralismus, der unter anderem House, Elektropop, Dance, Reggae, Dubstep und Rap umfasst, wie ein vorläufiger Schlussstein der musikalischen Entwicklung Madonnas, die seit Ende der 1990er Jahre mit Alben wie Ray of Light (1998) und Music (2000) eine alles in allem unbestreitbar positive Wendung genommen hat.

Vor allem im Vergleich zu früheren Ergüssen à la Erotica (1992) mit seinem Lounge-Flair, seinen Softporno-Saxofonen und Streichelzoo-Streichern, seinem Telefonsexgeschnurre und seinem fummeligen Pianogeklimper ist Rebel Heart ein durchaus avanciertes Stück Popkunst, bei dem die von Produzenten wie Neptunes und Timbaland seit den späten 1990er Jahren geprägte Simultaneität von Prägnanz und Varianz tonangebend ist. Mal schraubt sich Madonnas Stimme beschwingt eine G-Dur-Tonleiter herunter (Bitch I’m Madonna), mal verbreiten Lagerfeuer-Klampfen melancholische House of the Rising Sun- Stimmung (Devil Pray), mal schauen der Boxer Mike Tyson und die Hip-Hop-Legende Nas vorbei (Iconic, Veni Vidi Vici), mal bietet Ghosttown Fitnesscenter-Pop mit Armageddon-Einsprengseln, mal besticht Illuminati, einer der Höhepunkte des Albums, mit rätselhaft-sarkastischen Raps, zerklüfteten Beats, tief heulenden Synthie-Sirenen und atavistischen Videokonsolen-Sounds.

Inhaltlich ist Rebel Heart eine verdichtete Gesamtschau des Madonna-Universums: Es geht um Liebe, Lust, Sex, Trennungsschmerz, Drogen, Freiheit, Rebellion, Religion, Spiritualität. Eben um das große Welttheater. Die Sadomaso- und Fetisch-Lyrics des Songs S.E.X. scheinen sich zwar an den Zeitgeist von Fifty Shades of Grey heranzuwanzen. Aber Madonna wäre nicht Madonna, wenn sie es nötig hätte, unser neues Bondage-Biedermeier zu zitieren. Eher handelt es sich um einen Rückbezug auf ihr weiland in den USA kontrovers diskutiertes, in YouPorn-Zeiten aber fast schon idyllisch wirkendes Softporno-Sadomaso-Aufklärungsbuch Sex (1992).

Ansonsten regiert auf Rebel Heart natürlich weiterhin der alte Diktator Viervierteltakt, ist weiterhin alles gestreamlined und warenförmig, auf Identifikation selbst in der Irritation getrimmt. Wenn es dirty wird, dann mit Soundkondom. Wenn von Schmerz die Rede ist, dann tut es nicht weh. Damit ist Rebel Heart dem zwischen Selbstverzuckerung und neoliberaler Härte schwankenden Westen genau angemessen. Für die Möglichkeit einer Personalunion von Geronten und Rebellen bietet auch das Wutbürgertum einen Beleg.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 05.03.2015.

Madonna ist und bleibt die sexy Schutzheilige all jener Menschen, für die innige Romantik und Body-Pump-Kurse, Mystisches und Monetäres, Clubkultur und Kirche, Selbstgeißelung und Selbstadoration sowie neuerdings auch Alter und Aktivismus keine Widersprüche sind. Wenig verwunderlich also, dass sie in den Kulturwissenschaften der 1990er Jahre als Personifikation des postmodernen anything goes interpretiert wurde. Sie kommerzialisierte, was die vor dem Zweiten Weltkrieg geborene erste Generation der Popkultur und Pop-Art auf den Weg brachte. Nicht originär, sondern originell. Nicht genialisch, sondern generisch. Nicht radikal, sondern radiär.

Dem Pastiche- und Bricolage-Charakter ihres Werks, zu dem die konsequente Inszenierung ihrer selbst als Powerfrau und Lolita, als Domina und Sklavin gehörte, attestierten Postfeministen einen durchaus emanzipatorischen Charakter, etwa was die Aneignung und Neucodierung alter Geschlechterrollen betrifft. Wenn Madonna die Hure gibt, wenn sie sich als Objekt darbietet, dann für ihren eigenen Erfolg, ihre eigene Macht, ihre eigene Unsterblichkeit. Die für sie obligate Verkörperung mannigfaltiger Männerfantasien ist zuallererst Mittel zum Zweck.

Schönheit ist ein Knochenjob in entzauberten Sphären

Doch ist Madonna wirklich nur postmodern? Ist sie nicht auch, vielleicht mehr noch, das Paradox einer Renaissance-Frau? Nicht zuletzt angesichts der synkretistischen Verfasstheit von Rebel Heart drängt sich dieser Gedanke auf. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts beschrieb der humanistische Gelehrte Pico della Mirandola den Menschen als ein Entwurfswesen und charakterisierte ihn mit genau jenem Wort, das an Madonna haftet wie kein anderes: Chamäleon. Der Mensch, so Pico, dürfe aus allen Quellen der Kultur und des Wissens schöpfen, könne sein Selbst frei wählen, zum Höchsten aufsteigen und zum Niedersten hinabsinken. Eine These, die Madonna sicherlich unterschreiben würde, widmete sich Pico doch überdies, genau wie sie, dem Studium der Kabbala. Aus Gender-Sicht ist es bemerkenswert, dass Madonna somit einen Typus verkörpert, der traditionell männlich besetzt ist – den Renaissance-Menschen, der sich souverän in mehreren Welten bewegt, an sich selbst arbeitet wie an einem Kunstwerk, Gestern und Morgen in Wort und Tat synthetisierend.