Intelligenz, Bildung und Geld schützen vor Torheit nicht. Das ist die Moral von einer Geschicht, die sich vom Berliner Prenzlauer Berg nach Kalifornien zieht. Im Gefecht gegen die Masern-Impfung ist der Widerstand nicht über das Land verteilt, sondern hat sich in abgezirkelten Nestern festgesetzt.

Zum Beispiel am Prenzlberg, dem "Viertel der kinderreichen Bildungsbürger", wie der Spiegel notiert, "wo vegan kochende Mütter in Cafés Erziehungsratgeber tauschen". In Waldorf- und Montessori-Schulen. In Universitätsstädten wie Tübingen. Doch sind nicht nur deutsche Eltern in den Untergrund gegangen. Eine frische Studie der Forscherin Tracey Lieu (Pediatrics) zeigt die Partisanen-Stützpunkte in Kalifornien. Sie befinden sich im hochpreisigen wine country Napa und Sonoma. In der Universitätsstadt Berkeley. In Marin County, seit jeher die Hochburg der Esoteriker und Erfolgreichen. In Orange County, wo die Reichen und Diplomierten leben.

Als Hauptschuldigen sieht Lieu die Autismus-Panik. Wiederholen wir, was endlos aus berufenem Munde verkündet worden ist – hüben wie drüben. Die Autismus-Anklage ist ein Fake. Ein gewisser Andrew Wakefield hatte 1998 in der Medizin-Zeitschrift The Lancet verbreitet, der Dreifach-Impfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) verursache Autismus. So wollte er seinen eigenen A-Test vermarkten. Die Fälschung wurde erst zwölf Jahre später kassiert. MMR erzeugt auch nicht MS, Diabetes oder Morbus Crohn.

Es hilft nichts. Deshalb die Frage: Warum sind ausgerechnet die Gebildeten so faktenresistent – Leute, die an der Universität gelernt haben müssten, ein stichhaltiges Argument von einem fadenscheinigen zu unterscheiden? Dass man Anekdoten nicht mit Evidenz verwechseln möge – und die Paarung zweier Ereignisse ("Korrelation") nicht mit kausaler Verknüpfung.

Eine Erklärung liefert der Allgemeinmediziner James Schwarz in einem Brief an die New York Times. Er höre immer wieder: "Ich will kein Gift in meinem Körper." Bloß seien Vakzine kein Gift, fügt er hinzu. Oder: "Ich glaube nicht an Impfung." Sein lakonischer Kommentar: "Immunisierung ist keine Religion." Er resümiert: "Nach zwanzig Jahren Praxis habe ich gelernt, dass gegen Ignoranz kein Kraut gewachsen ist."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 05.03.2015.

Genauer: gegen Glauben und Religion, wobei es keine Rolle spielt, ob einer den Dr. phil. oder nur die mittlere Reife hat. In dem Maße, wie die monotheistische Religion in unseren Köpfen verblasst, wächst die Attraktion der vielen Götter und Abbilder. Denken wir an Kupferreifen, Miniaturpyramiden, Feng-Shui, Kabbala-Armbänder, Kristalle, Magnetismus, Handauflegen – an Esoterik und New Age insgesamt. Sie alle versprechen das Heil hier und jetzt – dazu Glück und Gesundheit. Prenzlberg ist überall.

Gewiss sollte der kaltäugige Rationalist nicht den Placebo-Effekt verachten – so wie die Esoteriker die "Schulmedizin". Die hat die Kraft der Autosuggestion mit harten Studien bewiesen. Der Schaden ist begrenzt; der Leidtragende ist meistens nur der Geldbeutel des Gläubigen. Doch meldet die jüngste Studie aus Amerika (Kaiser Permanente): "Es wächst die Zahl der Eltern, die eine Immunisierung verweigern oder verzögern." Der Preis ist hoch: Die einst totgesagten Masern leben und gedeihen – mit furchtbaren Folgen. Der (Aber-)Glauben ist eine feste Burg.