Das Hotel Coral in Khartoum liegt nicht weit vom Ufer des Blauen Nils. Von den oberen Stockwerken aus haben die Gäste einen atemberaubenden Blick über den Fluss und die Stadt, die sich in gelblich-weißem Farbton über die flache Landschaft erstreckt. Es ist der erste Tag einer Reise durch den Sudan, dessen amtierender Präsident Omar al-Baschir vorm Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen Kriegsverbrechen angeklagt ist. Die Regierung hat eine Gruppe von Journalisten eingeladen. Sie möchte ihren Ruf verbessern.

Khartoum ist eine der sichersten Städte Afrikas. Fremde können alleine durch die Straßen und Gassen flanieren, ohne auch nur den Hauch einer Bedrohung zu spüren. Die Menschen zeigen sich hilfsbereit und warmherzig. Das ist keine unerhebliche Tatsache angesichts der grimmigen Reputation des Sudans, seiner gewalttätigen Geschichte und der nicht weniger blutigen Gegenwart. 1956 wurde der Sudan unabhängig, seitdem hat das Land kein Jahr ohne Krieg erlebt. Fünfzig Jahre lang herrschte Bürgerkrieg im Süden des Landes. Er mündete 2011 in die Abspaltung und Unabhängigkeit des Südsudans, und es gibt immer noch Rebellion und Krieg in den Bundesstaaten Darfur, im Blue Nile State, in Süd-Kordofan – und damit sind noch lange nicht alle Schwierigkeiten aufgezählt: Der Sudan ist für die USA ein Schurkenstaat, seit 1997 mit einem Handelsembargo belegt.

Auf dem Rezeptionstresen des Coral steht ein Schild, das darauf hinweist, dass die Gäste nicht mit Kreditkarten bezahlen können. Es gibt auch keine Bankautomaten in Khartoum. Der Sudan ist vom internationalen Zahlungsverkehr in Dollar abgeschnitten, weil er immer noch auf der US-Liste der Terrorstaaten steht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 05.03.2015.

Der Al-Kaida-Chef Osama bin Laden hatte sich in den neunziger Jahren auf Einladung der damaligen islamistischen Regierung hier niedergelassen. Er investierte Millionen, baute Straßen, betrieb Landwirtschaft, unterhielt Trainingscamps und plante Anschläge. Bin Laden war Ehrengast der Staatsführung unter dem islamischen Rechtsgelehrten Hassan al-Turabi. Khartoum war zwischen 1989 und 1996 ein Zentrum gewaltbereiter Islamisten aus aller Welt. Noch heute werfen die USA dem Sudan vor, Hamas zu unterstützen.

Die Regierung gibt sich indes geläutert, ernüchtert von der islamistischen Besoffenheit der neunziger Jahre. Hassan al-Turabi lebt im politischen Abseits. "Unser Land leidet unter einer gewaltigen Fehlinterpretation", sagt Yusif al-Kordofani, Sprecher des Außenministeriums, beim Empfangsdiner. "Die Leute fahren mit Vorurteilen beladen in den Sudan", fährt Al-Kordofani fort, der sich für diesen Anlass in die blütenweiße Landestracht geworfen hat. "Dann wundern sie sich, wie aufgeschlossen und tolerant unser Land ist. Wer den Sudan besucht, der liebt ihn." Es gebe offenbar so etwas wie ein Sudanvirus. Dann lacht er wie einer, der sich seiner Sache sehr sicher ist.

Am Morgen darauf wird Yusif al-Kordofani, diesmal in Anzug und Krawatte, eine Tour d’Horizon über die außenpolitische Lage des Sudans geben. Er weiß, welches Wort in westlichen Ohren in diesen Zeiten besonders verführerisch klingt: Stabilität. "Stellen Sie sich vor, der Sudan würde auch noch instabil?!" – Er macht eine Pause. "Dann wäre dieser riesige Raum offen, bis nach Libyen und in den Nahen Osten, ein offener Raum!" Er muss nicht erst sagen, wer seiner Meinung nach dieses Vakuum füllen würde: Boko Haram, "Islamischer Staat", Al-Kaida, und wie sie alle heißen. Der Sudan, das ist die Botschaft, werde missverstanden. Vom Terrorstaat zum Partner des Westens – diese Wende kann durchaus schwindlig machen.

Am Ufer des Blauen Nils ragt ein futuristisches Gebäude in die Höhe, im Volksmund heißt es "Gaddafis Ei". Der im Jahr 2011 gestürzte libysche Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi hat es finanziert. Er hatte große Ambitionen und wollte in Afrika eine Union arabisch-islamischer Staaten gründen. Der Sudan war ein zentraler Baustein dieser grandiosen Pläne. Doch "Gaddafis Ei" ist mehr als nur der steinerne Zeuge der geopolitischen Träumerei eines gestürzten Diktators, es ist auch ein Beleg für die Offenheit des Sudans und damit für seine Verwundbarkeit. Das Land hat zehn Nachbarstaaten, darunter etablierte Regionalmächte wie Ägypten, Kenia und Äthiopien, aber auch fragile oder gar zerfallene Staaten wie Libyen, den Kongo, den Südsudan und die Zentralafrikanische Republik. Die einen wirken auf den Sudan durch ihre Stärke ein, die anderen durch ihre Schwäche. Allein wegen seiner schieren Größe, wegen seiner kaum zu verteidigenden Grenzen, war der Sudan immer auch das Spielfeld größerer Mächte.

Zweiter Tag. Der Nachrichtensender CNN leitet eine Meldung aus dem Sudan mit den warnenden Worten ein: "Zuschauer könnten das Folgende als verstörend empfinden." Danach wird berichtet, wie sudanesische Soldaten in dem Ort Tabit über 36 Stunden hinweg mindestens 221 Frauen vergewaltigt hätten. Die Meldung gründet auf einen Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch.