Immer stärker durchdringt Big Data die Zivilgesellschaft. Seine mobilen Kleincomputer, Sensoren und Datenlogger sind der neue Fetisch, dem nicht nur der Einzelne, sondern auch die staatliche Gemeinschaft insgesamt verfällt. Die Speicherung und Analyse zahlloser Daten verheißen Erlösung aus der Unsicherheit des Alltags und der scheinbar ständigen Bedrohung durch namenlose Gegner. Fehlt es an Orientierung: Big Data soll es regeln. Kann man sich nicht entscheiden: Mehr Daten müssen her. "Analysis paralysis" nennt das der Data-Scientist, meist ein Mathematiker oder Physiker. Dabei hätten noch mehr Daten über die Charlie Hebdo-Attentäter zu keinen anderen Erkenntnissen über die Kouachi-Brüder geführt als jenen, die den französischen Sicherheitsbehörden ohnehin bekannt waren: dass die Brüder bereits lange unter Terrorismusverdacht und auf Terrorlisten standen. Einem Data-Scientist ist das Aufflammen der Debatte um die anlasslose Vorratsdatenspeicherung deshalb unerklärlich. Vorratsdatenspeicherung löst nicht die Kernfrage der Datenanalyse. Denn hat die Analyse der bis dato schon erfassten Daten bereits zu einer neuen Information geführt, muss man vielmehr beschließen, wie damit umzugehen, was damit anzufangen ist. Letztes Ziel der Datenanalyse sind daher Entscheidung und Gestaltung, nicht noch mehr Daten. Sind die strafrechtlichen Mittel der Prävention ausreichend, um einer Bedrohungslage gerecht werden? Welche Rahmenbedingungen muss die Sicherheitsvorsorge berücksichtigen, wenn sie auf eine bestimmte Lage, eine Gefährdungssituation antwortet? Es sind Fragen dieser Art, die sich ein Data-Scientist stellt, wenn er Modelle der Datenanalyse formuliert, auf deren Basis moderne intelligente Maschinen mit Entscheidungskraft unter Unsicherheit agieren sollen. Aber Politiker sind eben in den seltensten Fällen auch Mathematiker.

Mit amerikanischen Geräten handeln wir uns nicht nur ein gefälliges Design ein

Es ist ein Mythos, dass die immer stärkere Vernetzung zum "Internet der Dinge" und seine Big-Data-Dauerüberwachung die Sicherheit der Zivilgesellschaft erhöht. Im Gegenteil: Die digitale Partizipation steigert die Verletzbarkeit aller und des Einzelnen gewaltig. Hacks, "Anschläge", auf unsere sich weiter vernetzenden Infrastrukturen werden immer bedrohlicher. Sie haben nicht mehr nur Netzwerke und Computer, sondern Ölpipelines und Industrieanlagen im Visier. Was häufig übersehen wird: Entscheidend für Cyberbedrohungen ist die europäische Abhängigkeit von ausländischen Schlüsseltechnologien der digitalen Revolution. Die Betriebssysteme Windows, Apple oder Android, die von uns genutzten Smartphones, Tablets, Datenlogger und ihre datenfressenden Apps sind – mit einigen Ausnahmen – amerikanische Marken. Doch mit importierten Fremdgeräten werden wir keine sichere europäische IT-Infrastruktur herstellen, zu zahlreich sind bekannte und unbekannte Sicherheitslücken und a priori eingebaute Überwachungsfunktionen, von denen wir nicht mit Bestimmtheit wissen, ob sie sich tatsächlich abschalten, wenn wir die "Aus"-Taste unseres Smartphones betätigen. Mit Geräten amerikanischer Provenienz handeln wir uns also mehr ein als nur gefälliges Design und raffinierte Funktionalität. "Die Entscheidung für bestimmte Formen von Produktion und Konsum bringt immer auch eine bestimmte Kultur als Gesamtauffassung des Lebens zum Ausdruck." Jeder Klick auf Search oder 1-Click-Buy ist auch ein kulturelles Bekenntnis. Wer der Weltanschauung hinter Big Data "made in USA" auf den Grund gehen will, sollte deshalb die Letztbegründung für amerikanisches Handeln räsonieren: free trade.

Als die Mütter und Väter des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland Artikel eins formulierten und die Unverletzlichkeit der Menschenwürde mit Ewigkeitsgarantie festschrieben, stand ihnen das europäische Menschenbild vor Augen, so, wie es sich historisch entwickelt hatte.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 05.03.2015.

Das Verständnis vom Menschen als Subjekt mit einer unantastbaren Würde ist das zentrale Supergrundrecht unserer Verfassung. Die Achtung der Menschenwürde stellt sicher, dass sich der Mensch in voller Freiheit und Verantwortung selbst verwirklichen kann. Dazu gehören die Kontrolle eigener Daten, des eigenen Bildes, des Namens und des guten Rufs – die "informationelle Selbstbestimmung" –, das Recht auf Privatsphäre und das Recht auf die negative, diskriminierungslose Freiheit von der digitalen Partizipation. Demgegenüber steht das Objekt, die Sache. Ihm stehen keine Rechte zu. Doch dieser Dualismus, wie ihn die europäischen Verfassungsstaaten implementiert haben, ist nicht notwendigerweise identisch mit dem Verfassungsverständnis anderer Länder, etwa dem der USA. Ihr Fokus ist nicht primär die Menschenwürde, sondern die Freiheit, Freiheit im Sinne von liberty als Bürgerrecht des Individuums, das "frei sein will von gesetzlicher Regulierung".

Historisch gilt der freie Markt, free trade, den Kontinentaleuropäern als Einschränkung des selbstbestimmten Menschen. Die Selbstbestimmung, so die deutschen Philosophen seit 1880, sei durch die Idee des ökonomischen Liberalismus bedroht. Entfaltungsmöglichkeiten stelle er nicht bereit, vielmehr führe die Erzeugung künstlicher Bedarfe dazu, dass der Mensch verlerne, seine wahren Bedürfnisse zu benennen. Deshalb nahm Deutschland den Sonderweg der staatlichen Rahmenbedingungen: Ab 1880 wurden Vorschriften zu Sozialversicherung und Kartellrecht erlassen. Der Ordoliberalismus des Ludwig Erhard hat diese philosophische Tradition weitergeführt, und auch der EU-Vertrag von Lissabon aus dem Jahr 2007 legt die soziale Marktwirtschaft als Leitbild für Europa fest.

Dem Marktgeschehen Rahmenbedingungen setzen? Undenkbar für das amerikanische Verständnis vom free trade. Deshalb findet Google-Chef Eric Schmidt es unerträglich, dass Europa rund um die Datenanalyse "Maßnahmen ergreift, die so aussehen, als seien sie verbraucherfreundlich, obwohl sie in Wahrheit Handelsbarrieren sind". Lange vor Big Data handelte man in den USA uneingeschränkt mit Daten über die Kreditwürdigkeit von Konsumenten. Der öffentliche Zugang zu Kreditdaten erleichtere die Teilnahme am Markt, schließlich erhielte man schneller Kredit. Das mag für den amerikanischen Kulturkreis legitim sein, doch amerikanisches Verständnis der freien Datenerfassung und -weitergabe reibt sich am europäischen Verständnis der sozialen Marktwirtschaft. Und so wird ausgerechnet bei Big Data überdeutlich, wie amerikanisches Verfassungsverständnis und Marktverhalten mit der "Lebensdienlichkeit" europäischen Marktgeschehens zusammenprallen.

Big Data objektiviert den Menschen. Der messbare Mensch ist Quelle und Ziel von Big Data, der Optimierung, vollzogen durch Algorithmen am Algorithmus "Mensch". Mensch-Maschine-Unschärfe nennen das die Kybernetiker seit den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts, wer ist was und wer steuert wen, das wird mit dem technischen Fortschritt der intelligenten Big-Data-Maschinen immer unklarer. Demgegenüber sagt das Bundesverfassungsgericht im Jahre 1969: "Mit der Menschenwürde wäre es nicht zu vereinbaren, den Menschen in seiner ganzen Persönlichkeit zu registrieren und zu katalogisieren, sei es auch in der Anonymität einer statistischen Erhebung, und ihn damit wie eine Sache zu behandeln, die einer Bestandsaufnahme in jeder Beziehung zugänglich ist." Mehrere ähnlich begründete Urteile sind seitdem ergangen, und auch der Europäische Gerichtshof hat sich dieser Auffassung angeschlossen.