Der Konflikt in der Ukraine hat unvorstellbare Ausmaße angenommen – und ich sehe mit Erschütterung, dass die Werte, die ich als Georgierin im Westen erfahren und stets bewundert habe, von den europäischen Demokratien nicht mit dem nötigen Selbstbewusstsein verteidigt werden. Sollte es uns nicht gelingen, die Krise zu lösen, verraten wir ein Europa, von dem viele ehemalige Ostblockländer nicht nur geträumt, sondern für das sie vor 25 Jahren auch mit Leidenschaft und Idealismus gekämpft haben. Für sie wie für mich persönlich haben diese Werte keinen abstrakten Charakter, sondern sind Antrieb und Verpflichtung im täglichen Leben. Wenn wir die Menschen in der Ukraine im Stich lassen, dann wenden wir uns von dem ab, was Europa seit Jahrhunderten bewegt.

Diese Krise macht vor der Kunst nicht halt. In Russland wird mit Kunst Politik gemacht, ganz gezielt. Unter vielen Künstlern existiert eine laute und eine leise Unterstützung für Wladimir Putins Politik. Manche meiner Kollegen – große Namen in der klassischen Musik – stehen Schulter an Schulter mit ihm im Rampenlicht, andere schweigen. Es ist ein tönendes Schweigen. Denn viele von ihnen leben und arbeiten im Westen und genießen dessen Errungenschaften: Meinungsfreiheit, weitgehende soziale Sicherheit, ein funktionierendes Gesundheitssystem, Schulen, Universitäten und vieles mehr. Sie genießen das, ohne sich zu fragen, warum diese Werte in Russland nichts gelten – und ob es nicht an ihnen selbst wäre, dafür einzutreten und Verantwortung zu übernehmen. Für die Menschen in ihrer Heimat, von denen viele nicht die Möglichkeiten haben, sich zu artikulieren oder zu wehren.

Beides, das Laute wie das Leise, ist für mich inakzeptabel. Die Vermischung von persönlichen oder wirtschaftlichen Interessen mit politischer Meinung empfinde ich als Verrat. An der Kunst wie an der Gesellschaft. Niemand in Russland kann sich heute geschützt fühlen. Das zeigt der erbarmungslose Mord an Boris Nemzow, der sehr daran erinnert, wie man in der Blütezeit der Sowjetunion mit Menschen umgegangen ist. Schon vom Wort "Demokratie" scheint in Russland große Gefahr auszugehen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 05.03.2015.

Ich habe zwei Leben, ein östliches und ein westliches, eines vor 1990 und eines danach. Als ich mit zwölf Jahren aus Tbilissi nach Hamburg kam, war das ein Kulturschock. Heute, da sich Ost und West wieder gegeneinander in Stellung bringen lassen, muss ich viel an meine kindlichen Differenzerfahrungen denken. Ich fühlte mich am Anfang sehr fremd. Dabei wollte ich nach Deutschland. Ich liebte die deutsche Musik, Bach, Mozart, Beethoven, ich verehrte Anne-Sophie Mutter, die so jung so unerhört schön Geige spielen konnte – und ich begeisterte mich, dank meines Vaters, für den deutschen Fußball. Als die Deutschen 1990 Weltmeister wurden, war ich weit und breit das einzige georgische Kind, das sich freute. Alle meine Freunde hatten Argentinien die Daumen gedrückt. Weil sie Südländer waren wie wir, weil sie ihre Emotionen zeigten – und weil sie Maradona hatten. Was mich diese Erfahrung gelehrt hat? Dass es nicht schlimm ist, "anders" zu sein. Und dass die eigene Mentalität niemals ein Argument gegen die Freiheit sein kann.