Täuschend echt, zumindest optisch: Ein Mann isst beim israelischen "Vegan Fest" einen veganen Hamburger. © JACK GUEZ/AFP/Getty Images

Schweinegülle, überall Schweinegülle. Es stinkt in Wetschen, drinnen wie draußen. Der Ort im Landkreis Diepholz hat 1.700 Einwohner; bekannt ist er allenfalls für sein alljährliches Bockbierfest. Wetschen liegt mitten im niedersächsischen Schweinegürtel. Ausgerechnet hier, wo die Schweinebesatzdichte die Bevölkerungsdichte um den Faktor zehn übertrifft, keimt ein Produktionszentrum für fleischfreie Nahrung heran. LikeMeat heißt das gerade mal ein Jahr alte Start-up, und das darf und soll ruhig doppelsinnig gelesen werden. "Wie Fleisch" ist eine ebenso beabsichtigte Assoziation wie we like meat – "wir mögen Fleisch".

Die Produkte von LikeMeat sollen Menschen ansprechen, die gern Fleisch genießen, es aber aus Mitleid mit den Tieren, aus ökologischen Gründen, wegen einer Allergie oder um schlank zu werden, nicht mehr essen wollen. Also Vegetarier, insbesondere aber die beinharte Fraktion der Veganer, die auch Käse und Eier ablehnen, nicht mal den Bienen den Honig wegnehmen und auf Lederschuhe verzichten. Diese Gruppe wird größer. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen hat herausgefunden, dass nur noch jeder vierte Deutsche sorglos Fleisch futtert. Die Mehrheit hält es für angebracht, weniger Fleisch zu essen. Auf der Kippe zum konsequenten Fleischverzicht stehen, das zeigt eine repräsentative Befragung der Universitäten Göttingen und Hohenheim, 11,6 Prozent der deutschen Esser – die zwar nachdenklichen, aber inkonsequenten Halbvegetarier, die man Flexitarier nennt. Die Zahl der echten Vegetarier wird in dieser Befragung mit 3,7 Prozent angegeben, das wären 3 Millionen Menschen. Und wenn die rasant steigende Zahl veganer Kochbücher (Kochen ohne Knochen, Vegan to go, No Meat Athlete) einen realen Küchentrend beschreibt, dürfte die Zahl der Veganer bald die Millionengrenze überschreiten. "Veggie" sein ist angesagt.

Der Renner im Veggie-Supermarkt: Ein Fertigessen, das wie Fleisch aussieht

Doch wie die Soße zum Braten gehört zur veganen Ernährung der Alarm. Regelmäßig tauchen Studien auf, die besagen, streng vegane Ernährung sei gar nicht unbedingt gesund oder sogar gesundheitsschädlich. Tests fördern allerlei Unappetitliches und Giftiges in der Pflanzenspeise zutage: dubiose Mittelchen, Reste vom Tier oder gentechnisch manipuliertes Material. Und Wissenschaftler mahnen: Wer Kinder vegan ernährt, macht sich möglicherweise der Körperverletzung schuldig. Kretinismus droht!

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 05.03.2015.

Sicher ist zunächst nur eins: Es tut sich allerhand auf der veganen Angebotsseite. Die Szene professionalisiert sich. Sie war gerade noch, Ende Januar, auf der Grünen Woche in Berlin vertreten. Zwei Wochen später räumte ihr die weltgrößte ökologische Konsumgütermesse Biofach in Nürnberg eine Sonderausstellungsfläche frei. Vergangene Woche traf sich die Szene in Wallau bei Wiesbaden zur VeggieWorld; die Zahl der Aussteller war um 40 Prozent größer als im Vorjahr. Es gibt ja auch was zu zeigen. Veganer verputzen bekanntlich überwiegend Obst und Gemüse und als Proteinlieferanten Sojaprodukte. Letztere sahen vor einigen Jahren noch aus wie Hundefutter oder Quark und schmeckten nach nichts. Heute gibt es die ersten veganen Supermärkte, vollgestopft insbesondere mit Imitaten: Als-ob-Käse, Fast-Milch, sogar Kunst-Shrimps. Ein Renner ist Fertigessen, das wie das verhasste Fleisch aussieht. Wie Fleisch schmeckt. Sich wie Fleisch beißt. Und sogar Fleisch ist: "Pflanzenfleisch".

Als weiteres Zeichen für den kräftigen Schub auf dem vegetarisch-veganen Markt kann man die Art und Weise betrachten, in der die zwei Dutzend Mitarbeiter von LikeMeat arbeiten. Denn wenn bisher hinter dem Anbieter von veganer Kost typischerweise ein in Tierrechten und Umweltschutz hoch engagiertes Pärchen ohne Feierabend stand, so handelt es sich in Wetschen um Vollprofis – sie haben vorher industriell in Fleisch gemacht. LikeMeat ist ein Spin-off des seit 50 Jahren hier ansässigen Traditionsbetriebes Recker. Der versorgt Gastronomie und Großhandel mit Fertigessen. Unter der Marke Die Schnitzelmacher beliefert Recker zum Beispiel europaweit Kunden mit Schnitzeln. Als klar wurde, dass das Geschäft mit Fleisch schwierigen Zeiten entgegengeht, kam einer der Recker-Söhne, Timo, auf die Idee, Pflanzenfleisch zu produzieren. Und zwar mit den aus dem Fleischgeschäft bekannten Maschinen und Methoden und dem Know-how des Kernunternehmens. Nur eben: Soja statt Fleisch.