Maximilian Lenz, besser bekannt als DJ Westbam © Oliver Rath

Ein strahlender, ein sonnengleißender Februarmorgen: zehn Uhr früh. Der DJ, den der Schriftsteller Rainald Goetz einmal als "klassischen Intellektuellen" bezeichnet hat, taucht mit einem E-Bike, einer schwarzen Kappe und schwarzen Adidas-Stoffschuhen der ersten Techno-Generation vor den Mauern des Dorotheenstädtischen Friedhofs an der Berliner Chausseestraße auf, des großen Berliner Intellektuellen-Friedhofs, auf dem Geistesgrößen wie Hegel und Fichte begraben sind, aber auch die Gräber vieler bundesrepublikanischer Linker und beinahe der gesamten DDR-Intelligenz liegen (Anna Seghers, Erich Arendt, Arnold Zweig, Heinrich Mann, Johannes R. Becher, Günter Gaus, Hans Mayer, Bertolt Brecht, Helene Weigel, Heiner Müller, Christa Wolf).

Westbam, bürgerlich Maximilian Lenz, gerade 50 Jahre alt geworden, hat ein Buch veröffentlicht, in dem er sich an sein Tun und Wirken als DJ, als DJ-Tycoon, als wahrer Pionier des Nachtlebens, als Miterfinder der Riesenraves Love-Parade und Mayday und an das DJ-Zeitalter der neunziger Jahre erinnert. Klingt vielleicht komisch, aber für einen Mann des Nachtlebens, der Afterhour, der frühen Morgenstunden im Club ist der Friedhof natürlich genau der richtige Ort, um sich über sein Erinnerungsbuch mit dem Titel Macht der Nacht zu unterhalten. "Ach, du wunderbare Morgensonne", spricht Westbam und guckt blinzelnd nach oben. Und tatsächlich, man kann hier in der fahlen, aber schon wärmenden Morgensonne genau etwas von der schwärmerischen Energie, der Euphorie, dem Glücksgefühl abkriegen, die in den neunziger Jahren, die so unheimlich lange her sind, um zehn Uhr früh in einem Club auf der Tanzfläche ausgeschüttet wurden.

Westbam geht mit kleinen Schritten, leicht nach vorne gebeugt und mit auf dem Rücken verschränkten Armen, er nickt beim Reden, streut altmodische Formulierungen wie "Schau mal einer an" oder "Haste nicht gedacht" ein. Es geht von ihm, das macht ja wirklich Spaß, eine komisch betuliche, fast professoral steife Aura aus. Es ist, dieses Lob können wir dem schreibenden Deejay machen, ein enorm gut lesbares Buch geworden. Westbam bezieht die Position des teilnehmenden Beobachters, er ist immer mittendrin in der Party, in den Absturznächten, dem großen Wirrwarr der Techno-Jahre und hält trotzdem Abstand, er schreibt in einer locker hingetexteten, trotzdem unszenigen Sprache. Von Nachtlebenjargon keine Spur.

Ist ihm das Schreiben so leicht gefallen, wie es sich liest? "Schön, dass man dem Buch die Bemühungen nicht so sehr anmerkt", antwortet Westbam höflich. Und: "Unter all meinen Werken war das Buch das anstrengendste. Ein ungeheurer Kraftaufwand." Die letzten zwanzig Seiten seien unter Hochdruck, in nicht einmal zwei Wochen entstanden: "Es war wie vor der Members-of-Mayday-Party: Das offizielle Anthem muss fertig werden, es nützt alles nichts."

Stehen bleiben am Grab und vor der Bronzebüste von Heinrich Mann: Wie ist das mit der Erinnerung? Erinnert man, wenn man auf dreißig Jahre Feiern, Abfahren, Drogenfressen, Schwitzen und Durchdrehen zurückblickt, richtig? "Richtig schon", erklärt Westbam, "aber vielleicht nicht immer zutreffend." Und er setzt kühn hinzu: "Ich bin ein Gedächtnismensch." Da lächelt der Bronze-Heinrich jetzt aber schon ein bisschen. Und noch eine Frage zum Text: Im ganzen Buch kommt kein Sex, kommt Westbams Körper nicht ein Mal vor. Ist der Körper im Nachtleben nicht wichtig?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 05.03.2015.

Westbam erzählt von Nächten im legendären Berliner Schwulenclub Metropol: "Wie ich mich da gefreut habe, wie ich da mitgevibed bin. Aber eben wirklich geistig." Das sei einer der Gründe, warum er DJ geworden sei: "Ich liebe den Körper, ich liebe die Ekstase. Aber ich habe mich immer als Dirigent der Party gesehen, eben als Beobachter."

Westbams Macht der Nacht erzählt chronologisch, es beginnt bei dem vierjährigen Max, geboren als Sohn eines Kunstpädagogikprofessors und einer Kunstlehrerin, aufgewachsen auf einem Bauernhof bei Münster ("Mit vier war ich der erste Hippie Deutschlands"), und endet in der Techno-Postmoderne der nuller Jahre, mit dem Tod seines alten DJ-Kumpels Lupo, des großen Feierkönigs aus dem Münchner P1. Dazwischen liegen dreißig Jahre Nachtleben. Westbam war kein musikalischer Frühzünder: "Marschmusik was my first love." Von seinen Eltern bekommt er eine 68er-Sozialisation mit: "Musik hatte für sie etwas mit Aufstand zu tun. Es ging immer gegen die Spießer, so weit hatte ich das verstanden."