Ein Großonkel von mir begann sein Mittagessen damit, dass er eine Portion Vanilleeis in die Mikrowelle stellte, sie eine Minute lang erhitzte und die schäumende Masse über drei geschälte Kartoffeln goss. Seither glaube ich an die Vereinbarkeit von allem und jedem.

Mit dieser, wie man meinen sollte, auf Einvernehmen zielenden Ansicht bringt man allerdings eine ganze Menge Leute gegen sich auf. Um weit zurückzugehen: Sophokles. Der hielt gleich die Welt und den Menschen selbst für unvereinbar ("Nie geboren zu sein, das ist / Weit das Beste"). Oder wie wäre es mit dem Psychoanalytiker Jacques Lacan, der selbst die intensivsten Momente der Verschmelzung von Mann und Frau für Trug hielt ("Es gibt keine sexuelle Beziehung")? Man könnte auch die Rechtspopulisten nennen ("Der Islam gehört nicht zu Europa"). Und natürlich all jene, die Karriere und Familie für unvereinbar halten.

Gerade dieser letzte Glaube an ein radikales Entweder-oder zwischen Familie und Karriere ist weit verbreitet. Pünktlich zum Weltfrauentag kommt nun auch eine Studie des Instituts für deutsche Wirtschaft Köln zur Einschätzung, dass nur jede dritte beschäftigte Frau (bei den Männern ist es jeder zweite) überhaupt einen beruflichen Aufstieg anstrebt – eben weil das zeitliche Engagement, das man dafür mitbringen müsste, zulasten der Liebsten ginge. In der Altersgruppe der 31- bis 40-Jährigen soll dieser Zielkonflikt zwischen Karriere und Familie besonders stark ausgeprägt sein.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 05.03.2015.

Damit bestätigt die Studie, was in den letzten Jahren schon viele gesagt, geahnt oder auch erfahren haben.

Überraschend ist hingegen ein weiteres Ergebnis der Kölner Forscher: dass nämlich die Zufriedenheit sowohl bei denen, die Karriere machen, wie bei denen, die keine machen, genau gleich hoch sei. Demnach wäre die Unvereinbarkeit von Familie und Karriere gar kein Problem, weil am Ende ohnehin alle glücklich sind, sei es mit der Karriere oder den Kindern.

Daraus lassen sich zwei verschiedene, politische Schlüsse ziehen: Man könnte folgern, dass die Quote für Führungskräfte entbehrlich ist, weil die Unvereinbarkeit von Familie und Karriere diese Jobs ohnehin nur für eine Minderheit von Frauen attraktiv mache. Man könnte sich durch die Studie aber auch bestärkt fühlen, an der Quote festzuhalten und stattdessen die real existierende Unvereinbarkeit von Karriere und Familie auf den Müllhaufen der Geschichte zu entsorgen. Nur: Wie soll das gehen? Nach dem Rezept meines Großonkels lassen sich Unvereinbarkeiten beseitigen, indem man die Struktur einer der Zutaten verändert und beispielsweise aus einer kalten und harten Sache etwas Warmes und Weiches macht. Nun werden zwar die wenigsten auf heißen Vanilleeisschaum stehen, erst recht nicht mit Kartoffeln. Aber eine Karriere, für die man sich nicht mit Haut und Haar einbringen muss, für die ein paar gute Ideen und der Sinn für große Zusammenhänge, das richtige Urteil zur rechten Zeit und ein Händchen fürs Delegieren ausreichten, eine solche gut durchgekochte Karriere: Würde die nicht auch ein paar familienbewussten Frauen munden?