Mark, ich finde, wir sollten unser Bild von Angela Merkel überdenken, genauer: von der Wirtschaftspolitikerin Merkel. Es ist mittlerweile klar, dass sie keine große Reformerin mehr wird, die das Land von Grund auf verändert. Aber vielleicht ist das nicht schlimm, denn am Ende kommt es darauf an, dass die Sache funktioniert und der Wohlstand wächst.

Wenn die Prognosen nicht täuschen, steht Deutschland erneut vor einem wirtschaftlichen Aufschwung. Das ist keine Selbstverständlichkeit in einer Zeit, in der hohe Wachstumsraten im Westen ein rares Gut geworden sind. Die Auftragsbücher der Firmen sind voll, die Arbeitslosigkeit sinkt, und anders als früher ist es ein Aufschwung für die breite Masse, weil die Löhne kräftig steigen und alle etwas davon haben. Man kann Merkels Politik aus vielen Gründen kritisieren, aber unbestreitbar ist, dass die Dekade ihrer Regierungszeit eine ökonomisch erfolgreiche war. Man muss sich nur an die Untergangsstimmung zur Zeit ihres Amtsantritts erinnern, um zu verstehen, wie radikal besser das Land heute dasteht.

Nun ist es fast schon Mode unter Ökonomen, Merkel den Erfolg abzusprechen und äußeren Faktoren zuzuschieben: der Europäischen Zentralbank, der Weltkonjunktur, der Vorgängerregierung. Daran ist nichts falsch, aber es ist eben auch etwas zu einfach, zu sagen, Merkel habe nach zehn Jahren im Amt mit alledem nichts zu tun.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 12.03.2015.

Merkel mag das Land als Wirtschaftspolitikerin nur wenig verändert haben. Sie hat aber auch kaum Fehler gemacht – und das in einer Zeit, in der kleine Fehler zu großen Abstürzen führen können. Gerade in der Krise war ihr Politikstil hilfreich: das millimeterweise Vorantasten und die Gelassenheit, Rufe nach radikalen Lösungen zu überhören. Es lohnt sich, durchzuspielen, was die Amerikaner counterfactual scenario nennen, die Frage also, was wäre, wenn Merkel nicht gewählt worden wäre. Konkret: Wie wäre Deutschland mit einem Testosteronkanzler Schröder oder einem erratisch handelnden Edmund Stoiber durch die Krise gekommen? Ich habe meine Zweifel, dass es heute ähnlich gut dastehen würde.

In den zehn Jahren Merkel ist aber noch etwas anderes passiert: Die Deutschen haben ihr ökonomisches Selbstbewusstsein wiedergewonnen. Das war einerseits eine Folge der Krise, die gezeigt hat, wie robust die deutsche Wirtschaft sein kann. Es war aber auch die Folge der besonnenen Wirtschaftspolitik der Kanzlerin. Man kann kritisieren, wie Merkel innenpolitische Reformdebatten abgeräumt hat. Aber ein Nebeneffekt war, dass eine neue Zuversicht im Land entstanden ist, weil Deutschland nicht mehr ständig schlechtgeredet wird. Anders als in vielen anderen Ländern gehen die meisten Bürger heute zur Arbeit, ohne Sorge zu haben, ihren Job zu verlieren. Die sinkende Unsicherheit ist auch ein Grund, warum der Konsum anzieht und die Bürger wieder mehr Geld ausgeben.

Das heißt nicht, dass Merkels Methode auf Dauer erfolgreich sein wird. Und letztlich wird sich die Kanzlerin auch daran messen lassen müssen, ob Europa als Ganzes wieder auf die Beine kommt. Es ist bloß unfair, zu behaupten, die ökonomische Lage habe nichts mit ihr zu tun. Sie hat. Der nächste Aufschwung ist auch Merkels. Dein Philip

Lesen Sie hier den Text von Mark Schieritz.