Ein arabisches Café in der Neuköllner Sonnenallee © Carsten Koall/Getty Images

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"Die arabische Welt braucht nicht eure Flugzeuge und Raketen! Gebt uns Norbert Lammert!" Der Mann, der so begeistert vom deutschen Parlamentarismus und seinem höchsten Vertreter schwärmen kann, ist Aktham Suliman, 44, ein syrischer Journalist. 2002 geriet er in einen arabischen Traum: Suliman wurde Reporter, später Büroleiter beim Fernsehsender Al-Dschasira in Berlin. Al-Dschasira war nicht irgendein Sender. Für Suliman war er "Heimat". "Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass wir Araber die Welt in Erstaunen versetzt haben. Positiv, meine ich", sagt Aktham Suliman und lächelt gequält. Er muss nicht aussprechen, woran er dabei denkt: Araber, das sind für weite Teile des Westens die mit dem Krieg und dem IS, die Problemkinder unter den Migranten, die Intensivtäter, die Verlierer.

Wie Araber gesehen werden und wie sie über sich und ihre Region denken, wird für Europa jeden Tag mehr zur Schicksalsfrage. Wenn aus dem Zerfall staatlicher Strukturen im Irak oder in Syrien nichts hervorgeht, was Sunniten, Schiiten, Christen, Kurden und Jesiden verbindet, was sie stolz macht und selbstbewusst, dann werden ihre Bruderkämpfe auch immer häufiger in Paris, London und Madrid stattfinden. Und in der deutschen Hauptstadt. Was bewegt die arabische Community in Berlin?

Für den Journalisten Aktham Suliman war Al-Dschasira am Anfang ein Fanal der Hoffnung. Finanziert durch den Emir von Katar, erschien der Sender schnell, selbstkritisch und frei in einem Ausmaß, dass es den Zuschauern den Atem verschlug. "Wir ließen alle Seiten zu Wort kommen. Zu Beginn des arabischen Frühlings haben uns Leute auf der Straße geküsst vor Dankbarkeit. Es war, als hätte man gehungert, und plötzlich bietet jemand ein köstliches Falafel-Sandwich an."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 12.03.2015.

Suliman, ein großer, kräftiger Kerl, der Publizistik, Islamwissenschaft und Politik studiert hat und beim Lokalplayboy Rolf Eden Garderobier war, stellte seine Armbanduhr auf Doha-Zeit. Al-Dschasira nannte Saddam Hussein einen Diktator und den ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak ein Weichei. In der arabischen Medienlandschaft, in der es sonst nur Verlautbarungsjournalismus und Ansager mit Betonfrisuren gab, sah man plötzlich lachende, blitzgescheite Reporterinnen, Talkshows mit Wutausbrüchen und neben Propagandavideos von Osama bin Laden auch israelische Gesprächspartner. Bald sahen Millionen von Menschen zu. Al-Dschasira war fraglos ein arabisches Projekt – aber in seiner Anmutung eben völlig unarabisch: nicht die Ehre triumphierte, sondern die Neugier; nicht die Macht der Gruppe, der Sunniten, Schiiten oder Alawiten, sondern die Würde der einzelnen Stimme.

Bis die Muslimbrüder in Ägypten an die Macht kamen, im Sommer 2012. Da war es plötzlich vorbei mit der Freiheit. "Auf einmal sollten wir Hofberichterstattung für Mohammed Mursi machen", erzählt Aktham Suliman. "Plötzlich war es wichtig, ob ein Kameramann Schiit war. Plötzlich hießen Kritiker von Mursi 'Unruhestifter', 'Krawallmacher'. Das wäre Anfang 2011 noch absolut undenkbar gewesen." Suliman ist nicht der einzige hochkarätige Journalist, der Al-Dschasira daraufhin verlassen hat. Al-Dschasira, das war ein kurzer Traum von einer neuen arabischen Identität, von etwas, das nicht Krieg, Rückständigkeit und Fundamentalismus ist, sondern etwas Modernes, Freies. "Zu schön, um wahr zu sein", sagt Aktham Suliman.

Ein Treffen mit der ZDF-Moderatorin Dunja Hayali. Die 40-Jährige ist vermutlich Deutschlands berühmteste Araberin, dabei stammt sie aus dem Ruhrpott, aus Datteln bei Recklinghausen. Die Frau, die sich und ihren "Migrationsvordergrund" in ungezählten Interviews erklären sollte, scheint sich alle Mühe zu geben, jede granatapfelhafte orientalistische Verklärung ihrer Person im Keim zu ersticken. Kurze, wild abstehende Haare, Motorrad, Tattoos, Leben mit einer Frau, Sympathie für den Buddhismus – all das hat nicht viel mit dem Bild einer traditionellen arabischen Frau zu tun. "Aber wenn ich in ein Taxi steige, und der Fahrer ist Syrer oder Libanese, dann ist da sofort eine Verbindung, etwas Geteiltes", sagt Hayali. Und was ist das? "Man leidet gemeinsam."

Alle Araber eint die historische Erfahrung des Scheiterns

Nicht nur ihr Lebensstil, auch ihre Herkunft macht Dunja Hayali zu einer Zielscheibe im arabischen Raum. Sie kommt aus einer christlichen Familie. Die meisten Kenner der Region sagen den Christen dort keine große Zukunft voraus. Hayalis Vater ist ein syrisch-orthodoxer Mediziner, die Mutter katholische Pharmazeutin aus Mossul im Norden des Iraks; die meisten Verwandten aber lebten in Bagdad. Dort hat Hayali, die bis zum Einmarsch der Amerikaner 2003 regelmäßig zu Besuch kam, alles erlebt, was unter Saddam Hussein zu erleben war: den Fliegeralarm während des Kriegs gegen den Iran in den achtziger Jahren; den Onkel, der verschwand, weil er angeblich ein Konterfei des Diktators beschmutzt hatte; die großen Familienfeste, bei denen die Frauen in der Küche stundenlang kochten und lachten; den Spaziergang über die Märkte von Bagdad, durch goldgefüllte Geschäfte, "ich dachte, gleich kommt Aladin". Und schließlich auch die Vertreibung der christlichen Hayalis durch ihre Nachbarn. Der Sturz eines Diktators wie Saddam Hussein – auch das gehört zu den demütigenden Erfahrungen vieler Araber in den vergangenen Jahren – führte dazu, dass das Leben speziell für Christen im Irak nicht mehr sicher war.