Der Bildersturm des IS ist nicht neu, aber jetzt eskaliert er. In Mossul und Ninive verrichteten die Bärtigen noch mit Hammer und Pressluftbohrer ihr trauriges Werk; in Nimrud, das einmal die Hauptstadt des antiken Reiches Assyrien war, ebneten sie mit Bulldozern und Planierraupen ein, was dort mehr als zweitausend Jahre überdauert hatte. Und wie es am Wochenende hieß, teilt nun auch die Ruinenstätte von Hatra – Teil des Weltkulturerbes der Unesco und unschätzbar wichtiges Zeugnis aus der Zeit der Parther – das Schicksal von Nimrud. Aber das war schon nur mehr eine Kurznachricht, die Meldungen sind sich zu ähnlich geworden. Dabei hält der Fall von Hatra auch noch die fiese Pointe bereit, dass hier, wo der IS nun zur selbst erklärten Götzenaustreibung angetreten ist, einmal der amerikanische Film Der Exorzist gedreht wurde.

Man wird sich bei Spaziergängen auf Google Earth an den Gedanken gewöhnen müssen, dass die vielleicht erst vor Kurzem aufgenommenen Satellitenbilder solcher Stätten womöglich schon nicht mehr der Wirklichkeit entsprechen. Dass also hier ein Kulturerbe der Menschheit für alle Zeiten verloren gegangen ist. Jeder, der in diesem Moment in irgendeiner Stadt etwas zu Papier bringt oder in einen Computer tippt, ist Teil dieser Erbengemeinschaft. Denn in Mesopotamien, wie dieser Weltteil einmal hieß, wurde die Stadt erfunden und die Schrift und vielleicht die Kultur überhaupt.

Es muss, auch wenn es vielleicht pedantisch oder hoffnungslos larmoyant klingt, daran erinnert werden, dass solche Zerstörungen verboten sind. Zum Beispiel durch die im Jahr 1954 verabschiedete Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten. Kulturgut, heißt es da, ist "bewegliches oder unbewegliches Gut, das für das kulturelle Erbe der Völker von großer Bedeutung ist". Irina Bokowa, die Generaldirektorin der Unesco, verurteilte die Zerstörung von Nimrud als Kriegsverbrechen.

Lesen Sie dazu auch "Die Straße der Angst" (S. 15) und "Blutige Kunst" (S. 58) in der ZEIT Nr. 11 vom 12.03.2015

Die Unesco kann solche Verlautbarungen abgeben und Konferenzen organisieren. Tätig werden aber andere. Und manche von ihnen riskieren dabei ihr Leben. Es sind die syrischen Monuments Men, das Wall Street Journal hat sie gerade ausführlich unter diesem Titel porträtiert. Aber eigentlich heißen sie nicht Monuments Men; der offizielle Name dieser Nichtregierungsorganisation ist Heritage for Peace. Über Menschen, die klandestin und mitten im Krieg agieren, darf allzu Konkretes nicht berichtet werden, es könnte sie in unmittelbare Gefahr bringen.

Was man sagen darf, ist, dass der feste Kern der Gruppe in Syrien aus ungefähr dreißig Personen besteht und sich auf über zweihundert erhöht, wenn alle Beteiligten zusammengezählt werden. Die beiden Gründer und Organisatoren von Heritage for Peace sind allerdings bekannt: Bei Isber Sabrine, einem in Spanien und gerade in Berlin lebenden Archäologen, und dem niederländischen Anthropologen und Krisenmanager René Teijgeler laufen alle Fäden zusammen.

Syrien ist zurzeit ein Land hinter den Spiegeln. Und für Ausländer nahezu unzugänglich. Wie lässt sich daher ein Bild der aktuellen Zerstörungen machen? Die Dokumentation vor Ort gehört zu den Hauptaufgaben der Monuments Men. Es sind Profis: Syrische Archäologen, die an der Universität von Damaskus ausgebildet wurden und nun einen Magister oder einen Doktortitel haben, aber keine bezahlte Arbeit. Die Mitglieder ihres engsten Kreises standen im Dienst der staatlichen Antikenverwaltung (DGAM), doch Assad fror nach Kriegsausbruch ihre Gehälter ein. Diese wurden zwischenzeitlich von der syrischen Oppositionsregierung im türkischen Exil übernommen, allerdings war es auch damit bald vorbei.