Am Ende sitze ich auf dem Bett meines Hotelzimmers in Bagdad, das Handy in der Hand. Die Hand zittert. Ich möchte die Nummer der Redaktion in Hamburg wählen und vertippe mich immer wieder. Vor wenigen Minuten hatte das Telefon geklingelt. "Guten Tag", sagte ein Beamter des Bundeskriminalamts in Berlin. Staatsschutz. "Es liegt eine Entführungswarnung für Sie und Ihren Fotografen vor." Die Entführer, erklärte er, würden unsere Namen und unser Hotel kennen. Wer uns bedrohe, wisse er nicht. Wann sie uns kidnappen wollten, auch nicht. Wahrscheinlich sei: jederzeit.

Voller Hast packen wir Pässe, Geld, Notizen, Kameras ein, der Reißverschluss des Rucksacks klemmt. Ich ziehe und ziehe. Ich höre Schritte vor meiner Tür. Ich lausche. Die Schritte entfernen sich. Ich trete ans Fenster, sehe unten in der Einfahrt eine Gruppe junger Männer, die hinaufblicken. Sie lachen. Als ich wenig später noch einmal hinunterschaue, sind sie verschwunden. Aus der deutschen Botschaft heißt es, man erwäge, einen bewaffneten Konvoi zu unserer Rettung zu schicken. So endet unsere Recherche.

Fahrten in den Irak sind seit Jahren Fahrten in eine Welt des Zerfalls. Doch selten hat mich eine Reise in dieses Land so verstört. Die Sieben-Millionen-Metropole Bagdad war einst das Zentrum des Iraks, jetzt ist sie zu einer Frontstadt geworden. Die meisten Verbindungswege ins Umland sind gekappt oder extrem unsicher. Die Kämpfer des "Islamischen Staates" (IS) belagern Bagdad im Westen und im Norden. Tausende Menschen haben sie ermordet, vor wenigen Tagen die antike Festungsstadt Hatra verwüstet. Ihre Planierraupen verwandelten die jahrtausendealten Bauten zu Staub.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 12.03.2015.

Was aus europäischer Sicht oft wie eine Schlacht zwischen fanatischen und gemäßigten Muslimen anmutet, ist in Wahrheit ein Konflikt zwischen den beiden großen Glaubensrichtungen des Islams. Für den "Islamischen Staat" kämpfen ausschließlich Sunniten, die wichtigsten sunnitischen Stämme sind mit den Fanatikern ein Zweckbündnis eingegangen. Die irakische Armee, in der Angehörige beider Glaubensrichtungen gemeinsam dienten, hat sich zu weiten Teilen aufgelöst, weil die meisten Sunniten ihre Einheiten verlassen haben. Die Verteidigung der Hauptstadt hat ein eilig zusammengestelltes Heer aus schiitischen Milizen übernommen. Sie konnten den Vormarsch des IS stoppen und rüsten sich jetzt für den Gegenschlag.

Es droht die große Katastrophe des Nahen Ostens: das endgültige Zerbrechen des Iraks. Ein offener Krieg zwischen Sunniten und Schiiten. Jeder Sieg in diesem Krieg wäre eine Niederlage.

Zwei Wochen vor dem Tag, an dem wir erfahren, dass wir entführt werden sollen, sehen wir zum ersten Mal die Straße, die ganz harmlos "Straße der Bäume" heißt und in Wahrheit eine Straße der Angst ist. Im Westen Bagdads markiert sie die Linie, an der es den Irak auseinanderreißt, die Grenze zwischen Schiiten und Sunniten, die Grenze zwischen denen, die dreimal am Tag beten, und jenen, die es fünfmal tun, zwischen denen, die beim Gebet die Hände seitlich hängen lassen, und jenen, die sie vor dem Bauch verschränken, denen, die vor Jahrhunderten der Meinung waren, nur ein Familienmitglied des Propheten Mohammed könne Nachfolger des Religionsgründers werden, und jenen, die das als Ketzerei empfanden.

Die Straße der Bäume ist die Grenze zwischen zwei Vororten im Westen Bagdads, dem sunnitischen Ghasalija und dem schiitischen Schuala. Nur zehn Kilometer von hier beginnt das Kalifat des IS.

Je tiefer man in die Straße hineinfährt, desto mehr erscheint Wahnsinn wie Vernunft, und Vernunft wie Wahnsinn. Desto logischer wird der Irrsinn, der so viele Sunniten zum IS treibt.

Am Zugang zur Straße der Bäume tanzt selbstvergessen ein Polizist mit ausgestreckten Armen, auf seinem Rücken eine Kalaschnikow. "Kommt!", singt er. "Voran!" Er dreht sich um sich selbst, hüpft auf den Spitzen seiner Stiefel, winkt den Verkehr durch, lacht. Wie entrückt steht er zwischen den Betonquadern seines Kontrollpostens, der häufig Ziel von Anschlägen ist. "Drogen", sagt Moataz*, unser Fahrer, der viel mehr als ein Fahrer ist.

Moataz fährt uns in seinem gelben Taxi stadtauswärts bis ans Ende der Straße, nicht zu schnell, nicht zu langsam, um bloß nicht aufzufallen. Moataz, 31, gutmütig und so dick, dass er kaum hinters Steuer passt, wohnt in der Gegend, er kennt sie und ihre Gefahren.

Die Straße der Bäume ist keine zehn Meter breit. Palmen wachsen auf beiden Seiten. Die Häuser links, in denen die Sunniten wohnen, unterscheiden sich auf den ersten Blick in keiner Weise von denen rechts, in denen die Schiiten leben. Braune einstöckige Bauten mit kleinen Gärten und großen Dachterrassen.

Kaum jemand überquert die Straße. Wir fahren an einem Fußballstadion vorbei, das 2012 auf schiitischer Seite als Zeichen der Versöhnung gebaut, aber noch nie benutzt wurde, weil niemand dort zu spielen wagt. Wir passieren eine sunnitische Moschee, deren Wände zerfurcht sind von Granateinschlägen. Schiitische Milizen haben 2007 auf sie gefeuert, weil sich Scharfschützen von Al-Kaida dort verschanzt hatten. Der Imam wurde kürzlich auf der Straße erschossen, jetzt bangt der Nachfolger um sein Leben.