Soldaten des Tschad kämpfen in Nigeria gegen die Terrorgruppe Boko Haram. © Emmanuel Braun/Reuters

Von Maiduguri im Norden Nigerias bis nach Rakka, Syrien, sind es rund 5.000 Kilometer. Es liegen Welten zwischen den beiden Städten. Trotzdem war die Aufregung groß, als am vergangenen Samstag die in Maiduguri gegründete Terrororganisation Boko Haram sich offiziell den Terroristen des "Islamischen Staates" unterstellte, dessen Hauptstadt Rakka ist. "Wir verkünden unsere Treue zum Kalifen der Muslime", sagte Abubakar Shekau, der Führer von Boko Haram, in einer Videobotschaft. Der "Kalif der Muslime", das ist Abu Bakr al-Bagdadi, der Führer des IS.

Ist dieser Treueeid nun der seit vielen Monaten von Sicherheitsexperten befürchtete Zusammenschluss zweier schlagkräftiger Terrororganisationen? Ist unter unseren Augen eine neue Front des globalen Dschihadismus entstanden, die vom Nahen Osten bis nach Westafrika reicht?

An dem Tag, als Boko Haram seinen Treueeid leistete, stürmten mehrere Bewaffnete in das Lokal La Terrasse in Bamako, der Hauptstadt Malis. Sie schossen um sich und töteten fünf Menschen, drei Europäer und zwei Malier. Dabei sollen sie Augenzeugenberichten zufolge "Allahu Akbar" gerufen haben, "Gott ist am größten", nach dem Muster der Attentäter von Paris, die Anfang des Jahres 15 Menschen töteten.

Frankreichs Regierung nimmt den Anschlag von Bamako sehr ernst. Mali gilt in Paris als "Frontstaat" im Kampf gegen den Terror, auch gegen den Terrorismus in Europa. Im Januar 2013 intervenierte die französische Armee und vertrieb die Islamisten, die den Norden des Landes besetzt hatten, darunter die weltberühmte Stadt Timbuktu.

Auch wenn sich die islamistischen Kämpfer aus den Städten des Nordens zurückziehen mussten, befriedet ist dieser Landesteil bis heute nicht. Fast täglich gibt es Anschläge und Angriffe, auf die malische Armee sowie auf die UN-Truppen. Die Gewalt im Norden Malis ist inzwischen zur traurigen Routine geworden, so gut wie unbeachtet von den internationalen Medien. Das Attentat in Bamako allerdings rüttelte die westliche Öffentlichkeit für kurze Zeit auf – immerhin, es war das erste seit vielen Jahren in der bis dato als sicher geltenden Stadt. Aber bevor überhaupt die lokalen Ursachen der andauernden Instabilität im Norden des Landes erörtert werden konnten, wechselte die Debatte schnell auf die größere und abstraktere Bühne des globalen Dschihadismus. Schuld daran war der mit dem Attentat von Bamako fast gleichzeitig veröffentlichte Treueeid Boko Harams.

Der Westen soll sich fürchten vor den zu allem entschlossenen Kämpfern

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 12.03.2015.

Terroristen brauchen Aufmerksamkeit wie die Luft zum Atmen. Eine Terrororganisation, die ignoriert werden kann, wäre keine Terrororganisation mehr. Sie muss sich also zu monströser Größe aufblasen, muss Angst und Schrecken verbreiten. Das ist einer der Gründe für die öffentlich inszenierten Abscheulichkeiten des IS. Auch die Zerstörung von alten Kulturgütern ist in diesem Sinn Agitprop: Wir sollen uns fürchten vor den zu allem entschlossenen Kämpfern – und wir sollen das Gefühl haben, dass sie vor der Tür stehen. Nachdem IS-Schlächter Mitte Februar am Strand von Libyen 21 koptische Christen hingerichtet hatten, wies einer der Mörder mit dem Messer über das Meer Richtung Norden und sagte ins Mikrofon: "Wir sind südlich von Rom!"

Boko Haram unterliegt dem gleichen terroristischen Grausamkeitsgesetz, nach dem die schlimmste Tat immer noch gesteigert werden muss, um eine zunehmend unempfindlich gewordene Öffentlichkeit von Neuem zu erregen. Doch was sagt uns das alles über die wahre Stärke Boko Harams?