Für die Caritas Services GmbH arbeiten in Österreich über 100 Menschen.

Pamm! Einer der Koffer, die als Deko in der Lobby gestapelt sind, bekommt eine mit dem Putzlappen gewischt. An der Rezeption stehen Gäste, während Bissi vom Housekeeping den Eingangsbereich des Hotels auf Vordermann bringt. Der Staub hat allen Grund, sich zu fürchten. Eben hat die Nigerianerin noch mit Nachdruck den Tisch mit den kostenlosen Postkarten geschrubbt. Jetzt sind die karierten Koffer aus den Fünfziger Jahren dran. Bissi verpasst den Stehimwegs eine entschiedene Abreibung. Ordentlich muss das Magdas ausschauen. Für Bissi scheint das eine persönliche Mission zu sein.

"Hatten Sie a guate Anreise?" Dinis, der Rezeptionist aus Guinea-Bissau, reicht einem Paar den Zimmerschlüssel über den Empfangstresen. Wer im Hotel Magdas ankommt, hat oft einen weiten Weg hinter sich. Doch weiter als der Weg der Gäste war meist derjenige der Angestellten. Hinter ihnen liegen oft Wochen und Monate, die sie versteckt auf Containerschiffen oder zusammengekauert im Gepäckraum von Bussen verbringen mussten. Getrieben von Angst und Not, hatten sie ihre Heimat verlassen. Wurden durchgereicht, bis sie in Wien eine Bleibe fanden. Mit dem Magdas beginnt für sie nun ein neuer Lebensabschnitt. Das Hotel am Wiener Prater ist ein Projekt der Caritas: Hier sollen anerkannte Flüchtlinge die Chance bekommen, auf dem österreichischen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Früher war das Gebäude ein Pflegeheim. Nun arbeiten hier 20 Flüchtlinge aus 16 verschiedenen Ländern. Alle in Festanstellung, obwohl nur Dinis und eine seiner Kolleginnen Hotellerie-Erfahrung haben.

Dafür werden im Haus ganze 27 Sprachen gesprochen. "Portugiesisch, Französisch, Englisch, Deutsch, Italienisch, Schwedisch und Spanisch", zählt Dinis auf – die Sprachen, in denen er sich verständigen kann. Der 29-Jährige guckt stolz hinter dem riesigen Blumenstrauß hervor, der auf dem Empfangstresen steht. Guinea-Bissau, Dinis’ erste Heimat, ist eines der ärmsten Länder der Welt. 2003 verließ er seine Familie, versteckte sich auf einem Frachtschiff. Da war er 17 Jahre alt. "Ich wollte nicht in einem Land leben, das korrupt ist und in dem es keine Meinungsfreiheit gibt", sagt er. Das Schiff brachte ihn von seiner westafrikanischen Heimat nach Italien. Von dort kam Dinis nach Österreich. Er fand einen Ausbildungsplatz in der Hotellerie – Asylbewerbern bis 25 Jahre ist es erlaubt, eine Lehre zu machen. Doch danach eine Stelle annehmen durfte er aufgrund der Gesetzeslage nicht. Das ist nur anerkannten Flüchtlingen erlaubt. Zehn Jahre lang sei er ohne Anstellung gewesen, sagt Dinis. Eine Belastung. "Ich habe deswegen als Freiwilliger gearbeitet, im Hospiz Kranke und im Pensionistenheim alte Menschen gepflegt." Auch seinen 70-jährigen Nachbarn hat er betreut. "Nun fragt er mich jeden Tag, wann ich wieder zu ihm komme. Aber ich kann nicht – ich arbeite doch jetzt hier." Für einen Moment wirkt Dinis geknickt. Dann zieht er sein kornblumenblaues T-Shirt glatt, damit der Schriftzug des Magdas besser zu sehen ist. "Dieser Job ist das Beste, was mir seit Langem passiert ist."

Im Hotel Magdas werden 27 Sprachen gesprochen.

Sie haben gelernt, den Blick zu senken, nun sollen sie auf Gäste zugehen

Seit Februar ist das Haus im 2. Bezirk geöffnet. Die Caritas, eine Hilfsorganisation der katholischen Kirche, hat in Österreich die Caritas Services GmbH gegründet, um unter dem Namen Magdas (abgeleitet von "Ich mag das") Stellen für Langzeitarbeitslose zu schaffen. Über 100 Mitarbeiter sind mittlerweile in den Integrationsbetrieben beschäftigt, darunter das Restaurant Magdas Kantine und ein Magdas-Recyclingunternehmen. Und nun auch im Magdas Hotel. Früher wohnten hier Senioren, in Premiumlage: zwischen Donaukanal und Donau, an der von Bäumen gesäumten Hauptallee des Praters. Das Gebäude aus den Siebzigern wird von der 1912 errichteten Bildhauerschule der Akademie der bildenden Künste eingefasst. Weil es so hässlich ist, wirkt die Nähe des prächtigen Atelierbaus wie eine tröstende Umarmung. Außerdem hat das Hotel ein gutes Herz: "Hier werden Vorurteile abgebaut", steht auf dem Banner, das an der Fassade hängt. Die Lobby hinter den schweren Glastüren ist weitläufig, der Boden beige und grau gefliest. Einige der gelbspeckigen Heimlampen haben den Umbau überlebt. Sie durften ihren Platz an der Decke wieder einnehmen. Von dort scheinen sie auf die 27 großen und kleinen Porträts, die rechts an der Wand arrangiert sind. Keine Ahnengalerie, Fotos der Mitarbeiter.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 12.03.2015.

Wer im Urlaub Abstand von der Realität nehmen möchte, sollte vielleicht anderswo einchecken. Im Magdas bekommen die anonymen Flüchtlingsschicksale aus den Nachrichten ein Gesicht. Da ist die Tschetschenin Toita, die der Krieg aus ihrem Land vertrieben hat und die ihre zwei Söhne bislang in einem Flüchtlingsheim großziehen musste. Dank ihres neuen Jobs als Reinigungskraft ist sie nun auf Wohnungssuche. Oder Neda, eine Lehrerin aus dem Iran, die seit ihrer Ankunft in Österreich vor zwei Jahren keine Stelle gefunden hat. Trotz ihrer Ausbildung. Nun arbeitet sie in der Küche.

Eines der jüngsten Gesichter (und kleinsten Fotos) ist das von Sebastiaan de Vos. Der Hotelmanager mit dem akkurat gestutzten Bart stammt aus den Niederlanden. De Vos ist 28 Jahre alt. Bereits mit 25 führte er sein erstes Hotel, das Berghotel Malta im Nationalpark Hohe Tauern. Auf seine Aufgaben im Magdas hat ihn dies nur zum Teil vorbereitet: Hier ist er abwechselnd Manager, Ausbilder, Motivationstrainer, Inneneinrichter und Sozialarbeiter. Genau wie seine fünf Abteilungsleiter. Die sind alle Hotelprofis und sollen sicherstellen, dass der Betrieb läuft und die erwachsenen Jobanfänger bei der Arbeit möglichst viel lernen. Damit aus seinen Angestellten aus der ganzen Welt schnell ein Team wird, beschäftigt de Vos zusätzlich einen Jobcoach. An diesem Samstag scheint der Hotelchef überall zugleich zu sein. Begrüßt Gäste – viele sind vorbeigekommen, um sich das neue Haus anzuschauen und einen Kaffee im Salon zu trinken – und dirigiert Angestellte und Handwerker. Noch sind nicht alle der 78 Zimmer, davon vier Suiten und zwei Apartments, komplett eingerichtet. Ende März soll es so weit sein. Bis dahin gibt es die Übernachtung noch zum Einführungspreis.

Schlüssel für 78 Zimmer

Für eine Espressolänge nimmt de Vos auf einem der Loungesofas im Salon Platz. Der frühere Aufenthaltssaal des Altenheims ist nun eine Mischung aus Cocktailbar, Café, Bibliothek und Arbeitsraum mit Tresen und Kuchenvitrine als Mittelpunkt. Die Fenster reichen vom Boden bis zur Decke, zwischen ihnen stehen Bücherregale. Eine Wand ist mit Graffiti geschmückt. Hinter dem Tresen hebt der Iraker Majid gerade Kuchen auf einen Teller. Er schaut so ernst drein, als wäre die Donauwelle soeben verstorben. Die selbstbewusste Freundlichkeit des Gastgebers, mit der Dinis an der Rezeption die Gäste begrüßt, fehlt manchen seiner Kollegen noch. Auf der Flucht haben sie gelernt, den Blick zu senken: bloß nicht auffallen! Nun sollen sie auf die Gäste zugehen. Für manche sei das ein weiter Weg, sagt de Vos. "Wir möchten unseren Angestellten vermitteln, was es bedeutet, ein Dienstleister zu sein. Ich wünsche mir, dass unsere Gäste ins Hotel kommen, weil der Service stimmt. Nicht nur, weil hier Flüchtlinge arbeiten."