Letzte Woche machte das Ergebnis einer Umfrage über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz die Runde; was heißt, die Runde? Die Medien stürzten sich darauf, als handelte es sich um eine brennend wichtige Nachricht. "Sexuelle Belästigung ist Arbeitsalltag", meldete beispielsweise die Tagesschau. Eine Berliner Tageszeitung titelte auf Seite eins: "Jeder Zweite erlebte sexuelle Belästigung". Wobei das eigentlich überraschende Ergebnis der unter etwas über tausend Menschen durchgeführten Umfrage darin bestand, dass Männer sich ebenfalls erheblich sexuell belästigt fühlten.

Auf die Frage, was als Belästigung empfunden wird, gibt es laut Studie allerdings vielfältige Antworten; von schlüpfrigen Bildchen an der Bürowand über unerwünschte Berührungen bis zur mehr oder weniger deutlichen Aufforderung zu sexuellen Handlungen reicht das Spektrum. Die Gefahr, zwischen echter und eingebildeter Belästigung bald nicht mehr unterscheiden zu können, besteht durchaus. Selbst ein unanständiger Witz, gerissen unter Kollegen, oder das Lästern über die vermeintlichen erotischen Qualitäten Abwesender rangiert unter "Belästigung am Arbeitsplatz". Eines steht wohl fest: Wir sind empfindlicher geworden. Oder nur aufmerksamer?

Nicht, dass es falsch wäre, das Bewusstsein zu schärfen. Aber mindestens so empörend wie (echte) sexuelle Übergriffe ist die Leichtgläubigkeit, um nicht zu sagen Lüsternheit, mit der das Ergebnis ("jeder Zweite"!) referiert, hingenommen, zugespitzt wird. Als wäre es nicht angebracht, zunächst einmal zu fragen: Was passiert denn hier gerade? Welche "Erzählung" verbirgt sich hinter einer Statistik, die sich den Mantel der Gesellschaftskritik umwirft?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 12.03.2015.

Aber Kritik an der Kritik scheint lästig zu sein; lieber den moralischen Schnellschuss wagen. Und die Reaktionen ließen nicht auf sich warten. "Man sollte Grabscher wie in den USA üblich auf eine Blacklist setzen und öffentlich machen. Im Mittelalter war der Pranger schließlich auch üblicher Goldstandard", empfiehlt ein anonymer Kommentator auf Spiegel Online. Dort, auf Spiegel Online, ist auch ein Interview mit der Bloggerin Anne Wizorek zu finden, die im Zusammenhang mit der unglücklichen Dirndl-Bemerkung eines FDP-Politikers durch ihr Hashtag #aufschrei bekannt wurde.

Trotz ihrer beachtlichen Karriere, die sie dank dieses Themas bereits machen konnte, beklagt Anne Wizorek im Spiegel-Interview das mangelnde Bewusstsein für das, was sexuelle Belästigung überhaupt sei. Es fehle "ein gesellschaftliches Klima, das es erlaubt, solche Erfahrungen zu thematisieren". Nun ja, genau das geschieht doch – lauter geht es kaum. Das Klima ist offenkundig vorhanden. Übrigens spricht Wizorek pro domo: Sie zählt zu den prominenten Botschaftern und Botschafterinnen, die von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes für das "Themenjahr 2015 gegen Geschlechterdiskriminierung" gewonnen wurden.

Und exakt diese Bundes-Antidiskriminierungsstelle hat jene Umfrage in Auftrag gegeben, die uns nun glauben machen will, jeder Zweite in Deutschland habe sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz schon einmal erlebt. Durchgeführt wurde die Befragung vom Sozialwissenschaftlichen Umfragezentrum in Duisburg. Es lohnt sich, den Internetauftritt beider Einrichtungen einmal zu studieren. Die Duisburger treten nämlich weit nüchterner auf; so gehört doch allen Ernstes eine "Mitarbeiterbefragung zur Akzeptanz von Elektromobilen in öffentlichen Einrichtungen" zum Spektrum ihrer Umfragetätigkeit.