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Eine gewisse Nähe zur Wirtschaft hatten die Hochschulen immer. Vor allem an den Technischen Hochschulen und den Fachhochschulen gab es viele von Unternehmen finanzierte anwendungsorientierte Forschungsprojekte. Dazu gehörte immer auch eine direkte oder indirekte Einflussnahme. In den vergangenen 20 Jahren ist es aber zu einer dramatischen Veränderung gekommen.

Das Verhältnis zwischen der Grundfinanzierung der Hochschulen durch den Staat und die Mittel Dritter ist vollkommen aus dem Lot geraten. Zwischen 1995 und 2012 hat sich der Anteil dieser Drittmittel an den Hochschuleinnahmen von 13,6 auf 29,2 Prozent mehr als verdoppelt. Rund ein Fünftel davon kam aus der Wirtschaft.

Betrachtet man nur die Forschung, ist der Einfluss der Drittmittel noch größer. Hier hat sich Schätzungen zufolge an den Universitäten die Relation zwischen Grund- und Drittmitteln seit 1995 umgekehrt: Der Anteil der Drittmittel dürfte von einem auf über zwei Drittel gestiegen sein. Das schafft Abhängigkeiten in mehrfacher Hinsicht.

Wer Geld aus der Wirtschaft einwerben will, muss sich an deren Interessen orientieren. Das passiert selten so spektakulär wie bei den von Ölkonzernen gekauften Stellungnahmen des US-Wissenschaftlers Wei-Hock Soon vom Harvard-Smithsonian Center für Astrophysik. Er erstellte für insgesamt über eine Million Dollar Studien, die den Zusammenhang zwischen Erderwärmung und CO₂-Verbrauch leugneten, hielt die Finanzierung durch die Ölindustrie aber geheim.

Auch der nur durch eine Indiskretion bekannt gewordene Kooperationsvertrag zwischen der Deutschen Bank und den Universitäten HU und TU Berlin stellt in dieser Form eine Ausnahme dar. Er sah ein vertraglich vereinbartes Mitspracherecht bei der Besetzung der Professuren vor.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 12.03.2015.

Übliche Praxis dagegen ist die Konzentration auf eine wirtschaftlich verwertbare Forschung sowie eine mehr oder weniger große Kontrolle des Unternehmens über die Veröffentlichung der Forschungsergebnisse. Für die Wissenschaft ist beides problematisch, weil es im ersten Fall eine Engführung der Forschungsinteressen bewirkt und im zweiten eine Behinderung des wissenschaftlichen Austausches.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Höhe der staatlichen Zuschüsse an die Hochschulen immer mehr von bestimmten Leistungen abhängt. So enthält der neue Hochschulpakt in Hessen zum Beispiel ein Grundbudget von 1,1 Milliarden Euro sowie ein Erfolgsbudget von 257 Millionen. Bei den Kriterien für die Ausschüttung des Erfolgsbudgets ist die Höhe der eingeworbenen Drittmittel so gut wie immer eines der wichtigsten. Drittmittel wirken also doppelt. Der Einfluss der Drittmittelgeber ist dementsprechend noch stärker, als es die Relation Grund- und Drittmittel vermuten lässt.

Auch hochschulintern spielen Drittmittel als Verteilungsmaßstab eine immer größere Rolle, und zwar sowohl für die einzelnen Institute als auch für die Leistungszulagen und Karriereaussichten der Wissenschaftler. Das zeitigt überall Folgen, vor allem aber bei Nachwuchskräften. Sie lernen, dass sie weniger das eigene wissenschaftliche Interesse als vielmehr die Drittmitteltauglichkeit bei der Auswahl von Forschungsprojekten im Auge haben sollten.

Zusätzlich nimmt die Wirtschaft auch durch die Einrichtung von Stiftungsprofessuren Einfluss. Inzwischen gibt es bundesweit an die 1.000 von ihnen, zumeist von Unternehmen finanziert. Da die Stiftungsprofessuren in der Regel nur fünf Jahre vom Stifter bezahlt werden, danach aber von den Hochschulen aus ihren Etats, können die Stifter auf diesem Wege Einfluss auf die inhaltliche Ausrichtung der Hochschulen nehmen. Bestimmte Forschungsgebiete werden so auf Kosten anderer dauerhaft gestärkt wie etwa die Wirtschaftswissenschaften der Frankfurter Universität mit gleich acht Stiftungsprofessuren.

Schließlich hat die starke Repräsentanz von Wirtschaftsvertretern in den Hochschulräten häufig eine ähnliche Wirkung. Sie beeinflussen in diesen Aufsichtsgremien die Gesamtausrichtung der Hochschulen. Das begünstigt nicht nur bestimmte Fachdisziplinen, sondern auch Forschungsrichtungen, die aktuell nutzbar erscheinen. Grundlagenforschung wie auch die Geistes- und Sozialwissenschaft haben da oft das Nachsehen.

Die Wirtschaft nimmt damit ohne Zweifel zu großen Einfluss auf die Geschicke der Hochschulen. Das schadet der Qualität der Wissenschaft und stellt die demokratische Kontrolle von Forschung und Lehre infrage.

Michael Hartmann