Bis heute sind die Tiere im Comoé-Nationalpark in der Elfenbeinküste von Wilderei bedroht. © Getty Images/DEA/JACCOD

Als der Biologe Karl Eduard Linsenmair 2012 nach dem Bürgerkrieg in die Savanne zurückkehrte, waren von seiner Forschungsstation nur noch tote Hüllen übrig. Die Räuber hatten die Geländewagen aus den Verstecken geholt, die Kühlschränke und Schreibtische weggeschleppt, Waschbecken aus der Wand gestemmt. Sie hatten die Kasse mitgenommen, Kabel aus dem Boden gerissen und alle Türen aufgebrochen.

Als Karl Eduard Linsenmair all das sah, war er froh, denn: "Immerhin hatten sie kein Feuer gelegt." Linsenmair ist Optimist. Dann tat er, was Optimisten eben tun, er fing von vorne an. So hatte er es immer gemacht: Mit kleinen Schritten strebte er in Richtung seiner großen Vision.

Die Geschichte vom Tropenbiologen Karl Eduard Linsenmair ist schon deshalb erzählenswert, weil sie von einer sehr seltenen Spezies handelt, von einem unverwüstlichen Enthusiasten. Ihm ist es als einzigem Deutschen gelungen, eine Forschungsstation in Westafrika mitten in die Savanne zu setzen und dort zu erforschen, wie eines der artenreichsten und fragilsten Ökosysteme der Welt funktioniert: der Comoé-Nationalpark. Obwohl sich alles, aber auch wirklich alles, gegen ihn verschworen zu haben schien. Und doch kann er seit mehr als 40 Jahren nicht von seiner Savanne lassen, auch heute nicht, als alter Mann von 74 Jahren.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 12.03.2015.

Schon bei seinem ersten Besuch sah Linsenmair Leben in bislang unbekannten Formen. Ein Beispiel: Der Kreideriedfrosch Hyperolius nitidulus überlebt mit einem raffinierten Trick die eigentlich tödliche Trockenzeit. Das kleine Amphibium lagert weiße Kristalle in seine Haut ein, sodass diese das Sonnenlicht reflektiert. Monatelang kann der Frosch so verharren und warten, bis der Regen zurückkehrt. Heute sind die Tricks des Kreideriedfroschs Lehrbuchwissen wie viele andere Entdeckungen, die Forscher im Comoé gemacht haben.

Linsenmairs Leben ist ein Lehrstück über die Macht des Willens, die Kraft der Beharrlichkeit und die Liebe zum Leben, zur Natur. Und es ist eine Geschichte mit einem Happy End. Wenn auch unter Vorbehalt.

Reisen wir zurück ins Jahr 1973: In Würzburg stopft ein damals aufstrebender Biologieprofessor zwei Autos bis unters Dach voll und macht sich mit seiner Frau und zwei Kollegen auf in Richtung Elfenbeinküste. Er durchquert Südeuropa, setzt mit dem Schiff übers Mittelmeer, kämpft sich durch die Sahara und schlägt nach 8.000 Kilometern sein mitgebrachtes Zelt an der Elfenbeinküste auf. Genauer: in der ivorischen Savanne. Noch genauer: im Comoé-Nationalpark (der damals noch nicht zum Unesco-Weltnaturerbe zählt). Der Professor ist begeistert von der Vielfalt des Lebens, die hier noch niemand erforscht hat. "Schon bei meinem ersten Besuch ist mir die unglaubliche Diversität der verschiedenen Froscharten aufgefallen", erinnert er sich heute, vierzig Jahre später. Das Leben, das sich unter Blättern verkriecht, im Uferschlamm rudert und auf den Wipfeln der Bäume hockt, zeigt sich in der Savanne in einer Vielfalt, die man sonst höchstens im tropischen Regenwald findet.

Professor Linsenmair sitzt zurückgelehnt in einem Stuhl, die Arme vor der Brust verschränkt, als er von Afrika und von früher erzählt. Er ist gerade in Deutschland. Sein Büro liegt in einem alten Plattenbau der Universität Würzburg, alle paar Minuten klingelt das Telefon. Linsenmair unterbricht sich dann, geht langsam zum Apparat und nimmt den Hörer ab. Als Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Tropenökologie war er lange der wichtigste Lobbyist der Tropenforscher, einer kleinen, ziemlich vernachlässigten Population in der deutschen Forschungslandschaft. Er kennt sich aus in der Welt der Meetings, Tagungen und Projektberichte, doch gemacht ist Linsenmair für die Savanne. Sein Büro steht voller halb gepackter Kartons, die bald an die Elfenbeinküste gebracht werden. Es ist der Raum eines Menschen, der immer Fernweh hatte, niemals Heimweh.