DIE ZEIT: Wann waren Sie zum letzten Mal mit Ihren Kindern in einem Restaurant?

David Eberhard: Das ist nicht so lange her. Warum fragen Sie?

ZEIT: Weil die Wirte in Stockholm genug haben von Eltern mit Kindern, die sich nicht benehmen können. Ein Lokal hat Familien den Zutritt nun sogar verboten. Und das im kinderfreundlichen Schweden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 12.03.2015.

Eberhard: Ich kann das gut verstehen. Es gibt immer Kinder, die schreien, Getränke verschütten, durch die Räume rennen oder bei minus fünf Grad die Tür aufreißen. Die Eltern sitzen daneben und denken nicht daran, einzugreifen.

ZEIT: Warum sagt dann kein anderer was?

Eberhard: Das traut sich niemand mehr. Eltern können sehr unangenehm werden, wenn man ihren Nachwuchs kritisiert. Früher gab es eine Gemeinschaft der Erwachsenen. Man hatte die gleichen Werte, was die Erziehung anging. Wenn sich ein Kind danebenbenahm, ging man hin und sagte: Hör auf damit! Diese Übereinkunft gibt es nicht mehr. Wir Erwachsenen stehen nicht mehr füreinander ein, wir stehen nur noch für unsere Kinder ein.

Eltern glauben, beste Freunde ihres Kindes sein zu müssen. Sie wagen nicht, ihm zu widersprechen
David Eberhard

ZEIT: Ihr neues Buch Kinder an der Macht erscheint in wenigen Wochen auf Deutsch. Darin behaupten Sie, die liberale Erziehung sei gescheitert. Warum?

Eberhard: Weil sich Eltern nicht mehr wie verantwortungsvolle Erwachsene verhalten. Sie glauben, beste Freunde ihres Kindes sein zu müssen. Sie stellen sich auf eine Stufe mit dem Kind, wagen nicht, ihm zu widersprechen, Grenzen zu setzen. Sie treffen keine Entscheidungen mehr, sondern wollen so cool und hip und rebellisch sein wie ihre Kinder. Unsere Gesellschaft besteht nur noch aus Teenagern.

ZEIT: Aber meinen Sie wirklich, dass auch deutsche Eltern sich von ihren Kindern vorschreiben lassen, wohin sie in den Urlaub fahren, was es zu Essen gibt, was sie im Fernsehen schauen?

Eberhard: Viele werden sich wiedererkennen. Eltern trauen sich nur ungern mit Erziehungsproblemen nach außen. Die sagen: Bei uns ist alles in Ordnung, kein Thema! Und trotzdem haben sie permanent ein schlechtes Gewissen, weil sie glauben, so vieles falsch zu machen. Sie kommen abends erschöpft von der Arbeit und kochen, was das Kind mag, weil sie keine Diskussionen wollen. Sie lassen es auch länger als vereinbart vor dem Fernseher sitzen, um Ruhe zu haben. Sie verbringen ihren Urlaub an Orten, an denen die Kinder beschäftigt sind, obwohl sie ohne Kinder nie dorthin fahren würden. Ich sage nicht, dass das falsch ist. Ich sage nur, ihr müsst das Kind nicht komplett ins Zentrum eures Lebens stellen. Es gibt keinerlei wissenschaftliche Belege dafür, dass es euren Kinder damit besser geht, dass sie später erfolgreicher werden oder sorgenfreier leben.

Zum Gespräch besuche ich David Eberhard in seiner Wohnung im Herzen Stockholms. Ein Wellensittich zwitschert, die Kinder sind noch in Schule und Kita. David Eberhard holt die vier Bücher, die er geschrieben hat, aus dem Regal. Seine Lieblingsthemen sind die Erziehung, die gesellschaftliche Sehnsucht nach Geborgenheit und der Sicherheitswahn der Erwachsenen. In der schwedischen Ausgabe des neuen Buches ist sein zweijähriger Sohn zu sehen, in Sicherheitsweste und Helm, angeschnallt auf einem Kinderautositz. Zum Gespräch kam Eberhard direkt aus der Klinik. Er ist leitender Psychiater mit 150 Mitarbeitern. Seine dritte Frau ist Krankenschwester.

ZEIT: Sie haben selbst sechs Kinder. Wer bestimmt in Ihrer Familie?

Eberhard: Ich entscheide.

ZEIT: Es gibt keine demokratischen Familienstrukturen?

Eberhard: Ich finde nicht, dass die Familie eine demokratische Institution sein sollte. Die Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern ist immer asymmetrisch. Es ist die Beziehung von Meister und Schüler. Der eine unterrichtet, der andere hört zu. Die Eltern können Dinge besser einschätzen, weil sie mehr Erfahrung haben, mehr wissen. Sie sollten die Regeln machen.

ZEIT: Wie gelingt es Ihnen, inmitten der liberalen schwedischen Gesellschaft Ihre eigenen Kinder streng und autoritär zu erziehen?

Eberhard: Ich darf mich nicht zu sehr unterscheiden von den anderen Eltern, denn das würde meine eigenen Kinder in Schwierigkeiten bringen. Wenn ich militant autoritär wäre, ginge das nicht.

ZEIT: Sie müssen sich also beherrschen?

Eberhard: Nein, das geht schon. (lacht) Auch wenn manche meiner Leser denken: Der will zurück zur militärischen Erziehung, zurück zur Prügelstrafe. Das habe ich nie geschrieben. Ich würde Kinder nie schlagen.

ZEIT: In Deutschland haben wir jetzt viel über den Papst diskutiert und seine Äußerungen zum kleinen Klaps als akzeptabler Erziehungsmethode. In Ihrem Buch schreiben Sie, es gebe keine Belege dafür, dass es autoritär erzogenen Kindern im Leben schlechter ergehe, nicht einmal jenen, die geschlagen wurden. Wie nah sind Sie dem Papst?

Eberhard: In dieser Frage absolut nicht nah. Mir ging es darum, zu sagen, dass es für Kinder wichtig ist, so großgezogen zu werden, dass es den Werten und Normen der Gesellschaft entspricht, in der sie leben. Für Kinder, die in einer Gesellschaft aufwachsen, in der Schläge akzeptiert sind, ist das also nicht so traumatisch. Eltern in der westlichen Welt befürchten inzwischen allerdings, die kleinste Kritik könne ihr Kind traumatisieren. Die trauen sich nicht mal mehr, zu ihrer pubertierenden Tochter zu sagen: Iss nicht so viel Schokolade, sonst wirst du zu fett, weil sie Angst haben, das Mädchen könnte sofort magersüchtig werden. Dabei können wir Kindern ruhig etwas zumuten, die halten das aus. Wir müssen sie nicht behandeln wie Porzellanpuppen.

Eberhard setzt sich in seinem Buch ausführlich mit der Angst der Eltern auseinander. Obwohl es heute kaum noch ernsthafte Gefahren für junge Familien gebe, entstünden immer neue Ängste. Eberhard zeigt an vielen Beispielen die Widersprüche der modernen Elternschaft. Er provoziert, will Eltern zum Hinterfragen ihres eigenen Verhaltens veranlassen. Aus etlichen internationalen Studien zieht er seine Schlussfolgerungen. Um Kinder zum Beispiel in ihrer Resilienz zu stärken, sagt Eberhard, sollte man ihnen früh beibringen, mit Widrigkeiten fertig zu werden.