Esel haben Leibwächterqualitäten und könnten Schafherden vor dem Wolf beschützen. In der Gruppe vernachlässigen sie aber ihre Schutzbefohlenen. © Getty Images/Artur Debat

Der Wolf gehört zu Deutschland. Was bislang noch keinem Bundespräsidenten ein Bekenntnis abgerungen hat, macht zahlreichen Schafzüchtern längst große Sorge. Mindestens 25 Wolfsrudel streunen derzeit durch Deutschland, Tendenz steigend. Die Raubtiere reißen Schafsherden, mancherorts streunen sie gar tagsüber durch Wohnsiedlungen. Seit kaum 15 Jahren ist der Wolf offiziell zurück in deutschem Hoheitsgebiet, da fordern manche schon wieder seine Ausrottung.

Weniger radikal wappnete sich zuletzt ein niedersächsischer Schäfer gegen die Bedrohung: Er mischte drei Esel unter seine Schafe. Sie sollen die Herde vor Wolfsattacken schützen. Ein Herdenschutzhund, wie ihn viele Schäfer einsetzen und wie er sogar von einigen Bundesländern gefördert wird, war keine Option – zu gefährlich für Besucher des angrenzenden Naherholungsgebietes und für die vielen Bodenbrüter in den umliegenden Wiesen. Daher also: Esel als Bodyguards.

In der Tat besitzen die Unpaarhufer manche Eigenschaft eines guten Leibwächters. Genügsam und unauffällig mischen sie sich unter ihre Schutzbefohlenen und ernähren sich von dem, was diese übrig lassen. Etwas Heu, ein bisschen Wasser: Das reicht dem Esel zum Leben. Dazu gelten sie als sehr aufmerksam, Ohren und Nase recken sie permanent in den Wind, ihre Augen melden fast jede Bewegung. Und pirscht sich ein Räuber an, schlagen sie brüllend und stampfend Alarm. Die Flucht ergreifen sie fast nie – eher bleiben sie wie angewurzelt stehen, daher der Ruf des störrischen Viehs. Wagt ein Angreifer es, sich weiter zu nähern – und sieht er dazu auch nur im Entferntesten aus wie ein Hund –, gehen Esel tretend und beißend zur Attacke über: Auf sie mit Iah!

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 12.03.2015.

"Esel sind sehr wehrhaft und werden immer mal wieder als Herdenschützer eingesetzt", sagt Helene Möslinger vom Kontaktbüro Wolfsregion Lausitz, "empfehlen würde man ihren Einsatz aber wohl nicht – man weiß nicht sicher, ob es funktioniert."

Denn so manche Eigenart könnte des Esels Eignung zum Bodyguard untergraben. Im Schweizer Kanton Wallis untersuchten Forscher 1995 den Einsatz von Herdenschutzeseln. Sie beobachteten, dass einige Esel auftraten wie Rüpel vom Schulhof – auch ohne Wolf. Die einen rupften den Schafen Löcher in den Wollmantel, ein anderer spielte sich als Sittenwächter auf und verwehrte dem paarungsbereiten Bock den Zugriff auf seine Weibchen.

Unklar ist außerdem, wie viele Esel nötig sind, um die Sicherheit der Truppe zu gewährleisten. Ein einzelner Esel kann sich seiner Herde stärker zugehörig fühlen und damit verteidigungsbereiter sein, wenn er von früher Kindheit an mit den Schafen aufwächst. Seine Illusion könnte aber ein jähes Ende finden, wenn tatsächlich ein Wolf angreift – und er der Einzige ist, der in die Vorwärtsverteidigung geht. "Im Zweifelsfall wird dann der Esel selbst zur Beute", sagt Möslinger.

Dies spricht für eine ganze Leibgarde. "Mehrere Esel können tatsächlich in der Lage sein, einen Wolf zu vertreiben", bestätigt die Wolfsexpertin. Erhöhten die Schweizer Hirten aber die Zahl der Esel, hingen diese zusammen rum und vernachlässigten ihre Schutzbefohlenen. "Esel kennen kein Hüteverhalten", sagt Möslinger. Im Vergleich zu einem Pyrenäenberghund etwa, einem Spezialisten unter den Herdenschützern, wirken Esel wie ein Trupp pflichtvergessener, rauchender Söldner.

Die bisherigen Befunde sind also recht dünn und widersprüchlich. "Zu Eseln haben wir bisher kaum gesicherte Erkenntnisse", sagt auch Dunja Rose, stellvertretende Pressesprecherin des niedersächsischen Umweltministeriums. In der "Richtlinie Wolf" des Landes Niedersachsen wird das Huftier daher noch nicht gefördert – anders als die Schutzhunde. Da hilft nur: mehr Forschung. "Wir planen ein Pilotprojekt", sagt Rose. In Kooperation mit zwei Schafzüchtern soll der Unpaarhufer als Wolfsschreck getestet werden. Der Esel könnte es also bald zum staatlich geprüften Bodyguard schaffen – wenn er sich nicht ablenken lässt.