Dreißigstundenwoche, Heimarbeit, Betriebskitas und Vätermonate: Unternehmer müssen gerade viel Sinn für Frauen- und Familienthemen entwickeln. Die gesetzliche Frauenquote zwingt sie, mehr Chefinnen zu ernennen, die Antidiskriminierungsstelle fordert Maßnahmen gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. Nun will Frauenministerin Manuela Schwesig per Gesetz den Lohnabstand zwischen Männern und Frauen verringern. Hätte sie Erfolg, profitierten davon mehr Menschen als vom Mindestlohn. Eine Beraterin der Regierung rechnet vor, jede zweite Frau werde beim Gehalt diskriminiert. Mittelständler spotten bereits, sie fühlten sich wie Frauenbeauftragte im eigenen Betrieb. Einige CDU-Abgeordnete, die vergangene Woche die Abstimmung zur Frauenquote schwänzten, freuen sich schon auf den nächsten Streit mit der SPD. Trotzdem sollte die Frauenministerin bei ihren Plänen bleiben.

Jede Regierung würde sich überheben, verspräche sie gerechte Löhne. Schon im öffentlichen Dienst, wo der Staat über Gehälter mitverhandelt, lassen sich angemessene Vergütungen nur schwer festlegen. Ist es fair, diejenigen besser zu bezahlen, die eine begehrte Qualifikation haben, dafür aber nicht viel investieren mussten? Soll das Einkommen Anstrengung oder nur Ergebnisse widerspiegeln? Sollen ältere Beschäftigte für ihre Berufserfahrung belohnt werden, auch wenn sie weniger leisten als junge Kollegen?

Nirgendwo ist die Lohnlücke größer als in Bayern

Wer versucht, auf diese Fragen allgemeingültige Antworten zu finden, kann als Politiker nur scheitern. Aber das ist kein Grund, alle Ungerechtigkeiten einfach hinzunehmen. Frauen verdienen laut Statistischem Bundesamt im Durchschnitt pro Stunde knapp 22 Prozent weniger als Männer. Nur in sechs der 28 EU-Länder ist der Abstand noch größer als bei uns. Teilzeitjobs, unterbrochene Berufsbiografien und vor allem die Berufswahl sind für einen Teil des Lohnabstands verantwortlich. Rechnet man diese Faktoren heraus, bleibt ein hässlicher Rest, der sich nur durch unfaire Bewertungen von Vorgesetzten erklärt. Ein berühmtes Experiment mit Orchestermusikern hat dies gezeigt: Bei einem Bewerbungsverfahren wurden zunächst lauter Männer eingestellt; erst als die Interessenten hinter einem Vorhang vorspielten, reüssierten plötzlich Frauen.

In Deutschland ist die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen besonders groß, weil bisher eine starke Lobby für berufstätige Frauen fehlte. Die Industriegewerkschaften mit ihren überwiegend männlichen Beschäftigten haben sich für unzählige Verbesserungen in der Arbeitswelt eingesetzt: Bildungsmaßnahmen, Toilettenpausen sowie Arbeitsschutzgesetze für Zimmertemperatur, Bürostühle und Papierkorbanzahl. Nur für die Anliegen von Frauen waren die Gewerkschaften lange blind.

Und die deutsche Frauenbewegung hat sich mehr für das Recht auf Abtreibung stark gemacht und gegen Vergewaltigung und Prostitution, Pornografie und Sexismus gekämpft. Noch vor zwei Jahren löste das missglückte Dirndl-Kompliment von Rainer Brüderle einen Shitstorm aus, wie ihn keine Nachricht über weibliche Altersarmut je bewirken könnte.

Dabei lohnt es sich gerade für Frauen mehr denn je, über Geld zu streiten. Schließlich lässt sich mehr kaufen als früher: freie Zeit beispielsweise, weil es mehr Dienstleistungen gibt. Wer kann heutzutage eine Familie gründen, wenn es auf natürlichem Weg nicht klappt? Ein Paar, das Geld für eine Auslandsadoption, für Eizellenspenden oder für eine Leihmutter hat. Selbst ein Sterben in angenehmer Umgebung kann eine Frage des Einkommens sein. Immer mehr alte Menschen verbringen ihre letzten Tage mit pflegenden Profis statt mit Angehörigen. Eine gut ausgebildete Pflegerin ist teurer als eine überforderte Hilfskraft ohne Sprachkenntnisse.

Ein Gesetz für gleiche Gehälter von Männern und Frauen ist eine Antwort auf die Ökonomisierung des Alltags, von der Frauen doppelt betroffen sind: als Kundinnen, die Babysitter oder Putzhilfen bezahlen und dafür gute Gehälter brauchen. Vor allem aber als Dienstleisterinnen, die nicht ausgenutzt werden wollen. Frauen erledigen mehr als siebzig Prozent aller Niedriglohnjobs. Kein Wunder, dass sich einige wehren. Die Politik sollte ihnen helfen, weil alles dagegen spricht, dass sich das Problem von selbst erledigt.

Der Fachkräftemangel werde dafür sorgen, heißt es oft. Es gebe mehr gut ausgebildete Frauen. Angesichts der Lage auf dem Arbeitsmarkt könnten sie jetzt selbstbewusst Bedingungen stellen.

Doch nirgendwo ist die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern so groß wie in Bayern und Baden-Württemberg. Also dort, wo die Unternehmen schon seit Längerem verzweifelt Mitarbeiter suchen. Außerdem zeigen offizielle Statistiken, dass gerade bei gut verdienenden Akademikern, die ihre Gehälter selbst aushandeln, Frauen beim Einkommen weit hinter den Männern liegen.

Nur in einem Punkt haben die jammernden Wirtschaftsvertreter recht: Sie dürfen erwarten, dass der Staat sich genauso anstrengt wie sie, zum Beispiel bei den Gehältern für Erzieherinnen oder Krankenschwestern. Schon das Frauenquoten-Gesetz krankt daran, dass Privatunternehmen bestraft werden sollen, wenn auf Dauer zu wenig Frauen aufsteigen, während öffentliche Unternehmen das fast identische Gleichstellungsgesetz für den Staat schon seit Langem folgenlos ignorieren.

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