Zwilling müsste man sein. Man hätte immer jemanden zum Reden. Man könnte sich geheime Dinge erzählen und nebenher Flusen vom Pullover zupfen. Man wäre wie die Schwestern Diaz, die bei eisgrauem Himmel über Berlin in einem Hotelzimmer sitzen, wo sie auf höchst anschauliche Weise vorführen, was es heißt, in doppelter Ausführung zu existieren. Schweigt die eine, sprudelt die andere. Sagt die eine etwas, fällt die andere ihr ins Wort. Lässt die eine einen unvollendeten Satz in der Luft stehen, führt ihn die andere zu Ende. Professionelles Kommunikationsverhalten ist das eindeutig nicht. Aber wer braucht so etwas schon?

Gut, sie könnten etwas weniger durcheinanderquatschen. Sie könnten mal sitzen bleiben, statt permanent im Raum herumzuhibbeln. Und dieses Lachen! Lachen in Stereo kann eine verwirrende Erfahrung sein, wenn man es nicht so gewohnt ist. Ansonsten aber liegt der Charme des Geschwisterpaars gerade in der Konsequenz, mit der sie das, was man gemeinhin ein Interview nennt, sabotieren. Statt brav Rede und Antwort zu stehen, jagen sie von Einfall zu Einfall, veralbern sich selbst, sie hüllen ihr Gegenüber in eine Redewolke, die einiges über ihre Einstellung zu Sound-Phänomenen verrät. Man liegt nicht falsch, wenn man sagt: Naomi und Lisa-Kaindé Diaz sind so polyphon verfasst wie ihre Musik.

Ibeyi nennen sie sich als Duo, nach dem Yoruba-Wort für "Zwillinge" – ein selten passender Name. Auf ihrem gleichbetitelten Debütalbum singen sie in vier Sprachen: Französisch, Englisch, Spanisch und eben Yoruba, einem in Nigeria und Benin gesprochenen Dialekt, und das ist nur die manifeste Oberfläche eines Patchworks, das sich in verschiedenste Klangregionen erstreckt. Es gibt Handgewirktes, Holzgeklöppeltes, auf ein Kistenschlagzeug namens Cajón Getrommeltes, aber auch alteuropäische Piano-Arpeggien, elektronische Knispelknuspel-Sounds und Dubstep-artige Stotterbeats. Es finden sich filmmusikähnliche Passagen, aber genauso vorüberwehende Gospelreminiszenzen und geisterhafte Stammesgesänge. Was fehlt, sind klar gezogene Grenzen. Ibeyi-Sounds sind einfach nirgends eindeutig zu verorten.

Manche kommen wie aus dem Nichts gezogen. Andere scheinen Abwandlungen von Herzschlägen zu sein. Wieder andere klingen, als seien sie mit den Fingern auf Handflächen geklopft oder aus hundert Arten von Schluckaufs geschichtet. Zusammengehalten wird das Ganze durch den Gesang: Die schwesterlichen Stimmen umschlingen sich, stoßen sich ab, kehren als Samples wieder, sie nutzen die Möglichkeiten moderner Technik, um miteinander in Dialog zu treten. Die Kommunikation erstreckt sich aber auch auf die Toten. Gleich zu Beginn ist das Verlöschen zweier Kerzen zu hören, eine Erinnerung an den Vater Miguel "Anga" Diaz, der an einem Herzschlag starb, als die beiden elf waren. In Think Of You rufen sie seinen Geist an. Im Song Yanira gedenken sie einer älteren Schwester.


Es ist ein Zwiegespräch mit Gegenwart, Familie und Herkunft, das hier seinen Lauf nimmt. Mal handeln die Songs von der Einsamkeit des Großstadtlebens – "singles always go home latest" –, mal von fernen und fremden Geliebten. Mal geben sie sich ganz dem irdischen Vergnügen eines Discobesuchs hin, was nicht ausschließt, dass wir uns im nächsten Augenblick am Ufer eines Flusses wiederfinden, wo überlieferte Gottheiten auftreten wie Oya, die Herrscherin der Winde, oder die mächtige Eleggua, im afrokubanischen Glauben die Gebieterin über Leben und Tod. Alles fließt in diesen 13 Songs. Die Leichtigkeit, mit der Zeit und Raum, Traum und Wirklichkeit ineinander übergehen, erinnert an den magischen Realismus eines Gabriel García Márquez, aber das ist auch wieder nur ein Begriff. Die Musik von Ibeyi beruht auf der praktisch gelebten Einheit der Widersprüche.

Spiritualität und Moderne sind keine Gegensätze

Es beginnt bei ihnen selbst: Aller Verschworenheit zum Trotz sind sie extrem gegensätzliche Charaktere. Lisa-Kaindé redet sturzbachartig, Naomi füllt die Punkte dazwischen aus. Umgekehrt ist Naomi das Partygirl, das die Nächte durchmacht, während Lisa-Kaindé lieber zu Hause sitzt und Arrangements ausarbeitet. Lisa-Kaindé, eine studierte Klavierlehrerin, interessiert sich für Jazz, Naomi für Hip-Hop und Electronica, weshalb die eine eher für die Melodien zuständig ist, die andere für die Beats. Beide sind sie in mindestens zwei Welten zu Hause: in Paris, wo sie groß geworden sind und bis heute leben – und in Havanna, das sie früh verlassen, aber immer wieder besucht haben. Auch Kuba allerdings ist kein homogenes Land, sondern Kreuzungspunkt zweier Kulturen: der spanischen, die die Mutter eingebracht hat, und der afrikanischen, die mit dem Vater auf sie gekommen ist.


An Geister zu glauben sei in Kuba nichts Besonderes, erzählen sie: Wo immer ein in Weiß gekleideter Mann auf der Straße auftauche, sei das ein Priester der Santería, der eine Verbindung mit den Orishas aufrechterhalte, den aus Afrika mitgebrachten Göttern – man grüße dann und freue sich, dass das Leben auf der Insel nicht nur aus Mangelwirtschaft bestehe. So jedenfalls haben sie es bei ihren Besuchen erfahren: Der Vater, als Percussionist für Tito Puente und den Buena Vista Social Club selbst eine kleine Legende, schleppte sie zu Santería-Zirkeln und afrokubanischen Musik-Sessions mit. Ein Grund dafür, dass sie später, da war Frankreich ihnen bereits zur zweiten Heimat geworden, beide in Yoruba-Chören sangen. Spiritualität und Moderne sind für Ibeyi keine Gegensätze. Früher mag bedingungslose Assimilation erwünscht gewesen sein. Inzwischen lebt es sich ganz gut mit mehreren Identitäten.

Einmal sind sie sogar nach Benin gereist, ins Ursprungsland der Yoruba-Kultur, um zu ihrer eigenen Überraschung festzustellen, dass Zwillinge dort nach jahrhundertelanger Verfolgung kultisch verehrt werden. Es war eine abenteuerliche Reise, die sie zu den Ursprüngen von Familie und Musik zurückführte, hinterher verstanden sie besser, warum Orishas in ihrem Leben eine Rolle spielen. Als 19-jährige, den Segnungen der Mode und des Internets zugewandte Pariserinnen hat sie das jedoch nicht daran gehindert, ihre selbst gedrehten Videos auf YouTube zu posten, wo ein gewisser Richard Russell auf sie aufmerksam wurde. Wenn es um Russell, den Chef des Londoner XL-Labels geht, geraten die zwei ins Schwärmen: ein wunderbarer, umsichtiger Mann, gar nicht bevormundend, immer humorvoll und um das beste Resultat bemüht, letztlich mehr ein Geburtshelfer als ein Produzent.

Tatsächlich war Russell, selbst ein großer Afrika-Reisender, der eine kongolesische Band namens Kinshasa One im Westen bekannt gemacht und Altmeistern der schwarzen Musik wie Gil Scott-Heron und Bobby Womack zu einem späten Comeback verholfen hat, klug genug, es bei einer behutsamen Anpassung an zeitgenössische Popmuster zu belassen. Statt die traditionellen Gesangslinien mit Samples aus der Soundbibliothek zuzukleistern, hat er das Zwillingsstereo in den Vordergrund gestellt und bloß hier und dort ein elektronisches Klickern und Klackern hinzugefügt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 12.03.2015.

Das Ergebnis klingt mal nach Club, mal nach Gottesdienst, mal nach Feldarbeit und mal nach etwas, das man so tatsächlich noch nie gehört hat. Bislang sind die Reaktionen positiv bis euphorisch, endlich mal etwas Neues im Einerlei des gängigen Charts-Futters, man kabbelt sich höchstens darum, ob das Ganze nun eher Doom-Soul oder besser Ethno-Dubstep zu nennen sei – ein Streit um Worte, der die Schwestern wenig bis gar nicht berührt, sie sprechen der Einfachheit halber von "modern negro spirituals".

Gut möglich also, dass eine in Havanna entstandene, in Paris gelebte und in London soft veredelte Musik mit 200-jährigem Migrationshintergrund demnächst die Café-Latte-Läden der Großstädte aufmischen wird. Bis dahin zupfen die beiden sich Flusen vom Pullover und sind höchstens ein bisschen hibbelig.