Mit sanftem Anschlag umreißt Julia Hülsmanns linke Hand den Formverlauf einer Komposition: schlanke Akkorde, gesetzt mit einem subtilen Zögern, das den Takt bremst und den Herzschlag beschleunigt. Weiter oben, im höheren Register, tröpfeln Töne auf den gespannten Untergrund, platzen und splittern auf, ganz leise, hinterlassen akustische Muster, so markant und fragil wie die Kreise von Regentropfen in einer Pfütze. Ein zarter Regen, fast noch Nebel, warm und weich. Von irgendwo tritt eine Gesangsstimme hinzu, ebenso leicht und schwerelos, dann der Ton einer Trompete, der wiederum die Stimme umweht wie ein Schleier: Mackie Messer, wie man ihn noch nie gehört hat, nicht in dieser elastischen Form, in diesem verschleppten Tempo, nicht in dieser dekonstruierten Melodieführung.

Mit A Clear Midnight, ihrem Tribut an die Musik, die Kurt Weill im amerikanischen Exil schrieb, entwirft die Pianistin Julia Hülsmann das Bild ihrer nun durch den Trompeter Tom Arthurs und den Sänger Theo Bleckmann erweiterten Band noch einmal zarter, ungeschützter – als zeigte sich die besondere Qualität ihres ausgedünnten Spiels umso klarer, je größer das Ensemble ist, in dem sie wirkt. "Die Reduktion ist mein Thema", sagt sie. Und: "Dadurch, dass wir fünf Leute sind, die gleichzeitig spielen, gucke ich eben auch, wo braucht man überhaupt etwas. Ich bin kein Freund von unnötigen Tönen." Da ist sie zu spüren, die geschmeidige Kommunikatorin, die es auch jenseits ihrer Musik versteht, im Zuhörer die Kanäle zu öffnen, auf denen sie ihre Botschaft vermittelt.

Als eine junge Generation deutscher Jazzmusiker vor gut drei Jahren die Revitalisierung der gewerkschaftsähnlichen Union Deutscher Jazzmusiker in Angriff nimmt, gehört Julia Hülsmann zu den Triebkräften. So wie die Altvorderen um Peter Brötzmann und Albert Mangelsdorff in den siebziger Jahren die Union erschaffen hatten, um die Arbeitsbedingungen für Jazzmusiker zu verbessern, so verweisen ihre künstlerischen Erben 40 Jahre später darauf, dass die Existenz des Jazz zwischen der Warenform des Pop und der Subventionskultur der klassischen Künste bedroht ist. 2012 und 2013 übernimmt Julia Hülsmann den Vorsitz der UDJ, reduziert ihre musikalische Arbeit und vertieft sich in berufspolitische Aufbauarbeit: kommunizieren, zuhören, sein Anliegen an den richtigen Stellen auf eine Weise vorbringen, die gehört wird. Die Pianistin wird zum Gesicht des jungen deutschen Jazz: umgänglich, konziliant, ansprechbar. Schließlich wird die Lage des Jazz zum Thema im Bundestag, erste Erfolge, wie eine jährliche Prämie für gelungene Clubarbeit, stellen sich ein.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 12.03.2015.

Julia Hülsmann, Jahrgang 1968, aufgewachsen in Bonn. Musikalisches Elternhaus, man spielt Klavier und hört klassische Musik. Mit elf bekommt sie selbst ihren ersten Klavierunterricht, Talent hat sie reichlich. Irgendwann sieht sie einen Mann im Fernsehen, der mit einer seltsamen Stimme tolle, hintergründige Songs singt und sich dabei auf dem Klavier begleitet: Randy Newman. Julia Hülsmann entdeckt Seitenwege des Klavierspiels, Popsongs, vor allem solche der subtileren Machart, deren Texte zusätzliche Assoziations- und Bedeutungswelten erschließen. Schließlich landet sie beim Jazz. Gründet erste Bands noch in der Schulzeit. Dann geht es hinaus in die Welt: nach Frankfurt, nach Berlin, es folgt eine Ausbildung zur Klavierpädagogin, sie begreift sich als Vermittlerin der Musik, als eine, die es versteht, Brücken zu bauen zwischen der Abstraktion der Tasten und Töne und der Welt jenseits der Musikerkreise.

Als sie sich im Fach Jazz-Piano einschreibt, ist sie 23. Im Studium klagt sie ihrem Lehrer, der britischen Improvisationslegende John Taylor, dass sie immer noch Probleme mit den rhythm changes, einem der harmonischen Grundmuster des modernen Jazz, habe. Der rät ihr: "Dann spiele sie doch einfach nicht." So unverkrampft ist der Umgang von Jazzlegenden mit den Bausteinen ihrer Kunst: "Mach was anderes."