DIE ZEIT: Frau Waltemath, was hat sich für Sie zuletzt verändert?

Dagmar Waltemath: Ich organisiere in dieser Woche meine erste eigene wissenschaftliche Konferenz, mit insgesamt 60 Teilnehmern aus der ganzen Welt – aus Brasilien, China, Australien oder den USA kommen Wissenschaftler zu uns an die Uni Rostock. Ich habe dafür gemeinsam einem Kollegen Drittmittel in Höhe von mehr als 80.000 Euro von der Volkswagen Stiftung eingeworben. Dass ich das mal schaffe: Leute aus aller Welt an unsere kleine Uni nach Rostock zu holen, das hätte ich vor ein paar Jahren wirklich nicht für möglich gehalten.

ZEIT: Kommen Sie aus Rostock?

Waltemath: Aus einer Kleinstadt südlich von hier: Malchow in Mecklenburg. In der Schulzeit habe ich lange überlegt, ob ich an die Uni gehen oder doch eine Ausbildung zur Bankkauffrau machen soll, wie meine Tante. Dann habe ich aber Informatik studiert, promoviert, bin Wissenschaftlerin geworden – und habe gemerkt, dass dieser Werdegang offensichtlich etwas Besonderes ist. Frauen sind in der Wissenschaft eher unterrepräsentiert. Arbeiterkinder erst recht.

ZEIT: Spielt es denn wirklich eine Rolle, ein Arbeiterkind, wie Sie es nennen, zu sein?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 12.03.2015.

Waltemath: Früher hat es mich überhaupt nicht beschäftigt, aus welchem Elternhaus ich komme. Aber je älter ich werde, umso wichtiger wird das Thema in meinem Leben. Je höher man steigt auf der Karriereleiter, desto mehr Menschen wollen wissen, aus welchen Verhältnissen man stammt.

ZEIT: Lassen Sie uns darüber sprechen: Was ist das eigentlich, ein Arbeiterkind?

Waltemath: Ich würde sagen: ein Kind, dessen Eltern keine Akademiker sind. Ich mag den Begriff selber gar nicht so gerne, denn er legt nahe, dass man aus einem irgendwie problematischen Umfeld kommen könnte. Was ein übles Vorurteil ist. Ich hatte es nie schwer, im Gegenteil, ich hatte eine schöne, unproblematische Kindheit und habe tolle Eltern.

ZEIT: In der ZEIT hat einmal ein Autor über sein Leben geschrieben: "Ich bin jetzt 32 Jahre alt, und das Wort Arbeiterkind begleitet mich – Sohn eines Kaminkehrers und einer Friseurin – fast mein ganzes Leben lang." Ging es Ihnen auch so?

Waltemath: Eben nicht. Das war in meiner Jugend überhaupt nicht relevant. Ich habe 1999 Abitur gemacht. Viele aus meinem Jahrgang gingen an die Uni, und viele davon wurden zu den ersten Akademikern in ihren Familien. Uns hat keiner das Gefühl vermittelt: "Ihr werdet es ohnehin nicht schaffen." Meine Eltern haben auch nicht daran gezweifelt, dass ich eine wissenschaftliche Karriere machen könnte. Sie wollten nur wissen, ob ich davon leben kann.