Ein Paar in Richmond, Kalifornien, auf dem Höhepunkt der Subprime-Krise vor einigen Jahren: Weil ihr Haus so stark an Wert verloren hatte, mussten sie ihre Hypothek aufgeben und ausziehen. © Robert Galbraith

Schlechte Bonität? Kein Problem – Geld gibt's trotzdem, verspricht FreshStart.com. "Ein Privatkonkurs sollte Ihnen nicht verwehren, das Auto zu fahren, das Sie verdienen", wirbt der Online-Kreditanbieter. Acht Jahre nach der Kreditkrise, die zum großen Crash führte, feiert Subprime, also das Kreditgeschäft mit Kunden schlechter Bonität, in den USA ein bemerkenswertes Comeback.

Es gibt gleich mehrere Alarmsignale: Die Zahl der Kreditkarten, die an Subprime-Neukunden vergeben wurde, sei gegenüber dem Vorjahr um 40 Prozent gestiegen, meldet das Bonitätsprüfungsunternehmen Equifax. So viele Amerikaner wie nie zuvor fahren inzwischen ein Auto auf Pump: Die entsprechenden Kredite haben ein Rekordhoch von 900 Milliarden Dollar erreicht. Besonders schnell wachsen dabei die Darlehen an Schuldner mit geringer Kreditwürdigkeit. Anbieter wie FreshStart können diese Verträge nicht schnell genug abschließen, da werden sie ihnen von der Wall Street schon aus der Hand gerissen. Die Subprime-Kredite werden gebündelt, und auf die Bündel werden wiederum Wertpapiere ausgestellt und an Investoren in aller Welt vertrieben. Es ist dasselbe Prinzip wie einst bei den Hypotheken, das schließlich 2007 zur weltweiten Kreditkrise führte.

Zum Déjà-vu trägt bei, dass zumindest einige Ratingagenturen den Auto-Kreditbonds die Bestnote AAA verliehen haben. Nicht alle Bewerter sind allerdings überzeugt: Sowohl die Agentur Moody’s als auch Rivale Fitch, deren Ruf in der Kreditkrise kräftig gelitten hat, warnen vor versteckten Risiken. Die Investoren schreckt das keineswegs ab. So begehrt sind die neuen Subprime-Bonds, dass sie seit 2010 auf 22 Milliarden Dollar angeschwollen sind – eine Steigerung um mehr als 300 Prozent.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 12.03.2015.

Angeheizt hat das Geschäft die Nullzinspolitik der Notenbanken. Die Auto-Kreditbonds versprechen teils zweistellige Renditen. Für Großanleger, die seit Jahren unter Niedrigzinsen leiden, ein fast unwiderstehliches Angebot. Hinter den Anbietern stecken ganz unterschiedliche Unternehmen: GM Financial etwa, der Finanzarm des Herstellers General Motors. Aber auch vertraute Wall-Street-Namen wie der Private-Equity-Koloss Blackstone. Selbst das Silicon Valley interessiert sich für den boomenden Markt. Das Online-Kreditportal LendingTree etwa hat vergangenes Jahr 6.700 Darlehen an Subprime-Klienten vermittelt: acht Mal so viele wie 2013.

Bedenklich ist, dass wie zu den besten Zeiten des Hypotheken-Hypes die Anbieter ihre Vergabekriterien lockern, um weitere Kredite generieren zu können. Um die Raten bezahlbarer zu machen, haben sie zudem die Laufzeiten verlängert. Statt der üblichen 60 Monate gewähren die Kreditfirmen den Subprime-Schuldnern nun bis zu 80 Monate, den Wagen abzustottern. Auch die berüchtigten "Lügen-Kredite", bei denen die Schuldner keine oder falsche Angaben machen, sind angeblich zurück. Das US-Justizministerium und mehrere Staatsanwälte haben daher begonnen, die Praktiken der Subprime-Branche zu untersuchen.

Die Anbieter sehen keinen Grund zur Sorge. Die Autokredite seien sicherer als früher die Hypotheken, argumentieren sie. Tatsächlich sind die Ausfälle in den vergangenen Monaten zwar gestiegen. Die Statistiken zeigen aber auch: Schuldner zahlen bei knapper Kasse lieber die Raten fürs Auto als für die Kreditkarte. Der Autokredit hat meist sogar Vorrang vor der Hypothek. Grund ist, dass eine Zwangsversteigerung oft lange dauert, das Fahrzeug aber vom Gläubiger relativ rasch abgeholt werden kann. Ohne Auto kommen viele Amerikaner jedoch nicht zur Arbeit. Der Verlust des Pkw ist dann existenzbedrohend.

Ein zweiter Subprime-Crash würde wohl kein systemisches Risiko für die Finanzmärkte bedeuten. Die ausstehenden Subprime-Kredite belaufen sich zwar auf 1.290 Milliarden Dollar, das gilt aber noch nicht als lebensbedrohlich. Zudem stopfen sich die Banken die Bonds nicht wie während des Immobilienbooms in ihre Bilanzen. Das verhindern die neuen Regulierungen.

Dennoch könnte eine neue Subprime-Krise großen Schaden anrichten. Treffen würde sie vor allem die US-Autoindustrie mit ihren Zehntausenden Arbeitsplätzen. Zudem zeigt der Subprime-Boom das Problem der US-Wirtschaft: Für eine nachhaltige Erholung fehlt das Lohnwachstum. Nach wie vor kommen viele Amerikaner nur über die Runden, wenn sie sich verschulden.