Ein Hund liegt vor dem Rathaus von Casal di Principe, gelbe Augen, fahles Fell, kein Halsband. "Ein Streuner, einer von vielen", sagt Renato Natale. Und ein Problem für den 64-jährigen Bürgermeister Natale, eines von vielen.

Casal di Principe, 20.000 Einwohner, 1.200 Schwarzbauten, 40 Baufirmen, liegt gut 200 Kilometer südlich von Rom. Es ist der Heimatort der Casalesi, einer der mächtigsten Clans der neapolitanischen Mafia-Organisation Camorra. Lange waren die Casalesi die Herren von Casal di Principe und der gesamten Gegend. Ihr Regime war totalitär, sie brachten nicht nur ihre Konkurrenten um, sondern auch über 40 Unschuldige, darunter Frauen und Kinder. Und Gegner wie den Priester Giuseppe Diana. Wer heute in Casal di Principe ankommt, wird von diesem Schild empfangen: "Willkommen in der Stadt von Don Peppe Diana".

Bürgermeister Natale sagt, nach drei Jahrzehnten sei der Ort "wie von einer Militärdiktatur befreit". Die Bosse der Casalesi sind tot oder im Gefängnis. Auch ihre Gewährsmänner in der Politik sind entmachtet, allen voran Nicola Cosentino, Silvio Berlusconis ehemaliger Statthalter in der Region. Cosentino sitzt heute in Untersuchungshaft.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 12.03.2015.

Die Aufräumarbeit der Justiz ist noch in vollem Gange. Gerade erst wurde im Nachbarort ein Kommunikationsnetz der Camorristi entdeckt, die sämtliche Haussprechanlagen im Ortskern miteinander verbunden hatten, um Befehle erteilen zu können. Sogar das Provinzkrankenhaus wurde von den Bossen beherrscht, von der Krankenhausküche bis zu den Elektrikern.

In ihrer Hochburg Casal di Principe war der Wahlsieg des parteilosen Arztes Natale im vergangenen Sommer wie ein Volksfest gefeiert worden. Es gab ein Feuerwerk, die Leute tanzten auf den Straßen. Auch in anderen berüchtigten Mafia-Nestern regieren heute bekannte Gegner der Bosse – etwa in Palermo, Catania und Corleone auf Sizilien und im kalabrischen Reggio Calabria. In Neapel ist ein früherer Staatsanwalt Bürgermeister. Und ein anderer Staatsanwalt, Raffaele Cantone, der viele Camorristi hinter Gitter brachte, stieg zum Präsidenten der nationalen Antikorruptionsbehörde auf.

"Die militärische Macht der Casalesi ist gebrochen", bestätigt Renato Natale. "Aber sie können sich jederzeit neu organisieren. Wenn wir die in uns gesetzten Erwartungen enttäuschen, wird der Frust der Bürger umso stärker sein. Und mit Frustrierten hat die Camorra leichtes Spiel."

Auf den ersten Blick scheinen die Hürden für den Bürgermeister gar nicht so hoch zu liegen. Sicher, die streunenden Hunde müssen von der Straße, die Schwarzbauten legalisiert und an die Kanalisation angeschlossen werden, die Löcher im Asphalt gehören geflickt. Die Müllabfuhr soll endlich funktionieren, und das Stadion, in dem der inzwischen aufgelöste Fußballverein der Casalesi spielte, instand gesetzt werden. "Auch die Bevölkerung von Casal di Principe hat ein Recht darauf, Sport zu treiben", sagt Natale, es klingt trotzig. Als erste Amtshandlung ließ er das hoch gewachsene Gras im Stadion mähen, um den Joggern den Weg frei zu machen. Was anderswo in Europa eine Selbstverständlichkeit ist, bedeutet für Casal di Principe einen großen Schritt, denn die Kommune hat kein Geld. Rund 15.000 Euro im Jahr für die Unterbringung der herrenlosen Hunde sind bereits ein Problem. Sozialhilfe für 1.200 Antragsteller zu zahlen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Die Zahl der Arbeitslosen wächst. Fast alle hier arbeiteten im Baugewerbe oder in der Landwirtschaft: beides von der Mafia verseuchte Wirtschaftszweige.

Die Armut ist allgegenwärtig. Viele Häuser sind unverputzt, manche nur Bauruinen. Geschäfte sind geschlossen, und wo doch einmal die Tür offen steht, weist sie in ein heruntergekommenes Ladenlokal. Auch die Rathaustreppen sind verdreckt, Natale kann sich keine Putzkolonne leisten. Der Bürgermeister arbeitet umsonst, dafür aber eigentlich immer. An zwei Wochentagen ist er ehrenamtlich als Arzt für die Ärmsten im Einsatz, für Migranten ohne Papiere und Straßenprostituierte. Mehr Einsatz geht kaum.

Es muss aber noch mehr gehen, denn die Regierung von Matteo Renzi hat verfügt, dass überall im Land Schulden abgebaut werden sollen, auch in soeben befreiten Städten wie Casal di Principe. Oder 500 Kilometer weiter südlich, in Reggio Calabria. Dabei scheint es dort, in der Hauptstadt Kalabriens, nicht an Geld zu fehlen. Streunende Hunde sieht man nicht am Corso Garibaldi, der Flaniermeile im Zentrum. Dafür florierende Geschäfte, kaum Billigläden.

In Kalabrien ist die ’Ndrangheta zu Hause, Italiens mächtigste Mafia-Organisation. Ihr vor allem auf Drogengeschäften basierender Umsatz wird auf rund 40 Milliarden Euro jährlich geschätzt. Die kalabrischen Familienclans sind ein weltumspannendes Unternehmen, sie kaufen Drogen in Südamerika und waschen das Geld überall in Europa, auch in Deutschland. In den vergangenen Monaten flogen ’Ndrangheta-Firmen auf, die sich Aufträge für die Expo 2015 in Mailand gesichert hatten. Die Casalesi mögen geschwächt sein, die ’Ndrangheta aber wird immer stärker.

In Reggio Calabria galt ihre Macht sogar als nahezu unbegrenzt. Vor drei Jahren allerdings wurde die Stadtverwaltung abgesetzt, als sich herausstellte, dass neben den Politikern sämtliche kommunale Dienstleistungsfirmen der Mafia unterstanden. Im vergangenen Oktober wurde ein neuer Bürgermeister gewählt: Giuseppe Falcomatà, erklärter Mafia-Gegner wie schon sein Vater Italo, der die Stadt von 1993 bis 2001 regiert hatte. Auch Reggio wagt den Neuanfang. Der Sozialdemokrat Falcomatà ist 31 Jahre alt, in seinem dichten, kastanienbraunen Haar glitzern die ersten grauen Strähnen. Er empfängt im roten Salon des Rathauses, ein geschmackvoll renovierter Jugendstilbau. Auch er wirkt aufgeräumt, aber da ist auch viel Sarkasmus. "Lassen Sie uns zuerst über die angenehmen Seiten meiner Stadt reden", sagt er. "Das Klima ist perfekt, das Meer wunderschön. Damit hätte es sich."