DIE ZEIT: Frau Heinz, im November vergangenen Jahres hat das Deutsche Literaturarchiv Marbach die Briefe von Martin Heidegger an seinen Bruder Fritz erworben. Sie hatten Gelegenheit, sie zu lesen. Streng genommen dürften wir gar nicht darüber reden, oder?

Marion Heinz: Doch, wir dürfen darüber reden, aber nicht daraus zitieren; vor jeder Publikation von Auszügen oder auch Paraphrasen müssen die Erben ihre Erlaubnis geben.

ZEIT: Aber die Briefe sind doch mit Steuergeldern angekauft worden.

Heinz: Ja. Die Briefe sind jetzt dinglich im Besitz des Literaturarchivs Marbach und müssen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Aber die Urheberrechte folgen nicht dem dinglichen Besitz, so dass die Erben von Martin Heidegger nach wie vor das Recht haben, zu gestatten oder zu verbieten, wer daraus zitieren darf und wer nicht. Genauer gesagt, gilt das Urheberrecht noch 70 Jahre nach dem Tod eines Autors; für Heideggers Schriften also bis 2046.

ZEIT: Es gilt doch die Freiheit der Forschung.

Heinz: Die Freiheit der Forschung ist in diesem Fall privatrechtlich auf die Einsichtnahme eingeschränkt. Die Publikation der Forschungsergebnisse dagegen ist, sofern sie mit Belegen aus den Briefen versehen werden, auf die Genehmigung der Familie angewiesen.

ZEIT: Aber das Publizieren ist doch elementarer Bestandteil der Forschung.

Heinz: Das ist wohl wahr. Es ist sehr bedauerlich, dass die Entscheidungen der Familie oft nicht von dieser Einsicht bestimmt sind. Auch mir wurde kürzlich abverlangt, meinen geplanten Artikel zu den Briefen in Freiburg vorzulegen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 12.03.2015.

ZEIT: Ist Heidegger nur ein extremer Fall? Gibt es solche Interventionen häufiger?

Heinz: Das Urheberrecht gilt allgemein. Wir kennen ein restriktives Verhalten auch von anderen Erben. Im Fall von Heidegger gibt es eine besondere Provokation: Die Forschung bemüht sich seit Jahrzehnten, die Wahrheit über seinen Einsatz für den Nationalsozialismus ans Licht zu bringen und damit die Irreführungen der Öffentlichkeit durch Heidegger selbst aufzudecken. Dass die Publikation solcher Ergebnisse durch die Familie verhindert werden kann und auch – wie im Falle von Sidonie Kellerers Forschungen über Die Zeit des Weltbildes – verhindert werden, das ist schwer erträglich.

ZEIT: Blockiert die Familie nur bestimmte Werkzugänge?

Heinz: Martin Heidegger und seine Erben haben die Übergabe der Papiere an das Deutsche Literaturarchiv von der Bedingung abhängig gemacht, dass nur eingesehen werden darf, was bereits veröffentlicht wurde. Diese vertragliche Vereinbarung gilt aber nicht für die von Heidegger verfassten Schriftstücke, die aus anderen Quellen als dem Nachlass stammen. Wie zum Beispiel für die Briefe an Fritz Heidegger, die aus diesem Zweig der Familie stammen – sie darf man einsehen.

ZEIT: Aber der Historiker Hermann Heidegger hat selbst dazu beigetragen, dass die Schwarzen Hefte früher gedruckt werden.

Heinz: Das hat er. Deshalb wäre es konsequent, fast vierzig Jahre nach Heideggers Tod endlich zu gestatten, auch die anderen Teile des Nachlasses zu öffnen und eine schrankenlose Publizität zu gewährleisten. Das wäre im Gedenkjahr der Befreiung von Auschwitz auch ein wichtiges öffentliches Zeichen.