Ein Tempel hat sein Adyton, sein für Laien unzugängliches, geheimes Innerstes. Wozu aber und mit welchem Recht verwehrt man den uneingeschränkten Zugang zu Martin Heideggers in Marbach archiviertem philosophischem Lebenswerk?

Unzugängliches haben Philosophien ganz von selbst. Kam ein Student mit Immanuel Kant nicht zurecht, riet Heidegger ihm, es doch erst einmal mithilfe des Neukantianers Alois Riehl (1844 bis 1924) zu versuchen. Der habe ihm selbst einst geholfen.

Was freilich der Philosophie, über alle sprachlichen und gedanklichen Schwierigkeiten hinaus, eine unvergleichliche Unzugänglichkeit verschafft, ist ihre nicht selten geübte Verschwiegenheit. Es ist der Wille, sich nicht preiszugeben, zumindest nicht jedem beliebigen Geist. So verhält sich elitäre Philosophie, die die Wenigen preist und die Vielen verachtet. Bei Platon findet sich das Unsagbare als das ja nicht zu Sagende und Aufzuschreibende, weil nur für Eingeweihte Bestimmte, denen ein "kleiner Wink" genügt. Die eigentliche Logik, so erklärt der Antidialektiker Heidegger, sei die Sigetik, die Kunst des Schweigens. Vom Gewissen, das einem die Gewissheit des eigenen Todes zu verstehen gebe, sagt er, dass es einzig und ständig im Modus des Schweigens rede. Von Beethoven wusste er: "Erst als er taub wurde, konnte er eigentlich hören." Und bei Gelegenheit einer Seminareinladung vertraute er mir an: "Um ein Buch wie Sein und Zeit zu schreiben, muss man viel verschweigen können."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 12.03.2015.

Ja, Heidegger war ein Meister des Schweigens und Verschweigens, wenn er lehrte und schrieb. Hat der Philosoph erst einmal die Sprache von Alltag und Wissenschaft für untauglich befunden, auch nur das Geringste von dem zu artikulieren, was für die geistige Existenz von Bedeutung ist, dann muss er den eigenen Gebrauch von Sprache, den er notgedrungen macht, für untauglich erklären. "Meine Aussagesätze sind keine", hieß es bei ihm, um Hörer und Leser auf ein höheres Verstehen einzustimmen, auf eine "Kunde", die nicht von ihm kommt, sondern von der Sprache, die dem Sein selbst eine Stimme verleiht – verständlich für die Wenigen.

Wie Heidegger sein Verschwiegenes gestaltet, muss man sich nicht wundern, dass an den Brennpunkten, wo er ernst genommen, nicht aber veralbert oder ignoriert wird, die Kontroversen um sein Denken und seine gelebte Zeitgenossenschaft längst über das Moderate hinausgegangen sind. Gralshüter mit letzter Treuebereitschaft stehen Kritikern gegenüber, die ihn vollends entlarvt haben wollen: Nur Nationalismus und Rassismus habe er im Sinn gehabt, nicht Philosophie und Menschlichkeit.

In dieser Situation muss es als ein Skandal gewertet werden, dass sich vor Heideggers Werk eine dritte Unzugänglichkeit aufgebaut hat. Sie betrifft seinen Nachlass. Da haben Herausgeber das Verschweigen usurpiert, das nicht die Philosophie, sondern die Person schützen zu müssen meint. Sie bestimmen, was zu lesen ist und was (noch) nicht. Weil, wie schon Homer weiß, allein die ganze Wahrheit zur Wahrheit taugt, ist das eine Fälschungsabsicht. Personen und Institutionen, die hinter diesem sachwidrigen Verschweigen stehen, sind blind für die Tatsache, dass Heidegger, wenn nicht bereits 1927 mit dem Erscheinen von Sein und Zeit, dann spätestens 1933 durch sein Freiburger Rektorat der Öffentlichkeit gehört.

Von seinem öffentlichen Wirken in Rede und Schrift hat nichts das Anrecht, privatisiert und der Öffentlichkeit vorenthalten zu werden. Heidegger selbst hat darauf Anspruch, bis auf den letzten Halbsatz, der in Marbach verwahrt ist, für die Öffentlichkeit, zumal für die Forschung zugänglich zu sein. Hat ein Philosoph derart massiv und wirkungsmächtig in die Verständigung des Menschen über sich selbst und das Humanum eingegriffen, und dies auf heftig umstrittene Weise, dann ist es in wissenschaftlicher und öffentlich-rechtlicher Sicht Pflicht, jeden Schriftzug von ihm zugänglich zu machen. Allein dann kann fundiert geklärt werden, wer im Streit um Heideggers Denken und dessen ideologische Einbettung die überzeugenderen Argumente hat.

Hat Heidegger für sich nie an eine Rechtfertigung seines geistigen Wirkens denken müssen, weil er als genialer Alles-neu-und-anders-Denker von Anfang an für Selbstimmunisierung gesorgt hatte, so hat er seine selbstgewisse Immunität auch auf seinen Nachlass ausgedehnt: Er hat ihn gesperrt. Sein mit der Herausgabe betrauter Sohn antwortet auf die Frage nach dem Grund der Sperre: "Mein Vater wollte nicht, dass sich eine neugierige Journaille auf den unveröffentlichten Nachlass stürzt und, ohne auf Zusammenhänge zu achten, herauszieht, was gerade passt. Und diese Sorge war leider berechtigt, denn was über meinen Vater so alles geschrieben worden ist, ist erschreckend oft einseitig und zum Teil einfach falsch." (Junge Freiheit Nr. 45/02)

38 Jahre nach Heideggers Tod ist diese Vater-Sohn-Sorge überholt. Nicht zuletzt durch die Veröffentlichung der Schwarzen Hefte sind so viele Zusammenhänge belastender Art offenkundig geworden, dass Heidegger selbst auf Unterstützung durch seinen Nachlass angewiesen sein könnte. "Ja, die Bewahrung des Abendlandes war ihm sehr wichtig" – diese Antwort des Sohnes im selben Interview auf die Frage nach des Vaters Verantwortungsgefühl für ganz Europa hat nichts Erhellendes, nur schlimm Verklärendes. Der Nachlass muss endlich uneingeschränkt zur Einsicht freigegeben werden. Das ist nicht für eine sensationsgierige Öffentlichkeit gefordert, sondern zugunsten der Sache der Philosophie und ihrer Mitverantwortung für das Humanum.