Auf dem Rollfeld in Washington werden die Passagiere des Fluges nach Charleston höflich gebeten, wieder von Bord zu gehen. Ihr Jet kann nicht abheben, weil seine Räder tief in den glühenden Asphalt eingesunken sind. Sommer 2012. Die amerikanische Hauptstadt brütet unter einer ungewöhnlichen Affenhitze. Die ist so ungewöhnlich wie im Jahr davor und im Jahr danach wieder, bemerkt die kanadische Bestseller-Autorin Naomi Klein lakonisch in ihrem neuen Buch über den Klimawandel.

Kaum ist die Startbahn abgekühlt, setzen Fluggesellschaft und Passagiere mit dem Abflug trotzdem genau das fort, was die Erwärmung der Erde und damit Washingtons Hitze verursacht hat: Sie verbrennen fossile Rohstoffe. Mit dieser Episode der ganz normalen fatalen Verdrängung des Klimawandels beginnt Kleins neues Opus magnum Die Entscheidung. Amerikanische Kritiker feiern es schon als "wichtigstes und streitbarstes Buch seit Rachel Carsons Der stumme Frühling".

Im Land der deutschen Energiewende aber beginnt man vielleicht ein bisschen lustlos, diese 660 Seiten zu lesen. Okay, ihr nordamerikanischen Vielflieger, Teersandöl-Junkies und Erdgasfracker mögt noch Aufklärungsbedarf haben beim Klimawandel, kann man denken, aber: Was gibt’s Neues? Tatsächlich kommt unser "deutsches Wunder" – 25 Prozent erneuerbare Energien beim Strom – bei Naomi Klein als avantgardistisch richtig gut weg. Andererseits: besser, als es verdient. Denn auch hierzulande hinken wir unseren Emissionsminderungszielen hinterher und schlafen immer noch gut, als würde der Tiger, der im Haus herumstreicht, nicht unüberhörbar knurren. Doch dann rüttelt einen diese Lektüre rasch wach. Zu spannend ist Kleins Mischung aus einer wie besessen zusammengetragenen Faktendichte und kühler Polemik, Passion und Angriffslust.

Mal allegro furioso, mal con dolore erzählt die Kanadierin, wie Natur und Menschen von Bangladesch bis Bolivien unter dem "Extraktivismus", der Ausplünderung fossiler Rohstoffe und ihren Folgen, leiden. Am intensivsten geht sie der Frage nach: Warum ist es weder in den USA noch weltweit gelungen, eine Gefahr abzuwenden, die spätestens seit 1988 auf der Tagesordnung steht (seit nämlich der damalige Nasa-Forscher James Hansen die Veränderungen des Klimas im amerikanischen Kongress für Menschenwerk erklärte)? Es lag am "schlechten Timing", sagt Naomi Klein. Denn just in den Achtzigern hätten auch die Vorkämpfer für Freihandel und Deregulierung ihre "Konterrevolution" gestartet, die den sich anbahnenden globalen Regelsystemen in die Quere kam. Sieg der Neoliberalen auf ganzer Linie! Folglich konnte, schreibt Klein, Big Oil über Jahrzehnte ungehindert regieren. Autos bekamen Vorrang vor dem öffentlichen Nahverkehr. Konzerne produzierten immer schneller, immer mehr, immer dort, wo die Arbeitskräfte besonders billig waren, die Umweltauflagen besonders lasch, also die Emissionen besonders hoch.

Und gleichzeitig erfasste die Konsumkultur alles und jeden. Weltweit, sagt Naomi Klein, präge sie heute jeden Einzelnen so tief, dass absurderweise "chaotische, katastrophale Zustände infolge des Klimawandels" leichter akzeptiert würden als die Aussicht, die Ursache aufzugeben: seine "wachstumsgestützte Logik". Das allerdings ist nun wirklich nicht mehr nur ein amerikanisches Problem.

Klein geht also, wie sie es schon seit 15 Jahren tut, dem Kapitalismus in seiner Raubtierversion an den Kragen, und dabei zeigt sie ein weiteres Mal Gespür für den richtigen Zeitpunkt. Ihr Pamphlet gegen die Macht der Marken, No Logo!, veröffentlichte die Kanadierin 1999 kurz nach den Protesten bei der Welthandelskonferenz in Seattle. Das Buch wurde zur Bibel der Globalisierungskritiker, so wie acht Jahre später ihr zweiter Angriff auf den Neoliberalismus, Die Schock-Strategie.

Das jüngste Buch Die Entscheidung erschien in den USA im Spätsommer des vergangenen Jahres, nur wenige Tage vor dem Klima-Marsch am Rande der UN-Vollversammlung in New York. Über 300.000 Amerikaner gingen an diesem 21. September auf die Straße, der ehemalige Vizepräsident Al Gore und UN-Generalsekretär Ban Ki Moon liefen mit. Als Vorstandsmitglied der Graswurzelorganisation 350.org gehörte Klein zu den Organisatoren. Ihr Debattenbeitrag begleitet bislang in sechs Sprachen und elf Ländern den Countdown zum Klimagipfel Ende des Jahres in Paris.

Für die "kostspielige und CO₂-lastige Gruppentherapiesitzung", wie sie den Pariser Gipfel nennt, hat die Autorin wenig Hoffnung. Dennoch fordert sie ein neues, gerechtes Klimaschutzprotokoll. Mit anschaulichen Begegnungen erinnert sie daran: Der Klimawandel ist eben nicht der große Gleichmacher. Überall sind es die Ärmsten, die unter Giften und Fluten am stärksten leiden.

Im Vorfeld von Paris entlarven Kleins Recherchen überdies schon mal Scheinlösungen wie den Emissionshandel oder den Versuch, die Naturgewalten mit "Geo-Engineering" in den Griff zu bekommen. Gnadenlos geht sie mit "Big Green" ins Gericht: Auch Naturschutzorganisationen trügen zur Entmachtung der Staaten bei, indem sie für vermeintliche Win-win-Lösungen mit den Konzernen kuschelten. Schließlich kritisiert sie die Heuchelei privater Klimaschutz-Missionare. Richard Branson zum Beispiel: Der Besitzer der Fluglinie Virgin habe nur einen Bruchteil seiner groß angekündigten Milliardenversprechungen tatsächlich in den Kampf gegen die Erderwärmung investiert – und diese stattdessen mit dem Kauf Dutzender neuer Jets weiter angeheizt.

Gibt es Auswege? Angesichts der erschöpfenden Dichte sinistrer (Selbst-)Betrügereien setzt Klein vor allem auf die Zivilgesellschaft. Deren Chancen werden ihr ausgerechnet bei einer Konferenz der Klimaskeptiker klar. "Die Rechten haben recht", schreibt sie provozierend. Und sie meint damit nicht die blinde Leugnung wissenschaftlicher Fakten, sondern das, was dahinterliege: die Angst, dass die Anerkennung des Klimawandels bedeuten würde, die Legitimität der Marktideologie zu sprengen.