Von seinem Schreibtisch im Brüsseler Hauptquartier der Nato nimmt der Drei-Sterne-General ein knapp vierzig Seiten dickes Papier. Der General blättert darin und erläutert einige der wesentlichen Punkte, um die es geht. Aus der Hand gibt er das Papier nicht. Streng geheim! Es ist das vielleicht sensibelste Konzept, das derzeit in der westlichen Allianz zirkuliert.

Ausgearbeitet haben es die beiden Strategischen Kommandos der Nato in Norfolk, Virginia, und im belgischen Mons. Mitte Februar verschickten sie es an die Mitglieder des Bündnisses. Die Aufgabe, die den militärischen Vordenkern diesseits und jenseits des Atlantiks gestellt war: Wie soll der Westen auf die hybride Kriegsführung reagieren, mit der Russland vor einem Jahr erst die Krim annektiert und dann die Ostukraine destabilisiert hat? Inzwischen hat Putin zugegeben, dass er die Annexion der Krim angeordnet habe. Er sagte dies in einem TV-Spot, mit dem das russische Fernsehen für den Film "Krim – Der Weg zurück zur Heimat" warb.

Hybride Kriegsführung – das ist die Verbindung von verdeckten und offenen Operationen, von diplomatischem Druck und wirtschaftlichem Zwang, von Desinformation und Cyberattacken, das ist der Stopp von Gaslieferungen und das Hochfahren von Propagandasendern. Es ist das Ineinandergreifen von militärischen und zivilen Mitteln. Es ist, mit einem Wort, das Verwischen von Krieg und Nichtkrieg.

Im Berliner Verteidigungsministerium heißt es: "Das wird das Zukunftsthema der Allianz sein."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 12.03.2015.

Der 2. März 2014 ist ein Sonntag. Auf der Krim haben Soldaten ohne Hoheitsabzeichen begonnen, wichtige Gebäude zu besetzen, darunter Kasernen und Rathäuser. Bei der Nato in Brüssel sitzen an diesem Tag seit Stunden die Botschafter der 28 Mitgliedsstaaten zusammen. Wer sind die "grünen Männchen", die auf der ukrainischen Halbinsel Straßensperren errichten? Was tut sich auf den russischen Militärstützpunkten? Im Anschluss an den Nato-Rat tagt die Nato-Ukraine-Kommission. Auch hier die Frage: Was passiert da auf der Krim?

Fassungslos verfolgt die Nato das Geschehen. Die Botschafter wollen nicht glauben, was sie da sehen. Sie haben das Gefühl, in einen dichten Nebel zu blicken. Als sich der Nebel endlich verzieht, ist die Krim besetzt. Die kleinen grünen Männchen haben plötzlich russische Uniformen an, und Wladimir Putin verkündet vor dem Parlament in Moskau die Heimkehr der Krim ins Vaterland.

Dass im Osten Europas soeben etwas ganz Neues abgelaufen ist, dämmert den Diplomaten und Militärs in Brüssel erst viel später. "Wir haben den hybriden Charakter gar nicht erkannt", gesteht ein hoher Offizier.

Zeichen hatte es gegeben, aber sie wurden nicht richtig gedeutet. Seit Wochen hatte die russische Armee Einheiten an der Grenze zur Ukraine zusammengezogen, hatte eine Drohkulisse von bis zu 40.000 Soldaten aufgebaut. Hinzu kamen Manöver in mehreren Militärbezirken. Schon im Herbst zuvor hatte die Großübung "Zapad 2013" mit 70.000 Soldaten westliche Manöverbeobachter rätseln lassen: Was soll uns hier demonstriert werden? Aber kaum jemand fragte: Was wird da vorbereitet?

"Zapad 2013 hat genau das geübt, was dann auf der Krim gemacht wurde", sagt der polnische Nato-Botschafter Jacek Najder. Die Polen waren im Frühjahr 2014 nicht ganz so überrascht wie die Verbündeten, weil sie neben den Vereinigten Staaten als Einzige ein Konsulat in Sewastopol hatten. "In unseren strategischen Überlegungen galt die Krim als nächster möglicher Brennpunkt", sagt Najder. Aber die Art und Weise der Annexion, der Umfang und das Tempo der militärischen Operationen hätten Warschau dann doch überrascht.

Seit einem Jahr ist also, verfolgt man die militärische Debatte, eine neue Form der Kriegsführung in der Welt: Sie ist subversiv, bleibt unterhalb der Schwelle eines konventionellen Angriffs, spannt Aufständische und Separatisten zum Sturz von Regierungen und zur Aneignung fremden Territoriums ein und umhüllt dies alles mit einer riesigen Wolke elektronischer Propaganda.

Kein Stratege, der gegenwärtig nicht das "russische Modell" studiert. Aber was ist eigentlich neu daran?

"Die Russen haben das nicht erfunden", sagt Hans-Georg Ehrhart vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg. "Das ist eine uralte Geschichte. Schon die Römer haben in den Kriegen gegen Karthago innere Aufstände geschürt. Und die Deutschen haben im Ersten Weltkrieg 1917/18 Lenin unterstützt."

Alles also nur eine Mode, ein einziger Hype? Nicht ganz. Viele einzelne Elemente der hybriden Kriegsführung sind tatsächlich nicht neu. Andere allerdings, der Einsatz von Cyberwaffen zum Beispiel oder die Nutzung Sozialer Netzwerke zu Propagandazwecken, wurden erst mit dem Internet möglich. "Das sind alles Mosaiksteine", heißt es im Bundesverteidigungsministerium, "die Aggressivität zeigt sich erst in der Gesamtschau."

Um zu verstehen, wie sich das militärische Denken verändert, ist es nützlich, eine Rede nachzulesen, die der russische Generalstabschef Waleri Gerassimow im Februar 2013 gehalten hat. "Im 21. Jahrhundert verwischen sich die Grenzen zwischen Krieg und Frieden", sagte Gerassimow damals. Ein blühendes Gemeinwesen könne sich "innerhalb von Monaten, sogar von Tagen in die Arena eines heftigen bewaffneten Konflikts verwandeln, das Opfer einer fremden Invasion werden und im Chaos, in einer humanitären Katastrophe, im Bürgerkrieg versinken".

Die Regeln des Krieges änderten sich, sagte Waleri Gerassimow. "Nichtmilitärische Mittel sind zum Erreichen politischer und strategischer Ziele in vielen Fällen wirksamer als Waffen."