Gerassimow sprach nicht von hybrider, sondern von "nichtlinearer" Kriegsführung. Gemeint ist das Gleiche. Aber während der russische Generalstabschef mit seiner Rede in Wahrheit sein Land vor den Folgen der "Farbrevolutionen" in den Nachbarländern oder des Arabischen Frühlings warnte, lesen manche im Westen seine Worte im Rückblick wie eine Ankündigung kommenden Unheils.

Hat Gerassimow die Blaupause für das Vorgehen in der Ukraine geliefert? "Ja, genau", antwortet ein hoher Bundeswehroffizier.

Es gibt ein Wort in der russischen Militärstrategie, das heißt maskirowka und bedeutet so viel wie: Täuschung, Verschleierung, Desinformation. Offiziell waren ja nie reguläre russische Soldaten in der Ostukraine, sondern nur Freiwillige, Militärs auf Urlaub oder solche, die sich verlaufen hatten. Maskerade eben. Die war zwar schnell durchschaut, wirkte lächerlich und peinlich. Und doch gehörte sie zum bösen Spiel. "Kriege werden nicht mehr erklärt", sagte Waleri Gerassimow 2013. "Sobald sie begonnen haben, folgen sie einem unbekannten Muster."

Unberechenbarkeit wird zur Waffe. Sind wir noch im Frieden, oder befinden wir uns schon im Krieg? Darüber Verwirrung zu stiften, auch das gehört zur hybriden Kriegsführung. Für die westliche Allianz aber ist die Antwort auf diese Frage essenziell. Denn nach Artikel 5 des Nato-Vertrags gilt für alle Mitgliedsstaaten eine Beistandsgarantie. Jeder potenzielle Aggressor soll wissen: Wenn ich ein Land angreife, dann greife ich das ganze Bündnis an. Eine Grauzone darf es nicht geben. Grau ist aber die Farbe der hybriden Kriegsführung. Nicht Schwarz oder Weiß. Artikel 5 markiert die Schwelle zum Krieg. Die Kunst eines Gegners wird es sein, unterhalb dieser Schwelle zu agieren, die Schwierigkeit der Nato, darauf richtig zu antworten.

Weil die Ukraine nicht Mitglied der Nato ist, blieb das Bündnis Zuschauer, als Putin die Krim annektierte. Aber was ist mit Estland, Lettland und Litauen? Die drei baltischen Länder waren bis 1990 Teil der Sowjetunion, 2004 schlossen sie sich der westlichen Allianz an. In Estland und Lettland leben große russische Minderheiten; was, wenn Moskau unter ihnen Unruhe schürt oder sogar Separatisten unterstützt?

In Brüssel, Berlin oder Washington will niemand auch nur den geringsten Zweifel daran dulden, dass dies die rote Linie wäre, die Russland nicht ungestraft überschreiten würde. Seit einem Jahr zeigt die Nato im Baltikum demonstrativ Präsenz, richtet militärische Stäbe ein, legt Material- und Munitionslager an, intensiviert Luftüberwachung und Seepatrouillen. Und doch, sagt der Friedensforscher Hans-Georg Ehrhart, wird immer die Frage im Raum stehen: Mourir pour Tallinn? Wäre ein amerikanischer Präsident wirklich zur Konfrontation mit der anderen Nuklearmacht bereit, sollte diese prorussische Aufständische gegen die Regierungen in Riga oder Tallinn unterstützen?

Um in ein solches Dilemma erst gar nicht zu kommen, setzt der Westen mit seiner Abwehrstrategie schon weit früher, weit unterhalb der militärischen Ebene an. So hat die lettische Regierung in Riga mit finanzieller Hilfe von sechs Nato-Staaten ein Zentrum für Strategische Kommunikation gegründet. Es soll erforschen, wie man Desinformation und Propaganda am besten entgegentreten kann.

Denn hierin unterscheidet sich die hybride von der traditionellen Kriegsführung ganz fundamental: Mithilfe des Internets und ganz besonders der Sozialen Medien kann ein Aggressor ein Maß an Verwirrung stiften, wie es in dieser Form bisher nicht möglich war. Die berüchtigten Sankt Petersburger "Trolle", gewissermaßen Leserbriefschreiber im staatlichen Auftrag, fluteten westliche Onlineforen mit ihren Kommentaren und hatten damit Erfolg: Sie säten Zweifel.

Für das Thema Strategische Kommunikation fühlt sich aber nicht so sehr die Nato zuständig. In einer Art pragmatischer westlicher Arbeitsteilung gibt man dieses Thema gern an die EU ab. Sie soll sich damit beschäftigen, wie man Putins "Narrativ" mit einer glaubwürdigen Informationspolitik begegnet.

Wie überhaupt auffällt, dass fast alle Kundigen sagen, das Militärische sei bei dieser neuen Form der Kriegsführung nicht das Wichtigste; manche meinen sogar, das Militärische sei eigentlich das Unwichtigste dabei.

Und so wird über den hybriden Krieg mindestens so intensiv in der EU nachgedacht wie in der Nato. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen sagte es bei der Auftaktveranstaltung zur Diskussion über das neue Weißbuch der Bundeswehr vor drei Wochen so: "Diese Orchestrierung der vielfältigen Elemente einer Hybriden Kriegsführung wird die Sicherheitsarchitektur unseres Kontinents grundlegend verändern."

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg und die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini stimmen sich schon heute eng ab. Alte sicherheitspolitische Rivalitäten zwischen EU und Nato scheinen vergessen. "Die Nato muss über sich selbst hinausdenken", heißt es im Berliner Verteidigungsministerium. "Die EU aber auch."

Dafür gibt es Spannungen innerhalb beider Organisationen, und zwar zwischen Nord und Süd. Balten, Polen und Deutsche denken bei der hybriden Kriegsführung sogleich an das "russische Modell". Bei Italienern, Griechen oder Spaniern ist das keineswegs so. Aus ihrer Sicht ist das "IS-Modell" mindestens so bedrohlich.

Auch französische Diplomaten weisen im Gespräch sofort auf die "südliche Flanke" hin. Von Syrien und dem Irak gehe für Europa größte Gefahr aus. Das hätten die Anschläge in Paris und das vereitelte Attentat in Belgien gezeigt.

Und es ist ja wahr, auch der internationale Terrorismus kämpft höchst "unkonventionell" und auf vielen Ebenen. Er verwüstet ganze Landstriche; er rekrutiert europäische foreign fighters und schickt viele als ausgebildete Kämpfer in ihre Heimatländer zurück; er stellt bestialische Gewaltvideos in die Sozialen Netzwerke und verbreitet so sein "Narrativ" rund um den Globus.

Weil die Szenarien hybrider Kriegsführung also höchst unterschiedlich sind, sprechen diejenigen, die an Abwehrstrategien arbeiten, auch übereinstimmend von der Notwendigkeit eines comprehensive approach, eines breiten Ansatzes.

Und darin findet sich dann, quasi spiegelbildlich, die ganze Palette hybrider Kriegsmittel, wie sie auch die Gegenseite anwendet: schnelle Einsatzkräfte und Spezialeinheiten; Finanz- und Wirtschaftssanktionen; Cyberabwehr; nachrichtendienstliche Aufklärung; polizeiliche Ermittlungen; Informationskampagnen.

In Berlin wird bisweilen gefragt, was der Gedanke von der "vernetzten Sicherheit" anderes gewesen sei als eine – vielleicht ungeplante – frühe Antwort auf die hybride Herausforderung. "Den vernetzten Ansatz tragen wir schon seit zehn Jahren wie eine Monstranz vor uns her", sagt ein Bundeswehroffizier, "so richtig vorangekommen sind wir nicht." Gut möglich, dass sich das mit Putins Angriff auf die Ukraine nun ändert.

Neben der Diskussion, was das eigentlich ist: hybride Kriegsführung, muss die Frage nach den damit verbundenen politischen Zielen stehen. Auch der Westen hat die einzelnen Elemente des hybrid warfare in seinem Repertoire, und er hat sie in der Vergangenheit nicht immer zu edlen Zwecken eingesetzt. Lange vor dem russischen Generalstabschef Gerassimow war die "irreguläre Kriegsführung" Thema amerikanischer Militärdoktrinen. Ihre "unkonventionellen" Methoden wurden in US-Militärhandbüchern unter Stichwörtern wie sixth-generation warfare, non-contact warfare, sub-conventional warfare abgehandelt.

So wie Putin die prorussischen Separatisten in der Ostukraine unterstützt, so haben auch die Amerikaner Aufständische unterstützt und mit nichtstaatlichen Kräften, mit proxies, gegen die Regierungen anderer Länder gekämpft – in Nicaragua zum Beispiel oder in Afghanistan.

Was heute anders ist, was die hybride Kriegsführung so gefährlich macht, ist die Schnelligkeit, mit der ein Konflikt in der digitalisierten Welt eskalieren kann. "Wir sind stärker verletzbar, weil wir stärker vernetzt sind", sagt Oliver Tamminga von der Stiftung Wissenschaft und Politik.

Alles ist mit allem verbunden: Wirtschaft, Diplomatie, Finanzen, Militär, Nachrichtendienste, Kommunikation, Cyberraum. Und alles kann in den Dienst einer Aggression gestellt werden. "Wenn man das zu Ende denkt, kommt man bei Ludendorff raus: totaler Krieg", sagt Friedensforscher Hans-Georg Ehrhart. "Dann wird alles mobilisiert für den Krieg."

Solche apokalyptischen Gedanken beschweren die Militärplaner in Brüssel nicht, die sich dieser Tage über das Papier der beiden Strategischen Kommandos aus Norfolk und Mons beugen. Der Nato-Maschinenraum arbeitet auf Hochtouren. Vom Militärkomitee geht das überarbeitete Papier noch in diesem Monat in den Nato-Rat. Dort legen die Botschafter letzte Hand an, bevor im Juni die Verteidigungsminister der Allianz entscheiden. Im nächsten Jahr, auf dem Nato-Gipfel in Warschau, wollen die Staats- und Regierungschefs eine "konsolidierte Politik" zur hybriden Kriegsführung verabschieden.

In Warschau, ausgerechnet. Dort, wo im Jahr 1955 unter Führung der Sowjetunion der Warschauer Pakt gegründet wurde. Gegen die Nato. 1990 löste sich der Warschauer Pakt auf. Und auch die Zukunft des westlichen Bündnisses schien eine Zeit lang ungewiss. Die Nato war auf dem Weg, ein Bündnis ohne Aufgabe zu werden. Jetzt schweißt Putin sie mit seinem Angriff auf die Ukraine neu zusammen. Und löst obendrein eine Debatte aus, ob die EU nicht eine europäische Armee brauche. Es wäre übertrieben, dies eine strategische Meisterleistung zu nennen.