Die Entscheidung wird auf neutralem Gebiet verkündet, im Konferenzraum "Gold" des Sporthotels Lindner gleich neben dem Frankfurter Stadion. Auf grasgrünen Stühlen werden die Reporter am kommenden Montag warten und das Foto einer kunstvoll verrenkten Sportgymnastin an der Wand bestaunen. Bis gegen 19 Uhr das hohe Gericht sein Urteil verkünden wird, zwei Frauen und sieben Männer, das Präsidium des Deutschen Olympischen Sportbunds. Der Präsident Alfons Hörmann wird eintreten, sich auf einem grasgrünen Stuhl niederlassen und endlich den Sieger küren: Hamburg – oder Berlin. Es kann nur eine deutsche Bewerberstadt für die Spiele 2024 und 2028 geben.

Der Auftritt ist das Ende eines langen Castings. Über Monate hinweg haben sich beide Städte bemüht, die Jury zu bezirzen, eine jede auf ihre Art. Die Hamburger hatten den besseren Start. Dann holten die Berliner auf, kamen ran. Um nun, kurz vor der Ziellinie, doch wieder knapp hinten zu liegen in einem Rennen, das womöglich erst im Fotofinish entschieden wird.

In jeder Stadt entwickelt sich im Lauf einer Bewerbung eine eigene Dynamik. Denn in jeder Stadt haben einzelne Bürger, Politiker, Funktionäre ihre ganz persönliche Agenda. Deshalb gibt es einen Hamburger Weg zu Olympia. Oder einen Berliner Weg. Die einen versuchen es mit Penetranz und dem beharrlichen Wiederholen von Zahlen, die anderen mit Lautstärke und romantischen Abendessen im Kerzenschein. Wer wissen will, warum die Bewerbungen so unterschiedlich sind, der muss an ihre Anfänge zurückgehen.

Zu einer kühnen Idee des Regierenden Bürgermeisters von Berlin.

Und zu einer kühnen Idee eines älteren Herrn in der Hamburger Handelskammer.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 11 vom 12.03.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Sein Büro liegt im dritten Stock der Handelskammer, vor dem Fenster schimmert das grüne Dach des gegenüberliegenden Rathauses. An den Wänden hängen Pläne des Hafengeländes, auf dem das Olympiastadion entstehen soll. Es ist das Büro von Reinhard Wolf. Er wollte eigentlich schon in Rente sein, im April 2014 hätte er verabschiedet werden sollen. Doch der 63-Jährige ist noch da: wegen Olympia. Er ist verrückt nach den Spielen, hat immer an sie geglaubt, auch als die meisten Hamburger eine Bewerbung für undenkbar hielten. Denn Hamburg und Olympia, das war viele Jahre lang eine Beziehung wie Hamburg und die Elbphilharmonie: Besser nicht dran erinnern.

Hamburg wollte die Spiele 2012 und scheiterte schon in der deutschen Vorauswahl – an Leipzig. Die Pläne verschwanden in der Schublade. Niemand sprach mehr darüber. Außer Wolf. Er hatte die Bewerbung damals mitgeplant. Er sagt: "Wir als Handelskammer haben erkannt, welche emotionale Kraft im Sport liegt." Und welche wirtschaftliche Kraft.

Während alle anderen ihre Unterlagen heimlich zerschredderten, richtete die Handelskammer eine Sportabteilung ein. In der Zeit, in der niemand etwas von Olympia wissen wollte, lauerte Wolf mit einem kleinen Stab auf die nächste Chance.