Stefan Seidl zieht den Reißverschluss seiner schwarzen Jacke zu; es ist kalt in der Tiefgarage. Die Tür zum Treppenhaus ist hinter ihm und seinem Kollegen ins Schloss gefallen. Zehn Meter sind es bis zum Auto. Sie nähern sich vorsichtig dem silbergrauen Mercedes, keine Gefahr in Sicht. Seidl setzt sich auf den Beifahrersitz, sein Kollege hinters Steuer. Dann sehen die beiden einen Schatten auf der Rückbank – zu spät. Ein Mann hat eine Pistole auf Seidl gerichtet.

Sekunden später steigt der Entführer lachend aus dem Auto. Die Entführung gehört zu dem Training, das das Unternehmen ILF Beratende Ingenieure, Hauptstandorte München und Innsbruck, für seine Angestellten gebucht hat. 15 Kollegen sollen heute lernen, Gefahren schneller wahrzunehmen und im Ernstfall richtig zu reagieren. Weltweit hat ILF 1.900 Mitarbeiter, ihr Job führt sie oft in gefährliche Regionen. Sie helfen beim Bau von Pipelines im Südsudan oder planen gewaltige Seilbahnen wie die Lagos Cable Car in Nigeria, wo auch die Terrorgruppe Boko Haram aktiv ist.

Vor allem Rohstoffkonzerne schicken ihre Mitarbeiter in Krisengebiete, um frühzeitig Claims abzustecken, bevor die Konkurrenz da ist. Die Einsätze sind riskant. Für Hans Jürgen Stephan, Deutschland-Geschäftsführer der internationalen Risiko-Managementberatung Control Risks, bedeutet das viel Arbeit. Seine Analysten überwachen für Unternehmen die Gefahrenherde der Welt. Dafür erstellen sie auch eine Weltkarte der Gefährdungen. Weiße Länder sind harmlos, dunkelrote gefährlich. In den vergangenen Jahren nahm das Rot stark zu. "Die Risiken sind gewachsen und haben sich von Südamerika nach Afrika verschoben", sagt Hans Jürgen Stephan. Auf diese Risiken sollen die Mitarbeiter vorbereitet werden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 12.03.2015.

Bei ILF ist das der Job von Stefan Seidl. Eigentlich ist der Münchner Verfahrenstechniker, hat Gas- und Öl-Pipelines geplant. Seinen jetzigen Job beschreibt er als "Risikominimierer". Seidl soll mit seinem Team sicherstellen, dass alle ILF-Mitarbeiter heil von ihren Auslandseinsätzen zurückkommen. Er kümmert sich um vertrauenswürdige Fahrer. Er entwickelt Notfallpläne, wie die Ingenieure schnell aus einem Land herauszubekommen sind, falls es zu einem Krieg kommt. Auch Seidl muss immer wieder dazulernen. Deshalb hat er sich heute entführen lassen. Und deshalb ist Michael Pülmanns heute an den ILF-Standort nach Innsbruck gekommen.

Pülmanns hat 18 Jahre lang für deutsche Sicherheitsbehörden gearbeitet, in Südamerika, im Mittleren Osten. Jetzt ist er für die Result Group tätig. Die Münchner Firma beschäftigt mehr als 60 ehemalige Geheimdienstler und Sondereinsatzkräfte, um Unternehmen auf Risiken vorzubereiten. Dazu zählt auch das Sicherheitstraining in Innsbruck.

Man muss das Verhalten üben, damit man es in gefährlichen Situationen abrufen kann.
Michael Pülmanns, Sicherheitstraining

Im nüchternen Seminarraum entwirft Pülmanns Bedrohungsszenarien für Südamerika: Manchmal seien die Angreifer mit Pistolen bewaffnet, manchmal mit Messern, manchmal stünden sie unter Drogen und wollten Geld. Sein Rat: Alle Wertgegenstände sofort hergeben, die Situation sollte nie länger als fünf Sekunden dauern. "Denn Ihr Puls ist bei 180, der Puls des Angreifers auch. Wenn es zu lange dauert, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass er überschnappt und angreift", sagt Pülmanns. Er sagt auch: "Man muss das Verhalten üben, damit man es in gefährlichen Situationen abrufen kann."

Seine Seminarteilnehmer fordert er zu Rollenspielen auf. Pülmanns mimt Hector, den Fahrer, der den Ingenieur der ausländischen Firma am Flughafen im nigerianischen Lagos abholen will. Der Ingenieur hatte einen anderen Fahrer erwartet und will nicht mitkommen. Hector wird wütend und droht, wegzufahren. Auch auf die Gefahr hin, noch Stunden am Flughafen auf einen bekannten Fahrer zu warten, rät Pülmanns: "In einem Risikoland sollte man niemals zu Unbekannten ins Auto steigen."

Dann gibt er einen südamerikanischen Polizisten bei einer Verkehrskontrolle. Herzzerreißend erzählt er dem Fahrer von seiner kranken Tochter, die teure Medizin brauche. Nur 20 Dollar, mehr nicht. Die 20 Dollar könnten eine unangenehme und langwierige Durchsuchung des Wagens verhindern. Zahlen oder nicht zahlen? Eine schwierige Frage, sagt Pülmanns. Bestechung sei eine Straftat. Da müsse man auf sein Bauchgefühl hören.

Der beste Schutz vor Gefahren sei es, sie gar nicht erst entstehen zu lassen. Wenn es Entführer auf Geschäftsreisende abgesehen hätten, spähten sie zunächst deren Arbeitsalltag aus. Am verwundbarsten sei man morgens auf dem Weg zur Arbeit. "Da sind die meisten von uns auf Autopilot. Das macht unser Verhalten vorhersagbar", sagt Pülmanns.

Eine Lektion haben alle Teilnehmer schnell gelernt: vor dem Einsteigen auf den Rücksitz blicken.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio