Der Tritt kommt von hinten und trifft den Skater genau auf den Hinterkopf. Ohne Vorwarnung und gnadenlos. Aber der junge Simon und seine Freunde wussten ja, dass sie hier nicht zu sitzen hatten. Die Steinenvorstadt war für sie tabu. "Hau ab!", schrien die Ultras, eine der vielen Jugendgangs. Sie wollten die Straßen Basels von diesen Siffköpfen befreien. Prügeln, reinschlagen. Darum ging es ihnen – damals.

Heute ist Simon Jaquemet 37 Jahre alt. Er hat sein Skateboard gegen die Filmkamera eingetauscht, und dieser Tage kommt sein Regieerstling in die Kinos. Chrieg erzählt die Geschichte des wuterfüllten Teenagers Matteo, der in einem Bootcamp in den Bergen endlich zur Vernunft finden soll. Er zeigt eine kaputte Welt, voller Härte, in der Jugendliche zuschlagen, weil sie es nicht besser wissen, und die Erwachsenen auf ganzer Linie versagen. Ein Film übers Scheitern, ohne Happy End. Ein Film wie ein "Schlag in die Magengrube", sagt Jaquemet. Ein Film, "der uns mit seiner Wucht, Klarheit und Authentizität auf Anhieb gepackt hat", schreibt die Jury, als sie ihm Anfang des Jahres den Max Ophüls Preis verlieh. Ein Film, der diesen Freitag beim Prix du cinéma suisse gleich in fünf Kategorien nominiert ist.

Aber wer ist der Kopf dahinter, wer ist dieser Simon Jaquemet?

Auf der Berlinale liefen die Zuschauer aus seinem Film – das gefällt ihm

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Ein Atelier in Zürich, im Schatten der Sihlhochstraße. Kabel räkeln sich wie Lianen um Stative, Kameras blicken in den Raum. In einer Ecke steht ein alter Rollstuhl, und mittendrin sitzt Jaquemet an einem abgewetzten Tisch, fährt sich durchs Haar, bis es in alle Richtungen absteht, und schlürft einen Kaffee. Lässig, ungeordnet, in Jeans und Pulli. Ein bisschen was vom Skater von damals ist ihm geblieben. Der Nachwuchsregisseur kommt gerade aus Berlin, wo er Chrieg auf der Berlinale präsentiert hat. Jaquemet hat nicht mit den Lorbeeren gerechnet. Stolz auf seinen Streifen ist er aber schon, besonders auf die Story, die er jahrelang mit sich herumgetragen hat. Er, der Beobachter und Träumer, der als Kind gerne in fantastische Welten entschwand, schöpft aus dem Fundus seiner eigenen Erinnerungen – und zeigt Abgründe, in die nicht jeder blicken will. Auf der Berlinale, erzählt er, seien einige Zuschauer aus dem Saal gelaufen, andere lobten Chrieg als besten Film des Festivals. Diese heftigen Reaktionen gefielen ihm.

Schon früh wusste Jaquemet, der auf einem Bauernhof nahe Basel aufgewachsen ist: Bilder muss man sehen können, man muss sie zeigen. Sie dürfen nicht im Kopf eingesperrt bleiben. Also filmte er seine Freunde beim Skaten und Snowboarden und studierte später an der Hochschule der Künste in Zürich – er wurde Filmemacher. Doch das Business ist tückisch, das Ziel, einen Spielfilm zu realisieren, hochgesteckt und der Weg dahin lang. Kurzfilme und Musikclips, damit versuchte Jaquemet über die Runden zu kommen. Er drehte mit den Bündner Hip-Hoppern Breitbild, dem Pop-Chansonier Adrian Stern oder mit der Indie-Rock-Band My Heart belongs to Cecilia Winter. "Im Video zum Song Eighteen spielte ein Junge mit, sehr androgyn. Von ihm ging eine eindrucksvolle Fragilität aus", erzählt Jaquemet. "Das wollte ich für meine Spielfilmfigur Matteo auch."

Pubertierende Romantik in der verrohten Alpwelt

Das Drehbuchschreiben ist eine fesselnde Angelegenheit – und Jaquemet mag es fast lieber als die Regieführung. "In die Welt meiner Bilder abtauchen, frei und für mich allein, das ist schon faszinierend." Als er das sagt, hält der Wuschelkopf für einen Augenblick inne. Es wird still im Raum. Achtsam, Körnchen um Körnchen, kippt er Zucker aus der Tüte in die winzige Espressotasse. Plötzlich ist er wieder da. Er strahlt, die Energie ist spürbar. Er muss aufstehen, neuen Kaffee holen und trommelt nervös auf seiner Zigarettenschachtel.

Energiegeladen ist auch der Film, der das Drama des fünfzehnjährigen Matteo erzählt, der keinen Platz in seiner Familie findet: ein Weichling in den Augen des Vaters und unsichtbar für die Mutter, die sich nur noch um das neugeborene Baby kümmert. Als Matteo in ein Erziehungscamp auf eine Alp geschickt wird, findet er sich in einem Inferno wieder, das an Herr der Fliegen von William Golding erinnert. Tagelang wird er an eine Kette gebunden und wie ein Hofhund gehalten. Auf Demütigung und schonungslose Erniedrigung folgen die ersehnte Anerkennung und eine Freundschaft, die gleichsam verstörend wie betörend ist. Die Jugendlichen erschaffen sich ein eigenes Reich und rächen sich an jenen, die sie verstoßen haben. Im Rausch der neu erlangten Freiheit verfallen sie der Gewalt. Und verlangen nach immer extremeren Aktionen.

Nach und nach schleicht sich pubertierende Romantik in die verrohte Alpwelt. Matteo verliebt sich – nur ein bisschen – in Ali, die junge Frau der Schlägertruppe, die als Typ durchgeht, damit sie in der Gruppe bestehen kann. Anfänglich schwach und abgestumpft, entwickelt sich der Fünfzehnjährige, durch die Gewaltspirale getrieben, weiter – und entdeckt sein Potenzial.

Nein, sagt der Regisseur, er selber sei kein Problemkind gewesen. Der Vater ist Agronom und arbeitete später lange im Sozialbereich, die Mutter unterrichtete Kleinklassen: "Da habe ich viel mitgekriegt."

Seine jungen Chrieg-Schauspieler fand Jaquemet auf der Straße. Das war nicht nur dem knappen Budget geschuldet, es geht ums Prinzip. Sie haben die Orientierungslosigkeit ihrer Figuren am eigenen Leib erlebt: Lehrabbrüche, Obdachlosigkeit, Ärger mit Familien und Behörden. Drogen, Sprayen, geschlossene Anstalt. Der Film profitiert von der emotionalen Nähe seiner Akteure, die Rollen werden zu echten Charakteren. Benjamin Lutzke, der die Hauptrolle spielt, wurde am Hauptbahnhof Zürich angesprochen, als Erster von rund tausend Jungen. Auf dem Max-Ophüls-Festival wurde er für seinen Matteo als bester Nachwuchsdarsteller geehrt. Und in Genf gehört er, wie seine Kollegin Ella Rumpf für die Nebenrolle als Ali, zu den drei Nominierten.

In Chrieg lässt Simon Jaquemet seine Figuren heranwachsen. Aber auch er selbst ist als Regisseur noch auf der Suche. An Ideen mangelt es ihm dabei nicht.

Das Atelier ist seine Denkfabrik, die er sich mit seinen Kollegen des Filmkollektivs 8horses teilt. Hier findet er unter einem Dach, was es braucht, um einen Film von A bis Z zu produzieren: Drehbuchautoren, Regisseure, Kameramänner, Videokünstler. Freiheit und Entfaltung, darum geht es den elf Jungfilmern; darunter auch zwei Frauen. Das bedeutet aber viel Arbeit sowie stundenlange Diskussionen – und eine Frage bleibt trotzdem stets offen: Wer soll das alles bezahlen?

Für Chrieg fand Jaquemet mit Hugofilm eine Produktionsfirma, die von ihm und seiner Idee überzeugt war. Christian Davi, der Produzent, spricht mit großer Begeisterung von Jaquemet: "Er ist sehr beharrlich und wahnsinnig kreativ. Er lässt sich von niemandem verunsichern und hat es mit Chrieg geschafft, sich im Ausland einen Namen zu machen, das ist für Newcomer aus der Schweiz nicht einfach."

Das Echo des ersten Films ist Segen und Fluch zugleich. Es bestätigt ihn darin, dass er auf dem richtigen Weg ist. Jaquemet will es nicht allen recht machen, er will mit seinen Filmen bewegen und Fragen aufwerfen, keine Antworten liefern. An kommerzielleren Produktionen hat er kein Interesse, und Hollywood ist für ihn weit weg. Er liebt die Filme von Lars von Trier, sieht hinauf zu Größen wie Michael Haneke oder Ulrich Seidl, orientiert sich also an jenen, die oft den beschwerlicheren Weg wählen. Unprätentiös und ehrlich, auch wenn das bedeuten sollte, sich mehr hineinknien zu müssen und dabei nicht besonders reich zu werden.

Aber Preise und Nominierungen erhöhen auch den Druck. Jaquemet redet offen darüber. Klar, es werde einfacher sein, an Förderung und Produktionsfirmen zu gelangen. Aber ob er an seinen ersten Erfolg anknüpfen oder ihn gar toppen kann?

Träumen tut er jedenfalls davon. Schmunzelnd gesteht der Enddreißiger, dass ihn Science-Fiction-Stoffe faszinieren: "Kein Raumschiff-Epos! Aber die Neuromancer-Trilogie von William Gibson zu verfilmen, das würde mich sehr reizen." Der Amerikaner lässt seine Antihelden in seiner dystopischen Cyberspace-Welt nach ihrer Existenzberechtigung suchen. Seine Romane elektrisierten in den Achtzigerjahren eine ganze Generation, auch Simon Jaquemet. Denn sie erzählen von dem, was ihn am stärksten bewegt: vom Verborgenen, vom Leben im Schatten.