Der Mond schiebt sich zwischen Erde und Sonne und verdunkelt so den Tag, wie hier 2011 in München. © REUTERS/Michaela Rehle

Jede Sonnenfinsternis bringt besondere Befürchtungen mit sich. Als im Jahr 1999 der Mond, von Deutschland aus betrachtet, die Sonne völlig verdeckte, da warnten alle vor der Sofi-Blindheit, die beim schutzbrillenlosen Blick auf das Himmelsschauspiel drohe. Nun steht wieder eine Sonnenverdunklung am helllichten Tage bevor, wenngleich keine ganz vollständige, und diesmal lautet die Sorge: Stromnotstand. Hintergrund ist der rasante Ausbau der Photovoltaik. Während 1999 gerade mal 70 Megawatt Solarleistung in Deutschland installiert waren, sind es heute 39.000. Und wenn die am 20. März zwischen 9.30 Uhr und 12 Uhr erst aus- und dann wieder eingeschaltet wird, ist das so, als hätte jedes fünfte deutsche Kraftwerk eine Panne. Der Boulevard warnt schon vor dem "Doppel-Blackout".

"Eine Sonnenfinsternis gibt es doch jeden Abend", erwidert David Wedepohl nüchtern. Als Sprecher des Bundesverbands Solarwirtschaft kann er schon von Berufs wegen nur Positives an den 1,4 Millionen Solaranlagen auf deutschen Dächern und Feldern erkennen. Von einer "großen Herausforderung" sprechen hingegen die vier Betreiber des deutschen Übertragungsnetzes in einer gemeinsamen Erklärung. "Das ist ein enormer Stresstest im Netz", sagt Ulrike Hörchens, Sprecherin des niederländischen Unternehmens Tennet, das von Flensburg bis Passau rund 40 Prozent Deutschlands über Hochspannungsleitungen mit Strom versorgt.

Tatsächlich wird die Sonnenfinsternis das Tageslicht wesentlich schneller verdunkeln als ein Sonnenuntergang am Abend. Statt der ansonsten maximal üblichen Leistungsschwankung von 100 Megawatt pro Minute könnten es am 20. März bis zu 350 werden. Die Schwankung könnte allerdings auch auf harmlose 50 begrenzt bleiben. Welches Szenario eintritt, hängt vom Wetter ab: Je sonniger der Vormittag wird, desto größer die Belastung für das Stromnetz.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 12.03.2015.

Und in dieser Wetterabhängigkeit liegt das eigentliche Problem. Wann die Sonnenfinsternis kommt und in welchem Umfang sie wo die Erde abdunkelt, lässt sich für Jahrhunderte im Voraus auf die Sekunde genau berechnen. Ob das Stromnetz dabei aber tatsächlich belastet wird, weil an dem Tag die Sonne aus stahlblauem Himmel strahlt – oder ob Solarenergie keine große Rolle im Netz spielt, weil das Land unter einer dichten Wolkendecke liegt, das weiß selbst am Vortag niemand so genau.

Die Windstärke hingegen können Meteorologen inzwischen schon für einige Tage sehr genau vorhersagen. Entsprechend gut deckt sich die erwartete Leistung der deutschen Windparks mit der Realität. Im Vergleich dazu ist die Solarprognose sehr schlecht. "Beim Wind können wir die Daten eines halben Dutzends meteorologischer Institute auswerten", sagt Volker Kamm, Sprecher des ostdeutschen Netzbetreibers 50Hertz, "für die Sonnenstrahlung gibt es nur zwei Anbieter."

Wie sehr die erzeugte Solarenergie von der Prognose abweichen kann, zeigte sich etwa am 3. April 2014. Statt der noch am Vortag vorausgesagten 18 Gigawatt leisteten die deutschen Solaranlagen nur 9,2: Eine Hochnebeldecke hatte sich wider Erwarten nicht aufgelöst. An einem Blackout schrammte das Stromnetz gerade so vorbei. "Wir haben alles mobilisiert, was irgendwie zu haben war, auch im Ausland", erinnert sich Kamm.

Damit es jetzt nicht zu einem ähnlichen Showdown kommt, haben die Übertragungsnetzbetreiber bereits ein zusätzliches Gigawatt an flexibel abrufbarer sogenannter Regelenergie geordert, in den letzten Tagen vor dem 20. März kann es je nach Großwetterlage auch noch mehr werden. Denn mit schneller Hilfe aus dem Ausland ist diesmal nicht zu rechnen – die Sonnenfinsternis betrifft ganz Westeuropa und kann auch in den Nachbarländern die Solarstromleistung kurzfristig um bis zu 15 Gigawatt reduzieren.

Theoretisch reicht die Kapazität der deutschen Pumpspeicherkraftwerke aus, um die Solaranlagen-Finsternis abzupuffern. Und praktisch "sollte der Markt das eigentlich regeln", sagt Kamm. Wenn das am Ende aber nicht klappt, gibt es noch eine letzte Möglichkeit zur Stabilisierung des Stromnetzes: Vorauseilende Abschaltung am Morgen, um die Schwankung künstlich niedrig zu halten. Etwa die Hälfte der installierten Solarkapazität kann bei Bedarf vom Netz getrennt werden. Bei Windparks kam so etwas bereits häufiger vor, bei Sonnenenergie noch nie. Technisch wären dafür die lokalen Stromversorger zuständig.

Mit 200 Megawatt installierter Solarleistung ist der Energiedienst Rheinfelden im äußersten Südwesten einer der wichtigsten von ihnen. Er liegt auch genau dort, wo der Mondschatten Deutschland erstmals erreichen wird. "Wir werden unsere Netzleitstelle personell aufstocken", versichert Energiedienst-Sprecher Alexander Lennemann. Per Telefon, Fax und E-Mail – dreifach hält besser – würde sie vom Übertragungsnetzbetreiber alarmiert, ein Mausklick auf dem Computer reicht dann aus, um die Leistung von 900 größeren Solaranlagen zu senken. Für den unterbrochenen Stromverkauf würde eine Entschädigung fällig. Zuzüglich der Mehrkosten für Personal und Regelenergie wird die Sonnenfinsternis ein paar Hunderttausend Euro kosten, umgelegt auf alle Stromkunden.

Es sind einmalige Mehrkosten, so viel zum Trost. Denn die nächste Sonnenfinsternis mit ähnlich starker Verdunklung zur Mittagszeit tritt erst am 11. Juni 2048 über Deutschland auf. Bis dahin wird das Stromnetz völlig anders aussehen und – so hat es die Bundesregierung beschlossen – zu 80 Prozent aus erneuerbaren Quellen gespeist werden.

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