Ein Systemwechsel macht viel Arbeit, sagt Hans-Jürgen Bocklitz, der Hausmeister. Man muss Büros umräumen. Türschilder tauschen. Telefone programmieren. Teppiche reinigen, Schreibtischsets mit Stiften, Lochern, Tackern verteilen. "So, dass erst mal eine grobe Regierungsfähigkeit hergestellt ist!", sagt Bocklitz, der seit zwei Jahrzehnten in Erfurts Staatskanzlei dient.

Es gibt derzeit sehr viele Locher und Tacker zu verteilen, viele Schreibtische auszustatten. Thüringen wird umgebaut. Ein Land sortiert sich neu.

Seit dem 5. Dezember 2014 hat der Freistaat eine rot-rot-grüne Regierung, ist Bodo Ramelow Ministerpräsident, als erster Linker in der Geschichte der Republik. Seit diesem Tag ist Hans-Jürgen Bocklitz, 59 – ein Mann mit kleinem Wohlstandsbauch und kecker Gelfrisur –, ziemlich im Stress. Bocklitz arbeitete schon für drei Ministerpräsidenten, er sei "unparteiisch", sagt er, aber der neue Chef gefalle ihm. Der habe viele Hände geschüttelt, auch seine. "Das kam bei allen gut an."

Fast 25 Jahre lang war Erfurts Regierung tiefschwarz, dominiert von einer CDU, die sich zuletzt gerierte, als sei sie die gottgegebene Macht, und die am Ende immer schlechter gelaunt aussah. Die im Wahlkampf die Angst schürte, dass unter Ramelow das Land im Chaos versinken werde. Und was passiert? Jetzt läuft Ramelow durchs Land und versucht, die Herzen mit Höflichkeit zu gewinnen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten-Ausgabe Nr. 11 vom 12.03.2015.

Wenn dies eine rote Revolte sein soll, dann ist es eine Revolte mit Bückling. Der anständigste Umsturz der Welt. Die leiseste Weise, ein Land umzustülpen. Willkommen in Bad Erfurt, Wellnessoase Staatskanzlei, wo Ramelow persönlich für Aufguss und Massagen sorgt! Wo eine Regierungsmannschaft tatsächlich das Prinzip Love & Hugs & Kisses verfolgt, "Liebe und Umarmungen und Küsse", herzlich nach innen und nach außen.

Man steht immer noch ein bisschen irritiert vor Bodo Ramelows Büroschild in der Staatskanzlei, wenn man dessen Namen und das Wort "Ministerpräsident" dazu liest. Aber da kommt er schon um die Ecke, beschwingt, überstolz, schüttelt herzlichst die Hand: Ramelow schwebt fast. Wer ihn in den vergangenen Jahren beobachtete, hat ihn oft knurrig erlebt. Man konnte dem einstigen Krawallero aber geradezu bei der Entradikalisierung zusehen. Nun, seit Ramelow im Amt ist, wirkt er, als wolle er die Welt umarmen. Er trage das Amt, aber noch mehr trage das Amt ihn, sagte neulich ein Mitarbeiter. Wie hat er, Ramelow, sich die Staatskanzlei schon erobert? "Wir sind bewusst hier nicht eingefallen wie die Heuschrecken", sagt er, "wir sind nicht mit 27 Kofferträgern gekommen, die erst mal den Laden aufgeräumt haben. Wir haben versucht und versuchen weiterhin, mit einer leicht irritierten Belegschaft maximal einfühlsam umzugehen."

Maximal einfühlsam! Das ist noch eine untertriebene Beschreibung für Bodo Ramelows erste Wochen als Premier. Es war ein einziges Antichambrieren, eine Offensive der guten Laune, die maximale Kuscheligkeit. Man sah den Regierungschef ganz demütig bei seinen ersten Reden ("Versöhnen statt spalten"). Man sah ihn, wie er beim Kennenlernen mit der Bundeskanzlerin das Haupt senkte, ehrerbietig. Man sah ihn den Oppositionsführer umschmeicheln, sah ihn bei Handwerkskammern und Stromtrassengegnern – süßlich alle um den Finger wickelnd. Ramelow schreitet durch sein Land und macht den Diener, im Wortsinn.

Ramelows Leute sagen, das sei echte Demut.

Die Opposition sagt, das sei Camouflage. Die Wärme sei kühl kalkuliert; er sei im Kern doch ein Machtmensch, der sich nichts sehnlicher wünsche, als dass die Linke 2016 auch in Sachsen-Anhalt ganz nach oben gelangen könne – und 2017 im Bund. Ramelow wisse zudem genau, dass er fünf konfliktarme Jahre benötige, um wiedergewählt zu werden. Er lulle die Thüringer ein. "CDU-Politik mit roter Schleife" sei das, was Ramelow betreibe, sagt Mike Mohring, der CDU-Chef. Einem Reporter der Thüringer Allgemeinen fiel gerade ein Strategiepapier aus Ramelows Staatskanzlei in die Hände. Darin das oberste Ziel der neuen Hausherren: Man wolle in erster Linie dafür sorgen, "dass Rot-Rot-Grün sich positiv von der Vorgängerregierung" abhebe.