Artikel in der Magazin-App "VAN" © Van Verlag

Endlich mit Sartre im Café sitzen, ihm zuhören, der freundlichen Stimme, dem gebändigten Ambitus. Er redet nicht halb so schnell, wie man dachte, dass er denkt, und liberté klingt auch nicht pathetisch, eher sachlich, aber da funkelt etwas, wie zwei Lichtpünktchen über der dritten Silbe oder wie ein viergestrichenes as im Klavierdiskant. Sechzehntel. Überhaupt schnelle, knappe Töne des Denkens hinter den Worten, er denkt nämlich doch verdammt schnell und in stets scharfen Umrissen. Doch wer kann Sartre denken hören, wo ist er, und wo sind wir überhaupt?

Im Café, das schon, das Tablet neben der Tasse, lesend und hörend. Voices and Piano heißt Peter Ablingers Zyklus. Der österreichische Komponist kombiniert O-Töne berühmter Leute mit einem Klavierpart. Der geht auf die computergestützte Klanganalyse des Gesprochenen ebenso zurück wie auf Ablingers Spiel mit diesem Material – und das holt den fernen Sartre auf schier magische Weise in die Gegenwart. Überall und bequem ist das zu hören, sogar mit Noten, wenn man die App VAN öffnet, ein digitales Magazin für klassische Musik. Ablingers klingende Analysen haben da ein Forum gefunden.

Und nicht nur sie. Wo sonst beschreibt ein zeitgenössischer Komponist, wie ein Killertyp mit Gummimaske einem Klavierduo Komplimente macht? Moritz Eggert hat das Leipziger Wave-Gothic-Treffen besucht und erstaunt festgestellt, dass die 20.000 Dunkelromantiker auch Klassik mögen. Es tut sich also etwas im Riesenreich der komponierten Musik aus 500 Jahren, und nicht nur bei den Freaks. In den letzten 15 Jahren hat sich die Szene zur Vielfalt der Künstler und Konzepte geöffnet. Wenn man in der Süddeutschen liest, das "Image der klassischen Musik" sei heute "meilenweit entfernt von Kreativität und Avantgarde", dann meint sich auch der Musikjournalist selbst. Der hält weitgehend an Kriterien des 20. Jahrhunderts fest. Ihm fehlt abseits weniger großer Blätter und Radioformate schlicht der Platz, um Neuland zu gewinnen, Debatten anzustoßen – und über einen Tellerrand zu blicken, der durch die notorisch beschworene "Krise der Klassik" und die immergleichen Stars definiert zu sein scheint.

Das wäre jedenfalls eine Erklärung, warum das neue Berliner Projekt auch diesseits seiner visuellen und akustischen Möglichkeiten so anregend wirkt. Wo begibt sich sonst jemand in die Favelas von São Paulo, um dort nach dem Sinn des Musikmachens zu suchen? Wo wäre neben einem Besuch beim Enkel von Richard Strauss in Garmisch-Partenkirchen ein musikvideogesättigter Ausflug nach Reykjavík denkbar, wo sich das Label Bedroom Community um experimentelle Grenzbereiche kümmert?

Es gibt in Deutschland rund 200 gedruckte Periodika zur Musik, davon drei Viertel zur Klassik, im Netz kommen Dutzende von Klassikforen dazu, auf denen rezensiert, porträtiert, diskutiert wird. Die meisten sind entweder hochkarätig spezialisiert wie der Opernfreund oder nah an Mainstream und Marketing wie Crescendo. Unangenehme Fragen stellt am ehesten die Website der Neuen Musikzeitung, die freilich mit dem Charme eines Verbandsblatts daherkommt. Und die Musik-Apps? Weltweit über 30.000, überwiegend zum Dateienverwalten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 12.03.2015.

"Wie ich Musik höre und die Szene wahrnehme, das wird von keinem Medium aufgegriffen", sagt Hartmut Welscher, ein cellophiler Mittdreißiger aus Berlin, der mit Freunden vor 15 Monaten mit der Planung begann und demnächst die vierte Ausgabe seiner App vorlegt. Seine Vorbilder sind eher Elf Freunde und Spex als Fachblätter und Feuilletons. Welscher ist "klassisch sozialisiert", aber studierter Ethnologe und nicht nur darum interessiert an der "schrägen Szene mit ihren Ritualen", die der klassische Musikbetrieb auch ist.

Auf mancher Schräge kann ein Pionier allerdings auch ausrutschen. Es ist ja schön, wenn ein Autor seine Erlebnisse mit Mahlers Dritter zum Mithören vorführt. Dass aber deren Interpretationen "kaum kontrovers diskutiert" würden, ist ebenso Schmarrn, wie Adornos Mahler-Essay als "fast berührend kindlich" zu loben. Auch schön, wie gut gelaunt ein kanadisches Sinfonieorchester um sein Überleben kämpft, aber man braucht deswegen nicht gleich das Fundraising als "Riesenchance" für europäische Orchester zu empfehlen wie vor 20 Jahren.

Wer dem Personenkult misstraut, dürfte die Dirigentin Simone Young nicht ganz so himmelblau anstaunen, wie sich das hier bei VAN liest. Und wenn ein Hausbesuch bei Mischa Maisky in Brüssel gleich mit 25 Fotos garniert wird, spürt man eher die Freude über die digitale Entgrenzung als den klaren Zugriff, mit dem die Oberfläche von VAN sonst erfreut. Geschenkt, das sind Anfängerfehler, denen hochkarätige Fotografen, Designer und Autoren gegenüberstehen. In der jüngsten Ausgabe erkundet Dietmar Dath, warum Musik immer zu lang dauert und dauern muss, und Alex Ross schwört auf seine Kombi aus CD-Regal und Spotify-Razzien.