Als Finanzministerschreck Varoufakis nach Amtsantritt sogleich vorschlug, dass Athen neue Anleihen ausgeben wolle, deren Zins an Griechenlands Wachstum gekoppelt sei, war auch dem Letzten klar: Wachstum verbindet. Das wollen alle. Wachstumskritik hin oder her, links oder rechts, wer wirtschaftlich darniederliegt, hat keine andere Wahl, als zu wachsen. Und auch jene Wohlhabenden, die Griechenland hart kritisieren, können offenbar nicht anders, als weiter zu wachsen, um das moderne Versprechen des Massenwohlstands einzulösen. Keine amtierende Regierung Europas, keine politische Opposition gibt einen anderen Kurs aus.

Genug gewachsen: Das gibt es trotz der weltweiten Ressourcenknappheiten nicht. Kapitalistische Gesellschaften brauchen Wachstum, damit ihre Versorgungszusagen nicht kollabieren, und den Kollaps will keiner. Sonst landet man in griechischen Verhältnissen, aus denen man wiederum nur mit Wachstum herauskommt. Wie anders ließen sich Pflege und Renten, Gesundheitsversorgung und Schulen, wie ließe sich ein Sozialstaat finanzieren? Ende der Illusion.

Und doch, und doch kehrt keine Ruhe ein unter den Kritikern des Wachstumsimperativs. Ganz im Gegenteil, sie sind quicklebendig. Bestens ausgebildet und guter Dinge. Sie sind an allen Orten der Welt und in allen gesellschaftlichen Sphären zu Hause und melden sich so zahlreich in den Debatten zu Wort, dass sie auch mit ihren Büchern unüberhörbar sind. In diesem Frühjahr erscheint ein ganzer Stapel, und es treten auch drei bemerkenswerte Vertreter der Wachstumskritik, die keineswegs zur Öko-Schickeria gehören, mit neuen Titeln in die Arena.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 12.03.2015.

Die Verschiedenheit der Ansätze, des Alters, der Herkunft macht sie so anregend, und belebend ist die unabgelenkte Skepsis, die sie statt des üblichen Sachzwangrealismus verbreiten. Was sie verbindet: dass ihre Wachstumskritik nicht darin besteht, ökonomisches Schrumpfen zu predigen, sondern nachzudenken, welche Güter zu einem Leben gehören, das man gut nennen kann. Was wachsen sollte, was nicht. Was Lebensqualität in einer Moderne hieße, die sich nicht selbst auffrisst.

Das erste dieser Bücher hat der algerisch-französische Bauer Pierre Rabhi, 76 Jahre alt, geschrieben, der mit seiner Idee eines einfachen Lebens in der Natur leibhaftig Ernst macht, seitdem er vor vier Jahrzehnten mühsam mit Krediten ein karges Stück Land in der Ardèche kaufte. Er machte es fruchtbar, zog dort – jahrelang ohne fließendes Wasser und Strom – mit seiner Frau die fünf Kinder auf, mutierte in Frankreich zur Kultfigur, verbreitete seine Praxis der ökologischen Landwirtschaft ohne Chemie in der Dürre afrikanischer Dörfer, schaffte es mit seinem Lächeln auf die Titelseite von Le Monde magazine. Nun wirbt er für Glückliche Genügsamkeit.

Das zweite der Bücher kommt nicht vom Dorf, sondern aus einer europäischen Metropole. Der 45-jährige Schweizer Historiker Marcel Hänggi hat es verfasst, Wissenschaftsjournalist, Hausmann und Autor der ökologiepolitischen Bücher Wir Schwätzer im Treibhaus (2009) und Ausgepowert (2011). Er bricht nun für den klugen Fortschritt eine Lanze, das heißt für einen "guten Umgang" mit Technik, wohlgemerkt nicht für hitzige spektakuläre Innovationen um jeden Preis, und dieses Buch heißt Fortschrittsgeschichten.

Das dritte Buch hat ein ehemaliger Politiker verfasst, Ecuadors früherer Energieminister Alberto Acosta, ein heute 68-jähriger Volkswirtschaftler, der mit dem Gedanken des guten, naturfreundlichen Lebens Ecuadors Verfassung von 2008 prägte, in der die Naturrechte erstmals weltweit Verfassungsrang bekamen. Sein jüngstes Buch trägt das gute Leben im Titel: Buen vivir.

Alle drei Bücher untersuchen die Wohlstandsversprechen der europäischen Moderne und wollen wissen, was denn Fortschritt heute heißen kann, also jenes aus Europa stammende Rundumversprechen, das einst verhieß: raus aus ohnmächtiger Armut, Ungleichheit und Fremdbestimmung. Diese Autoren sind nichts von dem, was man Ökologen gern nachsagt. Sie sind weder unfroh noch bitter, weder technik- noch wissenschaftsfeindlich, weder utopisch noch unpolitisch, und sie kommen ohne Tugendterror und Zwangsbeglückung aus. Ihr Realismus ist dem der Realpolitiker um Nasenlängen voraus, weil sie von der Endlichkeit der Ressourcen, der Erschöpfung der Böden, der Belastung der Gewässer und der Überhitzung des Klimas als harten Tatsachen ausgehen. Und von einer großen Zahl an Menschen, die sich fragen, warum sie sich in dieser Welt fühlen wie Treibholz, das mal hierhin, mal dahin gespült wird.