Nächster Halt: Hamburg

Liebe und Entwicklungshilfe: Warum Berliner in den Norden fahren

Franziska K., 35, IT-Beraterin, erste Klasse

In Hamburg habe ich ein Geschäftsessen, ein paar Präsentationen, das kommt ungefähr alle drei Monate mal vor. Leider bin ich ein bisschen zu spät, ich hätte eigentlich um 10 Uhr schon dort sein müssen, ich habe mal wieder verschlafen, das ist leider so ein Problem bei mir. Aber das macht nichts, die warten schon auf mich, müssen sie ja! Die Zugfahrt genieße ich, ist ja angenehm hier in der ersten Klasse, auch wenn es um diese Zeit am Montag fast voller ist als in der zweiten Klasse. Pendeln halt viele nach Hamburg. Meine Firma würde natürlich das Hotel zahlen, aber ich schlafe lieber bei Freunden. Ab und zu bin ich ganz gern in Hamburg, aber nach drei Tagen reicht es mir dann auch. Ich wohne gern in Berlin, in Friedrichshain, mittendrin, da ist immer was los. Das Unfertige der Stadt gefällt mir gut, auch wenn es mir häufig einfach zu dreckig ist. Und meine Familie lebt da. Vielleicht ziehen wir irgendwann mal ein bisschen weiter raus aus der Stadt, aber Berlin soll es schon sein, mit S-Bahn-Anschluss natürlich, damit man nicht ständig das Auto nehmen muss.

Jossi M., 38, Controller, Bordrestaurant

Dieses Bordrestaurant wird langsam mein zweites Zuhause, drittes, wenn ich ehrlich bin. Seit einem Jahr fahre ich jeden Montag nach Hamburg. Montag hin, Freitag zurück. Es nervt so unendlich. Ich bin Freiberufler, Bereich Finanzen, Controlling, so was. Ich bin immer da, wo man mich braucht. Neun Jahre habe ich im Ausland gearbeitet, in den USA, in China, Israel. In Deutschland möchte ich nur in Berlin wohnen. Ich fahre montags immer ein bisschen später los, damit ich ein ordentliches Wochenende in meiner Stadt habe. In Berlin bin ich aufgewachsen, hier ist meine Familie, leben die meisten Freunde. Hamburg ist auch okay, die zweitbeste Stadt in Deutschland, würde ich sagen, aber Hamburg hat für mich nichts Großstädtisches. Auch wenn die Menschen dort vielleicht netter sind als in Berlin. Die Berliner sind ein Prollvolk, ich bin hier geboren und sage Ihnen: Berlin war schon immer eine Proletenstadt. Nicht unbedingt sympathisch. Der Job in Hamburg sollte eigentlich bald vorbei sein, doch neuerdings gibt es da eine Frau, das macht die Sache ein wenig komplizierter. Sagen wir mal so: Es wäre schon gut, wenn ich noch ein bisschen pendeln müsste.

Grit S., 38, Modeberaterin, zweite Klasse

Ich fahre etwa einmal im Monat beruflich nach Hamburg, um dort einen Kunden zu beraten, heute Abend fahre ich schon wieder zurück. Ich helfe zum Beispiel jungen Designern, sich am Markt zu etablieren, organisiere Modenschauen und Fotoshootings für Labels, Messestände, alles, was dazugehört. Für meinen Job kommt in Deutschland keine andere Stadt als Berlin infrage. Nicht nur wegen der Fashion Week und der Modemessen. Hier sind so viele Talente, so viele Leute, die was machen wollen in ihrem Leben. Außerdem finde ich, dass Berlin die einzige deutsche Stadt ist, die man überhaupt als solche bezeichnen kann. Mein Büro ist in Mitte, ich wohne aber inzwischen draußen in Brandenburg am See. Das brauche ich, um abzuschalten. Berlin ist rotzig und direkt, unfertig, das mag ich, aber abends muss ich dann auch entspannen können. Hamburg ist eine alte Hafenstadt, kosmopolitisch und offen. Und mit mehr Geld, das merkt man schon, auch im Modebereich: Hamburg ist viel eleganter. Das ist eine der wenigen Sachen, die ich manchmal in Berlin vermisse, da ziehen sich die Leute einfach selten richtig schick an, das ist so schade. Da kommen die Leute im T-Shirt zur Gala.

Hans P., 57, Immobilienverwalter, Kinderabteil

Seit 1992 fahre ich diese Strecke, jede Woche. Montag bis Mittwoch bin ich immer in Hamburg, Donnerstag und Freitag in Berlin. Leider kann ich nicht so gut arbeiten im Zug, es ruckelt einfach zu doll, sehen Sie, wie mein Laptop wackelt? Heute ist wirklich eine Ausnahme, weil das Kinderabteil frei war und ich es ganz für mich allein habe. Morgens fahren fast nie Leute mit Kindern, das wusste ich natürlich – ich kenn mich ja aus, wenn man wie ich so viel Zeit im Zug verbringt, hat man irgendwann alle Tricks raus. Meist fahre ich aber abends und döse vor mich hin. Mit der Bahncard 100 kann ich fahren, wann ich will, das ist natürlich praktisch, aber ich nutze das privat nie. Ich habe dann einfach keine Lust mehr aufs Zugfahren. Für mich ist Berlin keine Großstadt. Es ist so klein und piefig, jeder bleibt in seinem Kiez. Hamburg hingegen empfinde ich als multikulti, weltoffen, da merkt man die Hafenstadt. Olympia sollte keine der beiden Städte bekommen. Man braucht ja eigentlich nur zwei Worte zu sagen: Elbphilharmonie und BER.

Aufgezeichnet von Anke Myrrhe. Die Redakteurin des "Tagesspiegels" fuhr von Berlin nach Hamburg und blieb dabei wach – sonst nickt sie im Zug meist sofort ein.