Alice Schwarzers Gegner sind schon vor ihr da. Am Frankfurter Hof in Mainz reihen sich am vergangenen Montagabend hunderte Menschen in eine Schlange, und alle bekommen ein gelbes Flugblatt des Prostituiertenvereins Doña Carmen in die Hand gedrückt. "Schulterschluss mit den Konservativen – das Frauen verachtende Geschäftsmodell der Moralunternehmerin Alice Schwarzer", Tenor: Schwarzer missachte das Selbstbestimmungsrecht der Frau. Heute Abend geht es zwar nicht um Prostitution, sondern um Vollverschleierung, aber das ist den Flugblattverteilerinnen auch recht. Hat ja beides mit Frauenkörpern zu tun.

Schwarzer tritt gemeinsam mit Julia Klöckner auf, der Hoffnungsreserve der CDU. Zur Podiumsdiskussion hat die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) in Mainz eingeladen. Thema: "Offenes Visier in einer offenen Gesellschaft! Ist die Vollverschleierung mit der Gleichberechtigung von Mann und Frau vereinbar?" Der Andrang sei so groß gewesen, sagt der Leiter des KAS-Landesbüros zur Begrüßung, dass man kurzfristig habe umziehen müssen. Nun ist selbst dieser Saal rappelvoll. Auf der Bühne sitzen eine Reporterin mit syrischen Wurzeln, ein grüner Politiker, ein Verfassungsjurist, die Moderatorin sowie Schwarzer und Klöckner. Die zwei haben nebeneinander Platz genommen.

"Ich muss ja nicht unbedingt ein Freund von Frau Schwarzer sein", sagt der KAS-Leiter. "Was?!", ruft Schwarzer. Aber ihre Haltung zur Vollverschleierung sei "sehr gut", setzt der Mann fort. "Und Frau Klöckner haben wir es zu verdanken, dass Sie heute Abend überhaupt hier sind. Hätte ich Sie eingeladen, wären Sie wohl gar nicht gekommen." Kein Widerspruch von Schwarzer.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 19.03.2015.

Seit die rheinland-pfälzische Oppositionsführerin Julia Klöckner vor einiger Zeit das Verbot der Burka forderte, ist zwischen ihr und der Feministin Alice Schwarzer eine Antiverhüllungsallianz entstanden. Schwarzer schickte Klöckner eine freundliche Mail, Klöckner schrieb zurück, irgendwann telefonierten sie und sind sich seither gewogen. Als Klöckner auf der Mainzer Bühne sagt, dass man die Vollverschleierung nicht einfach als Zeichen der kulturellen Vielfalt abtun könne und dass die Männer das Problem seien, nickt Schwarzer zustimmend. Als danach Schwarzer am Rednerpult steht, dreht Klöckner sich auf ihrem Stuhl um neunzig Grad nach rechts und blickt andächtig zu Schwarzer auf wie zu einer Heiligen. "Die Burka ist ein Leichentuch für die Frauen, unter dem sie verschwinden", sagt Schwarzer, und: "Nicht wir sind die ersten Opfer der Islamisten – es sind ihre unterdrückten Frauen."

Während Schwarzer spricht, schleicht hinter ihr eine Frau mit Kopftuch auf die Bühne, sie hat sich verspätet. Es ist die Journalistin Khola Maryam Hübsch. Sie spielt die Rolle der Burka-Verteidigerin, den Gegenpol zu Klöckner und Schwarzer. "Ein Verbot bestraft sowohl die Opfer, die zur Vollverschleierung gezwungen werden und sonst gar nicht mehr auf die Straße dürften, als auch jene Frauen, die das freiwillig tun", sagt sie. Die Schwachstelle des Gleichberechtigungsarguments sei, so Hübsch, dass unsere sexistische Gesellschaft Frauen zum Objekt degradiere – ein Missstand, der eigentlich aus Schwarzers Leitmotivkiste stammt. "Das dulden wir doch auch", ruft Hübsch, "noch und nöcher!" Und von wegen Verschleierung: Trage nicht auch Maria, die christliche Mutter Gottes, auf vielen Bildnissen ein Kopftuch?

Raunen im Saal. Die Diskussion hat jetzt einen Punkt erreicht, an dem alles, was vielen Menschen Unbehagen bereitet, munter durcheinander geht. Die Burka. Das Kopftuch. Der Islam. Der Feminismus. Die Moderatorin mahnt zur Ordnung. Also, zurück zum Thema. Das Publikum lernt: In ganz Deutschland leben Schätzungen zufolge nur achtzig bis hundert vollverschleierte Frauen, die meisten von ihnen sind Konvertitinnen ohne Migrationshintergrund. Der Verfassungsrechtler sagt, dass ein Verbot juristisch legitimierbar sei. Eine andere Frage sei, ob es politisch wünschenswert ist.

"Wir sind eine offene Gesellschaft, dazu passt keine Vollverschleierung. In manchen Fragen muss der Staat Normen setzen", sagt Julia Klöckner. "Frau Klöckner hat recht", sagt Alice Schwarzer. "Ein Gesetz drückt aus, wie wir leben möchten. Wir regeln unser Miteinander auch durch Verbote." Khola Maryam Hübsch kommt nicht mehr zu Wort. Punktsieg für Klöckner und Schwarzer.

Am Ende dankt der Leiter der KAS-Landesstelle für die lebhafte Diskussion und stellt "erstaunlich viele Übereinstimmungen" fest. Schwarzer und Klöckner gehen plaudernd ab.

Noch ein gemeinsames Foto? Natürlich, gerne. Julia Klöckner und Alice Schwarzer stellen sich nebeneinander vor die Bühne. Klöckner trägt ein giftgrünes, kurzes Kleid und schwarze Stiefel mit sehr hohem Absatz. Schwarzer trägt etwas Dunkles, Wallendes und schwarze Stiefel mit sehr flachem Absatz. Für das Foto mit Klöckner stellt sie sich auf die Zehenspitzen, wegen der Augenhöhe. Es reicht nicht ganz.