Nach Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, ist es in Vierteln mit hohem Anteil von Muslimen für Juden gefährlich, eine Kippa zu tragen. Ich kann das verstehen. Antisemitismus unter Muslimen ist seit einigen Jahren auch in der muslimischen Community ein Thema. Wir alle kennen Fälle, in denen Juden beschimpft, angespuckt oder sogar angegriffen worden sind. Dieses Verhalten ist beschämend. Insofern können wir Herrn Schuster nur dankbar sein, denn er nimmt uns in die Pflicht, dort die Stimme zu erheben, wo gegen das Ethos des Islams verstoßen wird.

Der islamisch verbrämte Antisemitismus ist ein modernes Phänomen. Als sein Begründer gilt der ägyptische Autor und Vordenker der Muslimbruderschaft Sajjid Kutb. Inspiriert von den Protokollen der Weisen von Zion , nahm Kutb in seiner Koranexegese das antisemitische Stereotyp von der jüdischen Weltverschwörung auf. Sie diente ihm als Erklärung für den politischen Niedergang der muslimischen Welt und die Gründung des Staates Israel. In Kutbs geschlossenem Weltbild wurde das Judentum als eine monolithische, zentral gelenkte Gemeinschaft dämonisiert, die auf eine totalitäre Weltdiktatur hinarbeite. Muslime müssten deshalb, so Kutb, zum Wohle aller das Judentum bekämpfen.

Viel zu lange haben diejenigen, die Verantwortung in der muslimischen Religionsgemeinschaft tragen, Gelehrte und Intellektuelle, weggesehen oder wurden gar selbst von dieser Krankheit infiziert. Zudem sind viele Muslime religiöse Analphabeten: Sie wissen nichts über die islamische Ethik, und sie wissen nichts über das Judentum. Juden werden einzig und allein unter dem Aspekt des Nahostkonflikts wahrgenommen – und darin als der Andere, als der Gegner, als der Feind. In den seltensten Fällen sind antisemitisch eingestellte Muslime überhaupt je Juden begegnet.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 19.03.2015.

Wer als Muslim das Wort Jude als Schimpfwort verwendet, verhält sich genauso wie jene Islamophoben, die das Wort Muslim als Schimpfwort benutzen. Wer Juden beleidigt, der beleidigt die Propheten Moses, David, Salomo und Jesus, die allesamt aus dem jüdischen Volk stammen. Für jeden Muslim ist es Pflicht, an diese Propheten zu glauben. Wer Juden abwertet, der wertet die Ehefrau des Propheten Mohammed, Safija bint Hujaj, ab, die Jüdin war und wie alle Ehefrauen des Propheten den Ehrentitel Mutter der Gläubigen trägt. Wer Verschwörungstheorien über Juden strickt, der handelt nicht anders als jene Muslimfeinde, die von einer Islamisierung des Abendlandes durch eine globale muslimische Verschwörung reden. Wer Juden für die Politik des Staates Israels verantwortlich macht, der unterscheidet sich nicht von jenen, die Muslime für den Terror des sogenannten Islamischen Staates und Al-Kaida verantwortlich machen. Wer Anschläge auf Synagogen begeht oder gutheißt, der handelt nicht anders als jene Islamophoben, die Anschläge auf Moscheen begehen. Gott hat im Koran Synagogen unter seinen Schutz gestellt. Wer eine Synagoge angreift, der greift Gott an. Wer nicht bereit ist zu differenzieren, aber von Nichtmuslimen verlangt, hinsichtlich des Islams zu differenzieren, der ist ein Heuchler.

Uns verbindet mehr als uns trennt. Juden und Muslime sind keine Fremden, und vor dem Nahostkonflikt waren wir es auch nicht.

Seit einigen Jahren versuche ich, diese Sicht jungen Muslimen zu vermitteln. Ich halte Vorträge über Antisemitismus in Moscheen oder vor muslimischen Hochschulgruppen. Ich stelle theologische Texte, die die Gemeinsamkeiten von Judentum und Islam hervorheben, im Internet bereit. So versuche ich, dem sich ölfleckenartig ausbreitenden Antisemitismus etwas entgegenzusetzen.

Wie geht man damit um, wenn ein junger palästinensischstämmiger Muslim sagt, mit dem Davidstern verbinde er nur Unterdrückung und Vertreibung? Das ist Teil seiner Erinnerungskultur. Wie kann man ihn aber zugleich für die deutsche Geschichte sensibilisieren? Die Familiengeschichten von Muslimen in Deutschland sind nicht mit der Schuld am Holocaust verknüpft. Zugleich stehen wir als deutsche Staatsbürger in der Verantwortung. Die Synthese beider Erinnerungskulturen gelingt dann, wenn die Ermordung von sechs Millionen Juden als Angriff auf die Würde eines jeden Menschen vermittelt wird. Wenn dies angenommen wird, wird eine ausgewogenere Sicht auf den Nahostkonflikt möglich. Es ist dann kein Widerspruch, das Existenzrecht und die Sicherheit Israels zu akzeptieren und dies mit dem Engagement für das Existenzrecht der Palästinenser in gesicherten Grenzen zu verbinden. Denn beide Erinnerungskulturen münden in die Verpflichtung, einzuschreiten, wenn Menschen die Würde ihrer Mitmenschen antasten.

Es ist Zeit, dass kritische Muslime ihre Stimme erheben. Wenn ein Imam in seiner Freitagspredigt gegen Juden wettert, so lasst uns aufstehen und den Imam kritisieren. Hass darf keinen Platz in einer Moschee bekommen. Wenn in einer Moschee antisemitische Lektüre verbreitet wird, dann lasst uns die Verkäufer zur Rede stellen. Wenn Jugendliche das Wort Jude als Schimpfwort benutzen, dann lasst sie uns zurechtweisen. Lasst uns endlich aktiv werden gegen Antisemitismus! In einem Prophetenwort heißt es: "Ich hörte Gottes Gesandten (Gottes Segen und Heil auf ihm) sagen: 'Wer von euch etwas zu Verabscheuendes sieht, soll es mit seiner Hand verändern, und wenn er dies nicht vermag, so soll er es mit seiner Zunge verändern, und wenn er (selbst) das nicht vermag, dann mit seinem Herzen, und dies ist das Mindeste an Glauben.'"